Kapitel 15

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Schon zum dritten mal klopfte ich jetzt gegen Joris Wohnungstür, doch er machte einfach nicht auf. Als ich gerade ein viertes mal gegen die Tür hämmern wollte, öffnete ein ungefähr 20 Jahre altes Mädchen in Unterwäsche verschlafen die Tür. Warum zur Hölle macht bitte jemand in Unterwäsche die Tür auf?!
Jedenfalls hatte ich mir jetzt umsonst die Mühe gemacht, so oft gegen die Tür zu klopfen.
"Tut mir leid, hab mich wohl vertan", sagte ich monoton, wie immer.
Ich wollte gerade wieder nach draußen gehen, als diese Frau mich interessiert fragte, nach wem ich denn suche.
Ich wollte ihr gerade mitteilen, dass ich jedenfalls nicht nach ihr suche, als mir etwas einfiel.
"Joris", sagte ich knapp, woraufhin sie grinsend die Augenbrauen hoch zog, nachdem sie mich erst einmal ausgiebig gemustert hatte.
"Ich wusste gar nicht, dass er mal auf Leute wie dich stand", sagte sie arrogant. Das war mal wieder eine Halbwahrheit. Sie wusste wirklich nicht, dass er auf mich stand. Sie dachte jedoch, dass ich eigentlich genau sein Typ war. Ja, sie fand mich nicht attraktiv, weil ich einen weiten, grünen Pullover trug, aber nein, sie fand meine Augen recht ansehlich. Ja, sie fand, dass ich zu wenig Schminke in der Fresse hatte und somit anscheinend hässlich war.
"Das wusste ich auch nicht", sagte ich gleichgültig und fügte noch hinzu: "Du dagegen scheinst genau sein Typ zu sein. Lässt du mich vorbei?"
"Glaubst du ehrlich, er will etwas von dir?" Fragte sie mich arrogant.
"Nein, das glaube ich nicht, aber danke der Nachfrage. Deine Besorgnis um mich rührt mich zutiefst und dennoch würde ich ihn gerne sprechen", sagte ich gespielt freundlich.
Als sie mir gerade die Tür vor der Nase zuschlagen wollte, tauchte ein ebenso verschlafener Joris in der Tür auf. In Boxershorts. Ich musste zugeben, sein Körper war nicht schlecht gebaut und dennoch verweilte mein Blick nicht länger als nötig auf seinem Sixpack.
"Können wir kurz reden?" Fragte ich Joris.
"Hau raus!" Sagte er und gähnte.
"Allein", erwiderte ich.
Er verdrehte die Augen und fragte: "Ist das so wichtig?"
Ich sagte nichts und schaute ihn nur ausdruckslos an, was ihn anscheinend davon überzeugte mal ein paar Minuten vor die Tür zu gehen.
"Ich geh schnell eine rauchen, bin gleich wieder da", sagte er zu dieser Frau und wollte gerade aus der Wohnung gehen, als ich ihn daran erinnerte, dass es recht kalt in Boxershorts draußen sein würde. Daraufhin verschwand er noch einmal in der Wohnung und kam im Pullover und Joginghose wieder.
"Pass auf, dass sie dir nicht deinen schönen Pullover voll heult, weil ich jetzt an ihrer Stelle bin", riet die nette Frau Joris noch, worauf ich nur erwiderte, dass ich den Pullover höchtpersönlich in die Reinigung bringen würde.
"Wie nett von dir, dass du das machen würdest", sagte Joris charmant, während wir in den Aufzug stiegen.
"Ich wusste gar nicht, dass du so einer bist", sagte ich.
"Eifersüchtig?" Fragte er belustigt.
"Total", erwiderte ich, wobei ich nicht einmal wusste, ob er sich selbst oder diese Frau meinte.
"Und jetzt verrat mir mal, warum du hier bist und mich an meinem freiem Tag störst", fragte er interessiert.
"Draußen", sagte ich, woraufhin niemand mehr etwas sagte.
Unten angekommen hielt er mir die Tür auf und wir gingen die Stufen des Hauses hinunter.
"Ich hab ein Problem", sagte ich, als wir ein paar Meter vom Haus entfernt waren.
"Und damit kommst du unbedingt zu mir?" Fragte er mit hochgezogenen Augenbrauen.
"Nun, wir haben ein Problem", verbesserte ich mich.
"Jetzt wirds interessant", sagte Joris während er sich eine Kippe anzündete.
"Die Leute aus dem Hotel..." fing ich langsam an.
"Welche Leute?" Fragte er langsam und hielt mir die Kippenschachtel hin, aber ich lehnte ab. Ich rauchte höchstens mal, wenn ich sehr angespannt oder gestresst war und nicht einfach nur so.
"Die, die uns erwischt haben", antwortete ich ihm.
"Kommen deren Erinnerungen wieder oder was?"
"Nein, die sind zufälligerweise bei meiner Mutter zu Besuch", sagte ich, wobei ich versuchte, ihn nicht allzu sehr zu schockieren.
Stattdessen fing er jedoch an zu lachen, "Verarscht du mich?"
"Soll ich sie dir zeigen?" Fragte ich und wurde langsam ein bisschen sauer, weil er mir nicht glaubte.
"Jetzt?" Fragte er.
"Von mir aus", sagte ich schulterzuckend.
"Na gut, ich sag eben Mandy bescheit. Halt mal", forderte er mich auf und drückte mir seine Kippe in die Hand.
Während ich auf ihn wartete, zog ich selbst eins, zwei Mal, um mich auf die Begegnung mit den anderen Savants seelisch vorzubereiten.
Nach ein paar Minuten war er dann wieder unten und wir gingen zu Fuß zu meiner Wohnung, da ich nur eine Straße weiter wohnte. Als wir jedoch vor der Wohnungstür waren, hielt ich inne, da ich Stimmen von drinnen hörte.
"... erscheint mir auf jeden Fall verdächtig, wir sollten auf jeden Fall vorsichtig sein", hörte ich eine Männerstimme, vermutlich Trace.
"Sag ich doch!" Rief eine Frauenstimme, die ich nicht ganz zuordnen konnte, "Als sie uns das erste mal gesehen hat, hatte sie ziemlich große Angst. Das hab ich in ihrer Aura deutlich gesehen."
"Und wenn schon", warf Will ein, "Victor und Trace sehen schon ein bisschen gruselig aus, da bekommen es viele mit der Angst zu tun." Irgendwie berührte es mich, dass er mich vor seiner Familie verteidigte. Irgendwie.
"Gut, aber dann erklär mir mal, warum sie sich bitte so schuldig gefühlt hat, als wir ihren Vater ansprachen", widersprach die Frauenstimme ihm und ich zuckte zusammen.
"Frag sie doch einfach", schlug irgendwer vor.
"Na klar, die redet doch kaum ein Wort mit uns", beschwerte sich eine andere Frauenstimme.
"Außerdem ist die Hälfte von dem, was sie sagt, gelogen", fügte Sky hinzu, die ich jetzt als die erste Frauenstimme identifizieren konnte.
"Nur weil sie keine Veganerin ist", sagte Will belustigt.
"Ja und ihr Geburtsdatum und alles andere, was darauf deuten würde, dass sie schon mal etwas von dem Wort Höflichkeit gehört hätte", sagte Sky missmutig.
"Außerdem hat sie Crystal bedroht", sagte Xavier, was er wohl für das wichtigste Argument hielt.
"Das mit dem Geburtstag hat sie doch nur getan, weil sie Angst hatte, dass Will ihr Seelenspiegel sein könnte. Ich hätte das auch gemacht", warf Zed ein und im nächstem Moment hörte man ein "Autsch" von ihm kommen.
"Irgendwie kommt sie mir bekannt vor", sagte Victor langsam.
"Shit", fluchte ich leise und flüsterte Joris zu, dass wir mal reingehen sollten, damit niemand anderes dem zustimmen konnte.
Ich schloss die Tür auf und plötzlich verstummten alle. So ein Zufall aber auch.
"Bin ich so interessant, dass ihr auf einmal alle aufhören müsst zu reden? Was man im übrigen durch das ganze Treppenhaus gehört hat", sagte ich kalt.
Die meißten waren anständig genug auf den Boden zu gucken oder zu erröten, während Victor mich nur seltsam anschaute, Will lachte (wobei ich mich ehrlich fragte, was so witzig an der ganzen Angelegenheit war) und Trace und Xavier Joris komisch anguckten.
"Ist er auch ein Savant?" Unterbrach Trace angespannt die Stille.
Joris wollte gerade zu einem "Nein" ansetzen, als ich ihn telepathisch darauf hinwies, dass Sky- wie ich eben herausgefunden habe- der Lügendetektor war.
Also sagte er stattdessen: "Zufälligerweise schon."
"Dein Freund?" Fragte Will und hatte aufgehört zu lachen.
"Na sicher!" Sagte Joris und legte einen Arm um mich.
Will schaute mich seltsam an und ich sagte auf niederländisch zu Joris: "Lass das mal."
"Sei doch nicht so ernst, ich wollte nur seine Reaktion sehen", sagte Joris grinsend, ebenfalls auf niederländisch.
"Eifersüchtig?" Fragte Joris Will provozierend, während ich mich aus seinem Arm befreite.
Doch Wills "Nein" ließ mich kurz innehalten. Meine Augen weiteten sich, als ich merkte, dass er log, als ich die Wahrheit sah. Ja, er war eifersüchtig, weil er sich in irgendeiner Weise zu mir hinzugezogen fühlte. Vielleicht war es auch eher eine Halbwahrheit, weil er mich auf der anderen Seite nicht leiden konnte. Trotzdem.
Als ich mich wieder gefasst hatte verbesserte ich Joris und hoffte dabei, dass ich nicht allzu rot angelaufen war:"Ein Freund. Nicht mein Freund." Während ich sprach, achtete ich darauf, dass ich alle anschaute, nur nicht Will.
"Gehen wir wieder?" Fragte ich Joris, nun wieder auf niederländisch, einfach weil wir normalerweise kein englisch redeten.
"Kommt das nicht ein bisschen auffällig, wenn wir hier aufkreuzen und kurz danach wieder gehen?" Fragte er mich mit gerunzelter Stirn.
"Ich hole mein Portmonee. Warte hier", sagte ich und verschwand oben.

Forgetting DonnyWo Geschichten leben. Entdecke jetzt