Ich starrte aus dem Fenster, drehte den Kugelschreiber in meiner linken Hand herum und stützte meinen Kopf mit der anderen. Alles war viel zu schnell geschehen. Für einen kleinen Moment schloss ich meine Lider und ließ den gestrigen Tag vor meinem inneren Auge Revue passieren. Den ganzen Abend habe ich heulend in meinem Zimmer verbracht. Emma, die mich eigentlich zum Essen holen wollte, hatte mich erst schockiert angesehen und dann langsam die Türe wieder geschlossen.
Keine zehn Minuten später kam sie mit Tee, Schokolade und einem Teller Kekse wieder und gesellte sich neben mich. Am Ende ist dann ein GossipGirl- Marathon entstanden, mit einer darauffolgenden Diskussion, wer denn jetzt das GossipGirl war.
"Miss Choi? Hören Sie eigentlich dem Unterricht zu?", der Lappen des Whiteboards flog mir gegen den Kopf und ich schreckte auf. Etwas panisch drehte ich mich zu meinem Lehrer, der vorne am Pult stand, dabei ein fettes Grinsen auf den Lippen hatte.
"Gut geschlafen?", ich strich mir durch die Haare und lächelte verlegen.
"Ich habe nicht geschlafen.", behauptete ich, woraufhin ein gedämpftes 'Wer's glaubt' durch die Reihen ging. Ich brauchte mich nicht mal umzudrehen um zu wissen, wer diesen dummen Kommentar abgelassen hat. Manchmal konnte ich Jungkook wirklich den Hals umdrehen.
"Dann kannst du sicherlich die Aufgabe lösen.", Mr Kim deutete auf die Matheaufgabe, die am Board in einer schwarzen geschwungenen Schrift stand. Kurz betrachtete ich die auszurechnende Schar, dann sah ich meinen Lehrer überzeugt an.
"Die Funktionsschar a muss ein Drittel sein, wenn das Integral der Funktion im Intervall [-1;1] gleich null ist.", stellte ich in den Raum. Am liebsten hätte ich dieses Gesicht mit einer Kamera für immer festgehalten. Sowas hatte er nicht erwartet. Sein Kopf beugte sich über sein Lösungsheft, in welchem er einige Seiten durchblätterte, stoppte und dann mit dem Finger etwas nachfuhr. Nickend sah er zu mir auf.
"Kannst weiterschlafen.", abwinkend griff er nah dem Boardmarker und warf diesen dann Mino zu, der diesen lässig aus der Luft abfing. Leise murrend stand er auf und berechnete die Aufgabe, die ich eben beantwortet hatte.
Seufzend legte ich meinen Kopf wieder in die Handfläche und betrachtete den riesigen Baum vor unserem Fenster. Die Blätter waren schon gefallen. Kein einziges konnte man auffinden, erst im Frühling erstrahlen sie wieder in ihrer vollen Prächtigkeit. Der Winter wirkte einsam und verlassend. Ich litt mit dem Baum.
Doch ich konnte nicht weiter in meinem schrecklichen Selbstmitleid versinken, da ich schon wieder gestört wurde, zwar flog mir kein Lappen ins Gesicht, aber ein kleiner Papierschnipsel tat es auch schon. Ich blickte auf den Tisch und nahm dann den karierten, dreimal gefalteten Zettel in die Hand. Vorsichtig öffnete ich diesen. Mr. Kim hatte gerne mal die Angewohnheit, die Zettel aus der Hand zu schnappen und diese daraufhin laut in der Klasse vorzulesen. Manch peinliche Sachen waren seinetwegen schon offenbart worden. Zum Glück war nie ich, oder einer meiner Freunde darin verwickelt gewesen. Trotzdem hatte ich nicht vor, es zu riskieren. Aber da er eh davon ausging, dass ich meinen Matheschlaf weiterführte, schenkte er mir keine Aufmerksamkeit.
Kaum merklich riss ich meine Augen auf, mein Puls erhöhte sich. Langsam sah ich nach rechts zu ihm rüber. Grinsend betrachtete er die Tafel, einige seiner Strähnen fielen ihm ins Gesicht als er wieder auf sein Blatt hinunter blickte, um die Aufgabe sorgfältig abzuschreiben.
Mit klappernden Zähnen, zitternden Beinen und schon längst abgestorbenen Ohren stand ich draußen in der Kälte und wartete auf ihn. Der Himmel war mit dunklen, dicken Wolken überzogen, sodass die Straße schon fast nebelig wirkte, was aber gar nicht der Fall war. Tiefer barg ich mein Gesicht in meinem dicken Schal, da der Wind eisig war. Meine Hände steckten in den Jackentaschen, unbewusst griff ich nach dem Zettel, der in einer der Taschen war und umschloss diesen fest mit meinen Fingern. Ich wartete schon gut zwanzig Minuten auf ihn und noch immer war er nicht aufgetaucht, obwohl wir die letzten zwei Unterrichtsstunden zusammen hatten.
"Nach der Schule am Tor; Und nicht skippen, Lady."
Wollte er mich ärgern oder provozieren? Wenn ja, dann hat er es offiziell geschafft. Mit dem Fuß kickte ich einen imaginären Stein weg, als ich mich gegen die hohe Mauer lehnte und seufzte.
Wieder verging eine Viertelstunde des schrecklichen Wartens, langsam aber auch wurde es mir hier viel zu kalt, denn neben meinen Ohren konnte ich jetzt auch nicht mehr meine Nase und Zehen spüren. Dies, obwohl ich dicke Socken und mit Lammfell gefütterte Stiefel trage, bei welchen ich gedacht habe, sie könnten einen achttägigen Marathon im Himalaja überleben und mich wärmen. Falsch gedacht.
Meine Wangen brannten tierisch als ich mich mehr als sauer von der Mauer abstieß, nach meiner Krücke griff und nach Hause gehen wollte. Ich bin es Leid, ich lass mich nicht verarschen.
Doch dann kam mit quietschenden Reifen neben mir ein schwarzer Sportwagen zum stehen. Trotzdem ging ich weiter. Sollte er doch spüren, wie sie war. Die kalte Schulter. Das Beifahrerfenster ging herunter und Jimin sah zu mir herüber. Langsam fuhr er neben mir her.
"Du hast wirklich gewartet? Warum das? Es ist unnormal kalt.", fragte er und auch wenn ich ihn nicht ansah, spürte ich das neckende Grinsen, welches seine Lippen umspielte. Aber ich antwortete nicht. Stur blickte ich auf den Bürgersteig und versuchte nicht verletzt auszusehen. Was ich aber war.
"Niemand wartet freiwillig in der Kälte, du hättest nach Hause gehen können. So wichtig bin ich nun auch wieder nicht." Du hast ja keine Ahnung, wie wichtig du mir bist. Abrupt blieb ich stehen, ebenso wie sein Auto. Ich sah ihn nicht an, doch bemerkte wie er aus dem Wagen stieg. Laut schlug er die Tür zu, weswegen ich zusammen zuckte. Dann tauchte er in meinem Blickfeld auf, sodass ich keine andere Wahl hatte, als jetzt mit ihm zu reden. Lange sah er mich an, ich blickte über den Rand meiner Brille zu ihm auf und versuchte seine Mimik zu deuten. Seine warmen Hände legten sich um meine Wangen, als er meinen Kopf anhob, damit ich ihn ansehen musste. Ich verharrte einfach in dieser Position und versuchte wie verrrückt mein Inneres auf eine normale Basis zu beruhigen. Ausnahmezustand.
"Deine Wangen sind ja ganz kalt.", meinte er und strich vorsichtig über diese. Es prickelte und brannte.
"Du hast gesagt, nicht skippen.", sagte ich kratzbürstig und erschrak. Wirklich, ich hätte nicht gedacht, dass selbst meine Stimme vereist ist. Der Griff um meine Krücke festigte sich, wahrscheinlich traten meine Knöchel schon weiß hervor. Er lächelte. Warm. Was mich mehr wärmte als seine Hände, die jetzt an meinem Hals lagen. Konnte das überhaupt möglich sein?
"Ja, das stimmt, aber-", ich unterbrach ihn und schlängelte mich aus seinem Griff. Ich konnte sonst nicht gerade ausdenken.
"Um was geht es?", er streckte sich und öffnete daraufhin die Beifahrertür. Mit einer einladenden Geste deutete er mir an, dass ich mich setzen sollte. Ich hob meine Augenbraue. Ungern fuhr ich in diesem Wagen.
"Das sage ich dir, wenn du einsteigst.", seufzend plumpste ich in den Sitz und hielt ihm die Krücke hin.
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Die Maske | Jimin
FanfictionEnya will ihr Leben in Deutschland vergessen und in Korea von vorne anfangen. Es könnte sogar funktionieren, wenn da nicht dieser eine WG-Bewohner wäre, der geschickt ihre Ängste aus ihr herausprovoziert, welchen sie sich nicht stellen möchte. Sie...
