Kapitel 26

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Ich starrte auf den Zettel in meiner Hand. Die Worte darauf brannten sich in mein Gehirn. Die Buchstaben verschwammen vor meinen Augen, doch der Text blieb unverändert:

„Du bist der Schlüssel. Dein Vater braucht dich, um zu bekommen, was er will."

Es fühlte sich an, als hätte sich der Boden unter meinen Füßen aufgerissen. Alles, was ich je geglaubt hatte, schien in einem einzigen Augenblick zusammenzubrechen. Ich ließ den Zettel sinken, meine Hände zitterten, und mein Blick richtete sich auf Londan.

„Was bedeutet das? Was ist das für ein Plan?" Meine Stimme klang hohl, als wäre ich in einem Albtraum gefangen, aus dem ich nicht entkommen konnte.

Londan schloss die Augen für einen Moment, als würde er sich vorbereiten, etwas zu sagen, das alles ändern würde. Er schien zu wissen, dass das, was er jetzt sagte, nicht nur mich, sondern alles, was ich über meine Vergangenheit zu wissen glaubte, zerstören würde. Aber er hatte keine Wahl, er musste es mir sagen.

„Dein Vater... er hat dich nie einfach nur als Werkzeug benutzt", begann er, und seine Stimme war so leise, dass ich mich anstrengen musste, ihn zu hören. „Er hat dich benutzt, um Zugang zu etwas viel Größerem zu bekommen. Etwas, das du selbst nicht begreifen kannst."

Ich presste die Lippen zusammen und trat einen Schritt auf ihn zu. „Du redest im Kreis. Was ist das für etwas? Was hat er vor?"

„Es geht um Macht, Ella. Um Kontrolle. Um eine Sache, die dein Vater vor Jahren entdeckt hat und die er nur mit deiner Hilfe entfalten kann." Londans Augen blickten auf den Boden, als er weitersprach. „Er ist nicht der Mann, den du zu kennen glaubst. Und auch nicht die Person, die du dachtest, dass er war. Dein Vater ist ein Teil von etwas, das weit über deine Vorstellungskraft hinausgeht. Etwas, das er kontrollieren will, um..." Er atmete scharf ein. „Um die Welt zu verändern."

Ich wusste, dass er die Wahrheit sprach, und doch weigerte sich mein Verstand, sie zu akzeptieren. Welt verändern? Ich konnte mir nichts Schrecklicheres vorstellen. „Und warum... warum sollte ich der Schlüssel zu all dem sein? Warum ausgerechnet ich?"

„Du hast seine Gene", sagte er einfach. „Du hast eine Verbindung zu ihm, die tiefere Bedeutung hat, als du dir vorstellen kannst. Diese... diese Fähigkeit, die in dir steckt, Ella – sie ist der Schlüssel zu dem, was er sucht."

Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. „Was für eine Fähigkeit?" Ich trat einen Schritt zurück. „Du redest, als ob ich ein Experiment wäre. Ein... ein..." Ich konnte das Wort nicht aussprechen, doch Londan nickte.

„Genau. Du bist kein Zufall. Du bist der Höhepunkt seiner Forschung. Dein Vater hat dich nicht einfach als Tochter gezeugt – er hat dich geplant."

Die Worte hingen schwer in der Luft. Ich spürte, wie sich meine Welt weiter auflöste, als hätte jemand den letzten Rest von Stabilität unter mir weggezogen.

„Was für Forschung? Was hat er gemacht? Und warum hast du mir das nicht früher gesagt? Warum hast du mich in all dem gelassen?" Ich konnte kaum an mich halten, der Schmerz und die Wut vermischten sich zu einer giftigen Mischung in meinem Inneren.

„Weil ich nicht wusste, wie ich es dir sagen sollte", antwortete Londan mit einer Mischung aus Reue und Zorn. „Weil ich nicht wusste, ob du es überleben würdest. Dein Vater hat nicht nur mit dir gespielt – er hat dich auf eine Weise geformt, wie man einen perfekten Schachzug plant. Du hast eine Verbindung zu ihm, die du nicht verstehst. Etwas, das du nicht kontrollieren kannst."

Er seufzte und sah mich nun fest an, als würde er mir ein Geheimnis anvertrauen, das den Rest meines Lebens verändern würde. „Es geht um das Erbe, Ella. Um die Verbindung zwischen dir und ihm. Deine Mutter... Sie wusste davon. Sie war ein Teil davon."

Die Worte trafen mich wie ein Schlag. Meine Mutter? Was hatte sie mit all dem zu tun? Und warum hatte sie mich nie gewarnt?

„Was meinst du?" Ich konnte nicht anders, als ihn anzustarren, die Frage brannte auf meiner Zunge.

„Deine Mutter war nie einfach nur eine unschuldige Frau, Ella. Sie war eine Wissenschaftlerin. Sie war in das Ganze verwickelt. Sie wusste, was dein Vater tat, aber sie hatte andere Pläne. Sie wollte dich schützen. Sie wusste, dass du mehr bist als das, was dein Vater dir vorgemacht hat. Aber sie hat nicht überlebt, um dir die Wahrheit zu sagen."

Die Luft in der Kellerräume schien plötzlich viel dünner zu werden. Ich wusste nicht, ob ich weinen oder schreien sollte. Meine Mutter... Ich hatte sie immer als die gute Seele in meiner Vergangenheit gesehen. Diejenige, die mich geliebt hatte, die mir Sicherheit gegeben hatte. Aber jetzt hatte ich das Gefühl, dass alles, was ich über sie zu wissen geglaubt hatte, auch nur ein Teil von einem viel größeren, dunkleren Bild war.

„Was genau hat sie versucht zu verhindern?" Meine Stimme war jetzt kaum mehr als ein Flüstern, als ich mich aus den Ketten befreite und langsam auf Londan zuging.

„Sie hat versucht, dich zu verstecken. Sie wusste, dass dein Vater mit dir alles erreichen würde, was er je wollte – und mehr. Aber sie wusste auch, dass du nie freiwillig mit ihm zusammenarbeiten würdest. Deswegen hat sie dich versteckt. Deswegen hat sie versucht, dich in Sicherheit zu wiegen."

„Also... also war sie in Gefahr, weil sie mich beschützt hat?", fragte ich, meine Kehle wie zugeschnürt.

„Ja. Und sie hat sich selbst geopfert, um dich zu retten. Aber jetzt ist es an dir, zu entscheiden, ob du den Kampf weiterführen willst, oder ob du dich wieder ihm unterwirfst." Londan stand jetzt direkt vor mir, seine Augen voll mit einer Mischung aus Sorge und etwas, das ich nicht genau deuten konnte.

„Er ist immer noch hinter dir her, Ella. Und er wird dich nicht einfach in Ruhe lassen. Er wird immer weiter kommen, bis er dich hat. Und dann... wird alles passieren, was er sich vorgenommen hat."

Ich atmete tief ein, versuchte, die Worte zu verarbeiten. Aber es war, als würde alles in mir zusammenbrechen, während ein Teil von mir wusste, dass es keine Rückkehr mehr gab. Ich war jetzt diejenige, die entscheiden musste, wie es weiterging.

„Ich werde ihn nicht gewinnen lassen", sagte ich schließlich, mein Blick brannte wie Feuer. „Ich werde nicht das Opfer seiner Pläne sein. Nicht jetzt. Nicht je wieder."

Londan nickte. „Dann musst du wissen, dass der Kampf jetzt erst beginnt, Ella. Und er wird nicht einfach sein. Aber du bist nicht alleine. Ich werde dich nicht im Stich lassen."

„Du wirst sehen, dass ich mehr bin als das, was er mir vorgemacht hat", flüsterte ich und ließ mich endgültig von der Dunkelheit umhüllen.

Es war der Moment der Wahrheit. Und es war mein Moment, zurückzukommen.

BlakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt