Kapitel 72 (Orion)

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Auf dem Schiff angekommen zog sich Orion ins Innere des Schiffes zurück, während die anderen an Deck blieben. Er musste nachdenken und das konnte er nur alleine. Orion setzte sich aufs Sofa. Was sollte er nur tun? Wo sollte er anfangen, all das zu reparieren, was er zerstört hatte? Er hatte keine Ahnung. Das einzige was ihm klar war was, dass er etwas tun musste. Er konnte nicht so weitermachen, wie zuvor. Er musste das genaue Gegenteil machen.

Das einfachste von allen war, sich bei allen zu entschuldigen, doch selbst das war unfassbar schwer. Was er getan hatte, war schließlich kein dummer Streich, der mit einem simplen sorry vergessen war. Da musste deutlich mehr kommen, als das. Doch was? Und wie sollte es danach weitergehen? Die Darkoner befreien? Aber wie? Und was wenn sie ihn danach angriffen? Dem musste er sich wohl oder übel stellen. Genauso wie allem anderen. Wie hatte er nur so dumm sein können? Nie im Leben konnte er all das zurechtrücken.

Vielleicht wäre es das beste, wenn er sein Leben einfach beendete. Dann konnte er wenigstens keine weiteren Schäden anrichten. Das bewahrte ihn zudem vor all dem Hass, den er auf sich gezogen hatte. Sobald er seine Fehler so gut wie möglich behoben hatte, hielt ihn nichts und niemand mehr davon ab.

Wie war aus ihm nur so ein kranker Psycho werden können? Er dachte an seine Kindheit. Als er etwa acht Jahre alt gewesen war, hatten sich seine Eltern getrennt. Daraufhin wurde sein Vater extrem abweisend, bis er schließlich vollständig verschwand. All das war extrem hart, aber Orion war sich sicher, dass das alleine ihn noch nicht zu so einem Scheusal gemacht hatte. Immerhin waren Emma (seine kleine Schwester) und seine Mutter damals für ihn da, genauso wie er für die beiden.

Orion überlegte weiter. Er erinnerte sich, wie seine Mutter ein Jahr nach der Trennung beschlossen hatte, in eine neue Stadt zu ziehen und von vorne anzufangen. Emma fand in ihrem neuen Kindergarten schnell Freunde, doch Orion war nicht so gesellig wie sie. Er war viel klüger als die anderen Kinder in seinem Alter, weshalb er schon Klassen übersprungen hatte. Als jüngsten un der Klasse nahm ihn keiner richtig ernst. Sie mobbten ihn nicht, hielten ihn jedoch für zu unreif, um sich mit ihm anzufreunden. Das hatte ihn nie gestört. Er war als Kind gerne alleine gewesen, entweder mit einem Buch oder einem Rätselheft in der Hand. Emma und er besuchten auch in der neuen Stadt, die direkt an der Küste war, eine Meerschule. Es war ihr wichtig gewesen, dass die Kinder Kontakt zu beiden Welten hatten. Dort hatte er Jinx kennengelernt und sich schnell mit ihm angefreundet. Zusammen hatten die beiden Jungen als Kinder eine Menge Spaß und stellten gelegentlich auch Blödsinn an. Sie ärgerten kleinere Kinder, spielten Streiche und machten die Gegend unsicher. Jinx ermutigte Orion meistens. Dies war jedoch auch nicht der Punkt, an dem Orion so böse geworden war.

Orion überlegte weiter. Wann war aus ihm ein Verbrecher geworden? War es vielleicht als er mit 13 Jahren wieder Kontakt zu seinem Vater aufgenommen hatte? Emma und seine Mutter waren ausgerastet, als sie es erfahren hatten. Er hatte all das jedoch ignoriert und war ihm wieder näher gekommen. Orion erinnerte sich, wie er mit ihm über die Meerwelt geredet hatte. Als Höhlenmenschen und Bildungsfern hatte er sie bezeichnet. Er hatte gesagt, dass sie früher oder später aussterben würde und ihm geraten, an Land zu bleiben. Es war echt beeindruckend, wie leicht Kinder zu beeinflussen waren und wie sehr sich die Lehrern der Kindheit in einem verankerten. Orion sprach mit Jinx darüber, der diese Ansichten nach einer Weile ebenfalls zu glauben begann. So hatte alles seinen Anfang genommen. Das hatte zu Spannungen in der Familie geführt, sodass Orion letzten Endes zu seinem Vater gezogen war. Emma und seine Mutter hatten danach den Kontakt zu ihm abgebrochen.

Ob sie wohl noch an ihn dachten? Orion wusste es nicht. Wahrscheinlich würde er es nie erfahren. Das letzte was er gehört hatte, war dass Emma geheiratet hatte. Sie hatte ihn damals sogar eingeladen, aber er hatte es nicht für nötig gehalten zu kommen.

Kurz überlegte er sie anzurufen. Die Nummer hatte er. Immerhin hatte Emma im Laufe der Jahre ein paar Mal versucht, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Doch konnte er nach dreißig Jahren ohne Kontakt einfach anrufen und ein Gespräch beginnen? Wohl kaum, zumal Alea ihm sein Handy abgenommen und es versteckt hatte. Die Chance dass sie es ihm auf Nachfrage geben würde war sehr gering und die dass Emma reagieren würde war nach all der Zeit noch geringer.

Er hatte alle belogen oder von sich gestoßen, die ihn wirklich geliebt und ihm vertraut hatten und nun war er ganz alleine. Nach allem was er getan hatte, würde es auch sicher für den Rest seines Lebens so bleiben. Konnte er mit diesem Hass wirklich noch etwa 40 Jahre leben? Wohl kaum. Besonders da er wusste, dass er den Hass verdient hatte.

Schwestern auf Lebenszeit Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt