Kapitel 24

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Ich stand da, zitternd und keuchend, den Blick in die Dunkelheit gerichtet. Der Schmerz in meinen Handgelenken, die Wunden an meinen Fingern, all das war nebensächlich im Vergleich zu dem, was jetzt in mir brannte. Ich war nicht mehr das Mädchen, das in dieser Dunkelheit auf Hilfe gewartet hatte. Ich hatte mich selbst befreit, mich selbst erhoben, auch wenn es nur für einen kurzen Moment war. Doch dieser Moment war genug.

Dann hörte ich Schritte. Langsame, schwere Schritte, die sich über den Boden näherten. Ich fröstelte, drehte mich aber nicht um. Ich wusste, wer es war, bevor der Schatten durch die schmale Öffnung der Kellertür trat. Mein Vater.

Er stand im Türrahmen, sein Gesicht von den dunklen Schatten des Raumes kaum zu erkennen. Aber ich konnte ihn spüren. Die Kälte, die von ihm ausging, und der Blick, der mich durchdrang. Es war derselbe Blick, den er immer auf mich gerichtet hatte – als wäre ich nichts anderes als ein Objekt, ein Werkzeug.

„Du hast also doch die Ketten abgerissen", sagte er ruhig, als ob es nichts weiter wäre. Seine Stimme war wie eisige Luft, die in den Raum strömte. „Du hast mir nie geglaubt, dass du es niemals alleine schaffen würdest, oder?"

Ich erwiderte nichts. Ich wollte nichts mehr sagen. Alles, was ich jetzt tat, war, mich ihm zu stellen. Die Wut in mir kochte hoch, aber sie war nicht mehr nur Wut. Sie war auch eine seltsame, kalte Klarheit. Ich hatte alles verloren – aber das hier, dieser Moment, war mein. Ich hatte ihn jetzt.

Er trat einen Schritt näher, und ich konnte die blutunterlaufenen Augen in seinem Gesicht sehen, den Hauch eines Grinsens, der nicht einmal als Lächeln durchging.

„Du hast dich nie wirklich gegen mich aufgelehnt, Ella. Du hast immer gehofft, dass du es irgendwie doch noch ändern könntest. Aber das ist der Punkt, an dem du verstehst, dass es nicht geht. Es gab nie einen Weg für dich, mich zu besiegen. Du bist nichts."

Ich trat einen Schritt auf ihn zu. Der Schmerz in meinen Gliedern war unbeschreiblich, doch ich hatte das Gefühl, dass alles, was ich bisher ertragen hatte, mir eine Stärke verliehen hatte, von der er keine Ahnung hatte.

„Ich bin mehr als das, was du siehst", sagte ich mit einer Stimme, die ich selbst kaum wiedererkannte – fest, kontrolliert, wie die Klinge eines Messers. „Du hast nie verstanden, wer ich wirklich bin. Aber ich werde es dir jetzt zeigen."

Ich sah, wie er kurz zögerte. Es war nur ein winziger Moment, doch er reichte aus, um zu wissen, dass er die Veränderung in mir spürte. Vielleicht hatte er mich immer als sein Eigentum gesehen, als etwas, das er kontrollieren konnte, aber jetzt war er unsicher. Vielleicht ahnte er, dass ich nicht mehr das wehrlose Mädchen war, das er in der Hand hatte.

„Du kannst dich immer noch nicht befreien, Ella", sagte er dann, und seine Stimme hatte nun einen scharfen, beinahe resignierten Klang. „Ich habe alles, was ich brauche. Ich habe alles in meiner Hand, und du kannst gar nichts tun."

„Ich habe mehr, als du je hattest", antwortete ich. „Ich habe mich selbst. Und das ist mehr als genug."

Er lachte, aber es war kein echtes Lachen. Es klang bitter, wie ein böses, kaltes Echo. Dann trat er endgültig in den Raum, kam auf mich zu und stellte sich direkt vor mich. Seine Größe war erdrückend, sein Körper immer noch der des Mannes, der mich mein ganzes Leben lang unterdrückt hatte. Aber jetzt, in diesem Moment, konnte ich nicht mehr den Jungen in mir sehen, der mich früher gequält hatte. Ich sah nur einen Mann, der am Ende war. Ein Mann, der sich in seinen eigenen Lügen verfangen hatte.

„Du hast nie verstanden, wie weit ich gehen kann, Ella", flüsterte er, und für einen Moment spürte ich den Hauch von Gefahr in seiner Stimme. „Aber du wirst es bald verstehen. Du wirst wissen, was es heißt, wirklich nichts zu sein."

Ich sah ihm in die Augen und spürte, wie mein Herz schneller schlug, doch nicht aus Angst. Es war etwas anderes. Etwas, das mich antrieb.

„Du hast mir alles genommen, was mir lieb war", sagte ich, meine Stimme jetzt ruhig und klar. „Aber du hast einen Fehler gemacht. Du hast nie geglaubt, dass ich irgendwann aufstehe. Und das wird dir das Genick brechen."

Er schnaubte und schüttelte den Kopf, als ob er mich immer noch nicht ernst nahm. „Du kannst mir nichts anhaben, Ella. Du bist zu schwach."

„Stimmt", antwortete ich leise, „aber du bist jetzt genauso schwach wie ich war. Nur weißt du es noch nicht."

Er ging einen Schritt zurück, ein leichtes Stirnrunzeln auf seinem Gesicht, als würde er das, was ich gesagt hatte, in irgendeiner Weise noch nicht begreifen. Aber ich wusste: Es war der Moment, in dem er zum ersten Mal in all den Jahren nicht die Kontrolle hatte. Es war der Moment, in dem er spürte, dass er nicht unbesiegbar war.

„Du wirst dich bald wieder beugen", sagte er, doch seine Stimme klang nicht mehr so selbstsicher. Er wusste, dass das, was er gerade gesagt hatte, keine Wahrheit war.

Ich stand da, aufrecht, in der Dunkelheit, und spürte zum ersten Mal, wie sich etwas in mir veränderte. Die Dunkelheit war nicht mehr nur etwas, das mich erdrückte. Sie war jetzt ein Teil von mir – und ich war bereit, sie zu nutzen.

„Das wird der letzte Fehler gewesen sein, den du gemacht hast", flüsterte ich, und in meinen Augen glomm das Feuer auf.

Er drehte sich abrupt um und ging wieder. Aber ich wusste, dass er nicht mehr der Sieger war.

BlakeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt