Kapitel 28

17 2 0
                                        


Die Nacht schlich langsam in den Keller, als ich das Buch mit einer festen Hand hielt. Der Raum schien immer dunkler zu werden, als würde sich die Welt um mich herum in eine immer tiefere, undurchdringliche Dunkelheit hüllen. Aber ich war nicht länger ängstlich. Die Dunkelheit hatte etwas Vertrautes, fast Beruhigendes, für mich. Sie hatte mich nie verlassen, auch als ich glaubte, sie sei mein Feind.

Ich sah zu Londan, der an der Wand lehnte und mich beobachtete. Er hatte mir nichts weiter zu sagen, nur den Blick in den Augen, der mir versicherte, dass ich jetzt den Schritt allein machen musste. Das war der Moment, an dem die Entscheidung endgültig war. Die Worte, die ich gerade gelesen hatte, hallten in meinem Kopf, jeder einzelne Buchstabe wie ein Echo, das mich in die Tiefe zog. Und trotzdem wusste ich, dass dies der einzige Weg war, den ich noch gehen konnte.

„Du hast nie gesagt, was für eine Fähigkeit ich habe", sagte ich langsam, mein Blick unverwandt auf das Buch gerichtet, das noch immer in meinen Händen lag. „Was soll das heißen?"

Londan trat einen Schritt näher, seine Miene nachdenklich, aber auch entschlossen. „Weil ich es dir nicht einfach erklären kann. Es ist etwas, das du selbst erfahren musst, Ella. Es ist... tief in dir verborgen. Und du musst bereit sein, es zu nutzen."

Ich spürte ein Stechen in meiner Brust. Die Worte aus dem Buch waren unklar, aber sie hatten in mir etwas geweckt. Etwas, das ich nicht zu verstehen vermochte. Und es beängstigte mich. Was, wenn ich es nicht kontrollieren konnte? Was, wenn es mich selbst verschlang?

„Aber ich... ich weiß nicht, ob ich bereit bin", flüsterte ich, während sich das kalte, dumpfe Gefühl der Angst wieder in mir ausbreitete. „Ich will nicht mehr von ihm kontrolliert werden, aber... Was ist, wenn ich in dieser Dunkelheit auch verloren gehe?"

Londan legte eine Hand auf meinen Arm, sein Griff fest, aber sanft. „Niemand kann dir sagen, wie du es genau machst. Aber du bist nicht allein, Ella. Du hast die Wahl. Du kannst dich der Dunkelheit stellen oder sie weiterhin von dir wegschieben. Aber wenn du verstehst, was du wirklich in dir trägst, dann wirst du dich auch nicht mehr davor fürchten müssen. Du musst lernen, sie zu beherrschen. Du musst lernen, dich selbst zu beherrschen."

Seine Worte hallten in mir nach. Selbst beherrschen...

Ich atmete tief ein und schloss für einen Moment die Augen. Das war mein Moment. Ich war nicht mehr die Unwissende, die das Schicksal einfach hinnehmen konnte. Ich war mehr als das.

„Was muss ich tun?", fragte ich, meine Stimme fest, als ich das Buch wieder aufschlug.

Londan sah mich einen Augenblick lang an, dann trat er zurück und deutete auf die dunkle Ecke des Raumes. „Du musst dich dem stellen, was du am meisten fürchtest. Du musst in die Dunkelheit eintauchen, um zu verstehen, was du in dir trägst. Es ist wie ein Ritual, ein Akt der Wahrheit. Du wirst es fühlen, Ella. Aber nur, wenn du es zulässt."

Ich nickte langsam. Es gab keinen zurück mehr. Was immer es war, das in mir schlummerte, ich würde es jetzt entfachen. Ich war bereit, es zu erwecken, auch wenn ich nicht wusste, was es bedeuten würde.

Langsam trat ich in die dunkle Ecke des Kellers. Der Raum schien sich zu dehnen, als ob die Wände sich verschoben. Die Luft war dick und schwer, aber es war mehr als nur stickig – es fühlte sich an, als ob sie selbst von einer unausgesprochenen Energie durchzogen war. Es war, als würde der Raum atmen.

„Schließ deine Augen", sagte Londan leise.

Ich tat, wie mir geheißen. Als meine Augen hinter den Lidern verschwanden, spürte ich, wie sich etwas in mir zu regen begann. Ein Strom. Ein pulsierendes Gefühl, das von meiner Brust ausging und bis in meine Hände und Füße zog. Es war nicht angenehm. Es war schmerzhaft, als ob sich meine Haut auf der Innenseite zu verformen begann, als ob ich etwas in mir aufweckte, das tief in den Schatten vergraben war.

Und dann... dann hörte ich es. Ein Flüstern. Zuerst nur leise, dann immer lauter.

„Ella..."

Es war eine Stimme. Eine fremde, dunkle Stimme. Sie schien von überall und nirgendwo her zu kommen. Ich zuckte zusammen, doch das Flüstern verstummte nicht. Es wurde lauter. „Komm zu mir. Du bist der Schlüssel."

Mein Herz raste, aber ich zwang mich, ruhig zu bleiben. Das war die Dunkelheit, die ich fürchtete. Aber sie war auch die Antwort.

„Du bist der Schlüssel", wiederholte die Stimme. „Du bist mehr als du denkst. Mehr als du dir je vorstellen konntest. Deine Macht ist stärker als du glaubst, Ella. Du musst lernen, sie zu nutzen. Sieh hin. Sieh tief in dir, und du wirst es verstehen."

Die Worte drangen in mein Bewusstsein wie ein Knoten, der sich langsam zu entwirren begann. Was war das? Ich hatte das Gefühl, in einen Abgrund zu blicken. Und trotzdem fühlte es sich nicht nur furchterregend an. Es war auch... befreiend.

„Du musst dich von allem trennen, was du für sicher gehalten hast. Nur dann wirst du die wahre Macht in dir spüren. Nur dann wirst du verstehen, was du wirklich bist."

Ich öffnete die Augen und sah Londan, der mich mit einem Ausdruck von Besorgnis und doch auch von Hoffnung anstarrte. „Es ist der Moment, Ella. Jetzt."

Die Worte der Stimme hallten weiter in meinem Kopf. „Du bist der Schlüssel."

Ich hob die Hand, als spürte ich plötzlich eine unsichtbare Energie, die durch meine Fingerspitzen zuckten. Die Dunkelheit fühlte sich nicht mehr wie ein Feind an. Sie war jetzt ein Teil von mir, ein Teil, den ich kontrollieren konnte. Und während ich diese Energie spürte, wusste ich plötzlich, dass ich nicht hilflos war. Dass ich die Kontrolle hatte.

„Ich verstehe", flüsterte ich, mein Blick glühte vor Entschlossenheit. „Ich werde mich nicht mehr verstecken. Ich werde nicht mehr die Marionette sein. Und ich werde mein Leben nicht mehr von ihm bestimmen lassen."

Londan trat einen Schritt näher. „Bist du sicher?"

„Ja", antwortete ich mit fester Stimme. „Ich bin bereit. Und ich werde kämpfen. Bis zum Ende."

Ein seltsames Gefühl der Ruhe durchströmte mich. Alles in mir war auf einen Punkt fokussiert. Es war Zeit. Die Dunkelheit war nicht mehr mein Feind. Sie war jetzt meine Waffe.

Der Krieg hatte begonnen. Und ich würde nicht nur gegen meinen Vater kämpfen – sondern auch gegen alles, was er mir beigebracht hatte, über mich selbst zu glauben.

Ich war nicht nur ein Schlüssel. Ich war der, der die Tür aufbrach.

BlakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt