Kapitel 6

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Das, was im nächsten Moment passierte, hätte wirklich schiefgehen können. Hätte ich nicht zu Joris geschaut, dann wäre alles anders gelaufen. Aber ich schaute zu Joris. Er konnte es mir nicht telepathisch mitteilen, da einer von ihnen eine Gabe besitzen könnte, mit der er hören konnte, was wir sagten. Joris deutete auf den Mann, der hinter mir stand und mir Handschellen anlegen wollte, dann fasste er sich an die Kehle. Danach deutete er auf sich selbst und dann auf die Pistole, die der Mann in der Hand hielt, der ihm Handschellen anlegen wollte. Ich konnte natürlich nur ahnen, was er mit dem erstem Teil meinte , aber der letzte Teil schien mir ziemlich offensichtlich. Er wollte wahrscheinlich irgendwie dem Mann die Pistole wegnehmen, aber was genau meinte er jetzt mit dem erstem Teil? Ich schaute Joris fragend an. Er deutete wieder auf den Mann, der hinter mir stand und dann zog er sich selbst an den Haaren. Okayy? Ich verstand im selben Moment wie der Mann hinter mir, was Joris damit meinte, nur reagierte ich schneller. Ich drehte mich blitzschnell zu ihm um und stieß dabei (eigentlich versehentlich) mit meinem Ellbogen gegen seine Nase und sie fing an zu bluten. Das riss sofort die ganze Aufmerksamkeit auf mich und ihn. Genau in diesem Moment riss Joris dann einem der Männer die Waffe aus der Hand und zielte auf den Kopf des Mannes, dem er eben die Pistole entwendet hatte.
"Waffen fallen lassen, oder er ist tot", rief er.
"Was sollte uns davon abhalten, sie zu töten?" Fragte der Mann hinter mir und richtete seine Waffe an meinen Kopf. Ruckartig wurde ich von ihm nach hinten gerissen.
"Mach doch", sagte Joris grinsend.
"Das nenn ich ja mal Freundschaft", sagte der Mann hinter mir und verstärkte den Griff um meinen Hals. Das reichte mir jetzt. Ich trat nach hinten aus und traf sein Schienbein. Aus Schreck lies er mich los und ging ein paar Schritte rückwärts. Ich drehte mich zu ihm um und sagte wütend: "Wenn du so weiter machst, erwirgst du mich noch!"
Er lachte. Wenn ich ganz monoton sprach, lachte mich niemand aus. Du darfst keine negativen und keine positiven Gefühle zeigen, sagte ich mir.
"Und dann könnte ich ihn auch erschießen", stellte der Mann, der Eduard festhielt fest und fuhr dann fort: "Dann hättest du einen Verlust von zwei Leuten und wir einen von einer Person. Willst du das wirklich?" Drei. Er hatte Mark vergessen.
In Filmen und Büchern ging das alles immer viel leichter. Wenn da ein Freund oder so bedroht wurde, hörten alle immer sofort auf zu kämpfen oder was auch immer.
Ich drehte mich wieder zu den anderen um, was ich sofort bereute. Diesmal wurde ich zwar nicht gewirgt, dafür wurden mir aber blitzschnell Handschellen angelegt.
"Mir bedeuten die beiden nichts, euch bedeutet er schon etwas, stimmts?" Sagte Joris. Kluger Junge. Auch wenn es einen schon etwas verletzen konnte, dass "Mir bedeuten die beiden nichts" nur eine ganz kleine Lüge war. Das Summen hörte kaum auf.
Als niemand etwas sagte, fiel mir auf, dass Joris ein Großteil des Satzes auf niederländisch gesagt hatte. Er hatte offenbar ganz ähnliche Probleme wie ich beim englisch sprechen.
"Was hat er gesagt?" Fragte mich der Mann hinter mir.
Ich ignorierte seine Frage und sagte stattdessen: "Mach mir dir Teile wieder ab!" Ich rüttelte an meinen Handschellen. Für das Wort "Handschellen" fehlte mir auch eine Übersetzung.
"Lieber nicht, sonst schlägst du die anderen auch noch k.o.", sagte er lachend. Das schlimme daran war ja, dass er es nicht mal ernst meinte. Nur weil ich eine Frau war, dachte er, dass ich schwach sei. Ich ballte meine Hände zu Fäusten. Jetzt hätte ich ihn wirklich gerne geschlagen, wen interessierte schon Kontrolle? Aber das ging natürlich nicht.
"Mir bedeuten die beiden nichts, euch bedeutet er schon etwas, stimmts?" Wiederholte Joris das, was er eben gesagt hatte, diesmal aber etwas englischer.
Ein paar Sekunden sagte niemand etwas. Dann sagte der, der von Joris bedroht wurde auf einmal energisch: "Lass die Waffe fallen!" Schon lustig, dass Joris und mir im selben Moment auffiel, dass die beiden die gleiche Gabe hatten. Joris schaute uns erst etwas verwirrt an und sagte dann, fast ein bisschen traurig auf niederländisch: "Und ich hatte schon fast ein bisschen gehofft, dass meine Gabe etwas besonderes wäre und nicht jeder andere Savant diese Gabe hat."
Eduard lachte. Das einzige, was ich daran lustig fand, war die Tatsache, dass die anderen Savants uns nicht verstehen konnten.
Einen Moment zu spät merkte ich dann, wie sich hinter Joris jemand näherte. "Joris, pass auf", rief ich ihm noch zu, aber es war zu spät. Der vierte Mann hatte sich von hinten an uns heran geschlichen und warf sich jetzt auf Joris. Er drückte ihn zu Boden und nahm ihm die Waffe weg.
"Uriel? Ich wusste doch, dass du kommst", sagte der Mann, der eben noch bedroht wurde und dann wahrscheinlich Victor sein musste.
Toll, jetzt würden wir doch noch festgenommen werden. Ob es im Gefängnis wohl leckeres Essen gab?
"Sollen wir jetzt diese Tablette nehmen?" Fragte Eduard auf niederländisch und erinnerte mich an eine Sicherheitsregel, die in unserem Arbeitsvertrag stand. 'Wenn jemand von einem anderem Savant festgenommen werden sollte, muss dieser eine bestimmte Tablette schlucken, die einem ein undurchdringliches Schutzschild vor anderen Savant-Gaben macht. Diese Tablette muss man immer dabei haben. Die Nebenwirkungen dieser Tablette sind sehr starke Kopfschmerzen und Schwindel.
"Wenn wir verhört werden", sagte ich. Wozu brauchte man auch Telepathie, wenn man sich doch super in einer anderen Sprache unterhalten konnte.
Sie schleppten uns zu einem Auto und kurz bevor wir einstigen hatte ich eine Idee. "Lösch doch nachher ihre Erinnerungen mit deiner Gabe, Eduard. Tu jetzt so als hätte ich dir etwas witziges erzählt."
Eduard lachte wie befohlen und sagte dann: "Gute Idee, aber dazu sollten sie alle in einem Raum sein und ich muss sie berühren."
"Worüber lacht ihr?" Fragte der Mann, der mir die Handschellen angelegt hatte. Aus einem Gespräch, bei dem ich zugehört hatte, hatte ich erfahren, dass er Will hieß.
"Über deine Schuhe", antwortete ich ihm.
"Was ist denn an meinen Schuhen so lustig?" Wahrscheinlich hatte er irgendwelche super teuren Schuhe, über die es gar nichts zu lachen gab.
"Dies und das", antwortete ich also und wir wurden in das Auto gesperrt.

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