"Dein Freund, den solltest du dir aufbewahren. Er ist besonders.", sagte die alte Dame zu Ardian in der Nacht, als beide hellwach waren, und doch ziemlich müde.
Auf den Gängen liefen eilig Schwestern umher, doch das störte niemanden. Die Nacht war angenehm. Ardian empfand die Nächte im Krankenhaus generell als angenehm. Er mochte die Stille und die Ruhe. Er mochte das gedämmte Geräusch der eilenden Schwestern.
Ardian lächelte. "Leider habe ich nicht mehr allzuviel Zeit dafür." Und dann sah er zum Fenster hinaus und drehte sich von der Frau weg. Er wollte sie nicht durch die Dunkelheit hindurch ansehen und sich mies fühlen. Er fühlte sich oft mies, wenn er Leuten gegenüber lag. Er fühlte sich beobachtet.
"Warum, mein Kind?", fragte sie lieblich. Wirklich lieblich. Wirklich nett, freundlich. Zuvorkommend.
"Ich werde sterben, deshalb." Als Ardian diesen Satz aussprach, da rutschte ihm sein Herz in den Bauch. Er wagte es nie zu sagen, dass er sterben würde. Er wagte es oft zu sagen, er wolle sterben. Und nun war es so weit. Er würde sterben. Und sein Wunsch, zu sterben, würde sich erfüllen. Wie er es hasste.
In dieser Nacht ging es ihm noch gut.
In dieser Nacht schwieg er, während die Dame ihm von ihren Kindern und Enkelkindern erzählte.
In dieser Nacht dachte er an Sara und an Thaddeus.
In der folgenden Nacht schwieg er.
Es ging ihm schlechter.
Er atmete langsam, um seinen Puls niedrig zu halten.
Er schwieg, während die Dame ihm von ihrer Lebensgeschichte und dem Krieg erzählte, den sie miterlebte.
Und er dachte an Thaddeus und an Sara und stellte sich die alte Dame völlig am Ende im Krieg vor.
Fünf Nächte später lag er wieder wach, so auch die alte Dame, die ihre Schwäche längst erlangt hatte.
Und sie erzählte ihm trotzdem noch von ihrem Leben, von ihrem Ehemann, der vor einigen Jahren an einem Herzinfarkt starb und von ihrer Tochter, die Brustkrebs hatte, Louise hieß, und ihn besiegte.
Und am Tag war Thaddeus zu Besuch gewesen, und er brachte Ardian Schokolade mit, da er wusste, dass Ardian die von Sara's Eltern nicht anrühren würde.
Und wieder sagte die alte Dame, Ardian solle sich Thaddeus aufbewahren, da er so ein guter Freund zu sein schien, und Ardian erwiderte: "Aber ich werde sterben.", worauf die Dame sagte: "Dann hinterlasse ihm einen Anker. Er wird nämlich immer einsamer und zerstörter sein, je öfter du zu ihm sagst, dass du sein Versprechen hältst, wenn du erst einmal weg bist."
Und Ardian dachte in dieser Nacht an Thaddeus und an Sara, aber mehr an Thaddeus, und er sah die alte Dame nicht an. Er lag wieder nur mit seinem Rücken zu ihr und schwieg die restliche Zeit, während die aufgewühlten Schwestern durch die Dämmung der Tür zu hören waren.
Eine Woche später und die Nacht darauf lagen Ardian und die Dame wach.
Dieses Mal erzählte er ihr von Thaddeus und von Sara, während sie still dalag und seinen Blick zu ihr nicht erwiderte. Sie starrte die Decke an, schwieg.
Und es ging Ardian so grausam, dass er dachte, er würde die Nacht nicht überleben. Er wollte sich nicht behandeln lassen, gab Thaddeus jeden Tag aufs Neue dasselbe Versprechen und riss alles weiter in Trümmern.
Und er dachte in dieser Nacht nur an Thaddeus und nicht an Sara, für die eine erloschene Kerze am Fenster stand, da er es nicht mehr schaffte, sie anzuzünden.
Und er glaubte, dass es bald vorbei sei.
Am darauf folgenden Morgen liefen die Schwestern aufgewühlt durch seinen Raum und versuchten alles, um die alte Dame, deren Name Marie-Anne war, zurück ins Leben zu holen, während Ardian still schweigend in seinem Bett lag und seine Augen kaum noch offen halten konnte, da er so schwach war. Er sah zu ihr rüber und weinte, doch niemand sah es, und niemand hörte es. Er war ein Wrack.
Und in der kommenden Nacht lag er alleine im Raum, mit dem Rücken zur Kerze und mit dem Gesicht zu Marie-Anne's Bett, das jetzt leer war.
Und er erzählte ihr von dem Tag, seinen Tränen und Thaddeus, der nicht zu Besuch da war, da er es nicht mehr geschafft hatte, weil sein neuer Job eine Knochenarbeit war.
Und in dieser Nacht hörte er die Schwestern ein Mal nicht, sondern nur Stille, und dachte an Marie-Anne und nicht an Thaddeus oder Sara.
Und während er ihrem Geist von alldem erzählte, liefen Tränen seine bleichen Wangen hinab und gaben ihnen etwas rote Farbe zurück. Er konnte kaum noch schlucken. Und er fragte Marie-Anne, was sie glaubte, was Thaddeus wohl fühle, wenn er ihn besuchte.
Thaddeus fühlte Schuld und Leid, das zerstörte ihn.
Und Ardian sagte in die Stille, in dem Moment, in dem er an Marie-Anne dachte: "Aber ich werde sterben." Und schwieg eine Weile, bis er fortfuhr, "und ich werde alles mit mir reißen, was Taddl bisher stark gemacht hat. Und ich werde ihn zerstören und brechen."
Und er fühlte sich so elend, dass er unbedingt die Kerze anzünden wollte, weshalb er sich aus dem Bett schälte und es kaum schaffte. Als er kraftlos an der Fensterbank ankam, sah er raus. Er fragte sich, wie er in den letzten Wochen nur so geworden sein konnte. Und dann fand er sein Feuerzeug nicht, das ihm als Gedenkausnahme erlaubt wurde. Und er begann fürchterlich zu weinen und zu zittern, bis er auf dem Boden zusammensackte und nicht wieder hoch kam.
Am Morgen darauf fand man ihn auf dem Boden. Er hielt die Kerze in der Hand. Sein Kopf hing schlapp herunter und seine Augen waren geschlossen. Auf seinen Lippen lag ein Lächeln. Er war zufrieden.
Man rief direkt Thaddeus Tjarks an, als man bei Ardian Bora keinerlei Puls mehr fühlte. Man fragte sich, wieso er sich seinen Tropf und all die Schläuche entfernt hatte, um aufzustehen. Um zu dieser bedeutungslosen Kerze zu gehen. Wieso er sein Leben riskierte. Und er wusste, dass er das tat.
Was niemand wusste: er tat es nicht, weil er sterben wollte. Er tat es nicht, weil er wusste, dass er längst versagt hatte. Er tat es nicht, um einfach diese Kerze anzuzünden.
Er tat es, um ein letztes Mal aus dem Fenster in die Nacht sehen zu können und darüber nachzudenken, was wäre, wenn...
Und das tat er.
Er fragte sich, was wäre, wenn er tot wäre. Wenn er im Himmel wäre. Wenn er nie erkrankt wäre. Wenn er Thaddeus nie getroffen hätte. Wenn er ihn nicht im Stich gelassen hätte. Wenn er geblieben wäre. Wenn alles besser geworden wäre.
Und er kam zu dem Entschluss, dass es egal ist, was wäre, wenn. Denn es kam nunmal nicht darauf an, wie lange er wo verweilte und was er tat. Es kam darauf an, wann er dort wieder heraus kommen würde. Wann er glücklich sein würde. Was die Zukunft ergeben sollte.
Also schwieg er, als er sich mit seinen letzten Atemzügen die Kerze von der Fensterbank nahm und sie ansah. Seine Augen Tränen vergossen und er ein letztes Mal zu dem Wachs und dem Brief sah, den er für Thaddeus hinterlegt hatte, auf seinem Nachttisch, neben der Schokolade, die er für ihn kaufte.
Und er war zum Einen zu tiefst zerstört, als er einschlief, und zum Anderen zu tiefst glücklich, da er wusste, dass er vorbei war. Dass er nichts ändern könnte.
Denn er sagte zu Marie-Anne so gut wie jede Nacht: "Aber ich werde sterben."
Und sie sagte ein Mal, als es ihm wirklich wirklich schlimm ging: "Und das ist okay, mein Junge, du kannst dein Schicksal nicht ändern. Du musst loslassen."
Und dann, in den Morgenstunden, als sein Herz stehen blieb, genau dann ließ er endlich los. Er ließ einen Haufen an Fragen und Tränen und Schreie und Trümmern zurück, aber er ließ los.
Und daher kam das Lächeln.
Er ließ Thaddeus los.
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Riverside
Fiksi Penggemar»Und alles, was sie taten, war anscheinend nichts weiter, als unten am Fluss zu sitzen und über die Probleme und Theorien dieser verkorksten Welt zu reden.« Sie waren unzufrieden mit der aktuellen Situation. Sie beide hatten den Glauben an die Mensc...
