Ardian bekam sein Leben wieder in den Griff. Und damit war gemeint, so wirklich in den Griff. Einige Wochen, nachdem er Thaddeus etwas von seiner Geschichte preisgab, bekam er einen Job und eine Wohnung ausgestellt. Die Dinge gingen aufwärts für ihn.
Für Thaddeus jedoch gingen die Dinge abwärts. Er verlor seine ganze Beherrschung seinem Vater gegenüber.
Er schrie ihn an.
"Du schlägst mich, du prügelst mich aus dem Haus und ich kann das nicht länger! Ich will das nicht mehr! Ich bin nicht der Sohn, für den du mich hältst!", schrie er.
Und das war beinahe sein Todesurteil, denn sein Vater war betrunken. Das tat er öfters, seit seine Mutter davon war. Sich betrinken und so seine Sorgen vergessen. Jedoch vergaßen die Augen, das Gedächtnis und der Körper von Thaddeus nie. Er wurde so derbe zusammengeschlagen, dass er nichts anderes konnte, als mit offenen Wunden auf dem dunklen Holzboden des Flures liegen zu bleiben.
Er dachte, er würde endlich sterben. Aber das tat er nicht. Er wollte es, und doch konnte er nicht. Er hatte Ardian immerhin etwas versprochen. Also raffte er sich auf, nach einer langen Zeit, in der er reglos am Boden blieb und darauf wartete, dass sein Vater ging und seine Schmerzen sich besserten.
Er brachte bloß noch schlechte Noten mit nach Hause. Er kümmerte sich nicht mehr um die Uni. Um seine Klausuren und seine Pflichten, wenn er überhaupt noch zur Uni ging. Er blieb lieber am Fluss, anstatt morgens in den Bus zu steigen und in die nächste Stadt zu fahren, um mit nervigen Leuten den Tag tot zu schlagen.
Thaddeus saß schon eine ganze Zeit am Ufer, als Ardian den engen, schmalen Weg hinab lief. Mit neuen Sachen, einer richtigen Jacke und guten Schuhen, die seine Füße warm hielten. Seine Haare waren nun nicht mehr braun, sondern blond. Er färbte sie zur Abwechslung seines Lebens. Und Thaddeus fand, dass es ihm gut stand. Aber er sagte es nie.
Thaddeus sagte zu selten das, was er dachte. Das war so eine Angewohnheit von ihm. Er war zwar hin und wieder Selbstbewusst, mutig und sehr tapfer, doch er hielt sich auch oft zurück.
Und das Selbstbewusstsein, das fehlte ihm jetzt. Es ging verloren, als er von seinem Vater beinahe umgebracht worden war.
Thaddeus fühlte sich wie ein Niemand. Eine Schande für die Familie.
Er fühlte sich schrecklich.
Und er hatte großen Respekt vor Ardian.
Ardian erschien ihm mit der Zeit wie eine zweite Vaterfigur. Er war immerhin immer für ihn da, wenn er ihn brauchte.
Thaddeus hatte Ardian in sein Herz geschlossen. Er würde ihn nie einfach so verlassen. Dafür wäre er ihm zu wichtig.
"Hey, DiCaprio!", scherzte Ardian locker und gut gelaunt. Er kam gerade aus seiner neuen Wohnung und seine Ex-Freundin, Luna, hatte sich wieder bei ihm gemeldet.
"Hi", murmelte Thaddeus nur leise und deprimiert. Er wusste nicht, ob er sich selber als »depressiv« einstufen konnte, da er nicht wusste, ob Suizidgedanken und Lustlosigkeit, Essstörungen und dauerhafte Müdigkeit dazu gehörten. Er wollte sich nicht mit den Leuten gleich stellen, die wirklich schlimme Depressionen besaßen. Er wollte sie nicht mit seinen »kleinen« Komplexen beleidigen.
"Was ist los mit dir?", fragte Ardian, als er sich neben Thaddeus hinsetzte. Er merkte, dass etwas nicht stimmte. Und wenn es ihm das Pflaster an Thaddeus' Stirn sagte.
Sie trafen sich nie bewusst am Fluss. Sie tauchten nur immer zur selben Uhrzeit dort auf. Alle 2 oder 3 Tage. Mal ein Mal pro Woche. Es war verschieden. Und wenn der andere mal nicht kam, dann war das auch kein Problem.
"Wieso bist du so gut gelaunt?", stellte Thaddeus emotionslos die Gegenfrage, um nicht über seinen Vater reden zu müssen. Er hasste seinen Vater. Und das Reden über ihn noch mehr.
"Wieso klingst du so deprimiert?", konterte Ardian gekonnt. Er wusste mittlerweile genau, wie Thaddeus klang, wenn es ihm nicht gut ging. Ihm ging es oft nicht gut.
Doch Thaddeus antwortete nicht, was Ardian beunruhigte.
"Taddl, was ist los? Du weißt, dass du mit mir reden kannst, ich-"
"Mein Dad", sagte Thaddeus knapp und dachte drüber nach, was Ardian über sich und dem Tod der innerlichen Positivität gesagt hatte. Und nun, eine Woche später, da schien es, als ging es mit Ardian richtig Berg auf.
Vielleicht tötete er die Positivität doch nicht. Vielleicht gingen beide Suizide schief.
"Zeig mir deine Arme", kommandierte Ardian. Thaddeus schüttelte seinen Kopf.
Er verhielt sich wie ein Kind.
Er hatte doch nie ein richtige Kindheit.
Er hasste seine Kindheit.
Auch Ardian tat das.
Aber Thaddeus zeigte seine Arme, die von blauen Flecken, Narben und Blutergüssen nur so geschmückt waren, dann doch. Ardian wusste nicht, was er dazu sagen sollte. Er war schockiert.
"Er hat mich beinahe umgebracht."
"Du musst von Zuhause weg.", sagte Ardian besorgt und streichelte Thaddeus' Schulter.
"Das kann ich nicht.", sagte dieser. "Mein Zimmer ist alles, was ich noch hab. Was mich positiv denken lässt. Er hätte mich fast umgebracht, Ardy."
"Scheiße"
Und beide schwiegen sich an, als würden sie nie wieder sprechen wollen.
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Riverside
Fanfiction»Und alles, was sie taten, war anscheinend nichts weiter, als unten am Fluss zu sitzen und über die Probleme und Theorien dieser verkorksten Welt zu reden.« Sie waren unzufrieden mit der aktuellen Situation. Sie beide hatten den Glauben an die Mensc...
