Marie griff seufzend nach der Tasche, die die letzten eineinhalb Stunden an ihrem Stuhl gelehnt hatte. Sie hatte in diesen eineinhalbstunden einem wahnsinnig langweiligen Vortrag lauschen müssen, bei dem es sich nicht einmal gelohnt hatte, sich das Thema des Vortrages zu merken. Sie zog sich ihre mit Büchern gefüllte über die Tasche und hatte beinahe das Gefühl, unter der Last der Bücher zusammenzubrechen. Sie stöhnte auf und machte sich auf dem weg aus dem Hörsaal. Kaum war sie draußen angekommen, atmete sie tief durch. Eineinhalb Stunden, 100 Menschen, ein kleiner, stickiger Raum. Es gab in diesem Moment nichts Schöneres für Marie, als die frische Luft zu spüren, die ihre Nase voll Begierde aufnahm. Es war drei Uhr Mittags und die Sonne schien auf sie herunter. Es war der erste warme Tag in diesem Jahr. Und er war ziemlich spät dran, es war nämlich bereits März. Marie hatte sich wahnsinnig darüber gefreut, als sie heute Morgen ohne Jacke aus dem Haus gehen konnte. Es war ein kalter und langer Winter gewesen. Und jetzt die ersten Anzeichen eines richtigen Frühlings zu sehen, war ein wundervolles Gefühl. Marie mochte den Frühling. Es war, als würde die Welt aus einem tiefen Schlaf erwachen, jedes Mal, wenn der Frühling vor der Tür stand und der Kate, dunkle Winter sich verabschieden. Marie lächelte bei diesem Gedanken, weil der Frühling sie auch an Kate erinnerte. Sie und Kate waren früher immer pünktlich zum Frühjahr shoppen gegangen, um die schönste Zeit des Jahres gebührend zu beginnen. Sie hatten immer jede Menge Spaß gehabt. Maries Lächeln verschwand allerdings schnell von ihren Lippen. Es war nun 3 Monate her, seit sie etwas von Kate gehört hatte, beinahe vier. Sie konnte immer noch nicht glauben, dass Kate einfach so gegangen war, ohne auch nur ein Sterbenswörtchen zu sagen. Ohne ihnen mitzuteilen, wohin sie gehen würde. Marie wusste noch zu genau, wie sie am ersten Tag des Jahres zu der Wohnung von Kates Eltern gegangen war und niemanden dort angetroffen hatte. Und am zweiten Tag ebenso nicht. Und am dritten. Und am vierten. In der zweiten Woche hatte sie dann jemanden angetroffen. Die neuen Mieter. Marie war mit offenem Mund vor der Türe gestanden, während der Mann vor ihr sie immer und immer wieder gefragt hatte, was sie denn wollte. Marie war sofort zu Grey gerannt, doch er hatte nicht mit ihr reden wollen. Er hatte ihr nur kurz die Türe geöffnet und hätte sie ihren Fuß nicht in die Tür gestellt, hätte er ihr die Türe vermutlich direkt vor der Nase zu geknallt. Dennoch hatte er sie nach wenigen Sekunden abgewimmelt. Vermutlich, weil sie kein Wort über ihre Lippen brachte. Marie wusste nicht, warum all ihre Worte auf einmal aus ihrem Kopf verschwunden, schienen. Vielleicht war es der Rest der Gefühle, die sie für Chris hegte, die sie davon abhielten etwas zu sagen. Vielleicht waren, es aber auch die dunkeln Augenringe unter seinen traurig drein blickenden Augen gewesen, die sie einfach nichts sagen haben lassen. Marie wusste es nicht. Er hatte sie angesehen, nur einen kurzen Augenblick. Dann hatte er etwas gesagt, dass Marie nicht verstanden hätte, wäre sie nicht so nahe zu ihm gestanden.
„Sie ist weg“, hatte er gesagt und seine Stimme klang dabei so ungläubig, dass Marie fast dachte, dass er ihr einen Witz erzählt hatten, wäre da nicht sein Gesichtsausdruck gewesen. Er sah sie an, nur einen kleinen Augenblick, und der Schmerz, der sich in seinem Gesicht abzeichnete, würde Marei wohl nie vergessen. Dieser Schmerz, der über alles Menschliche gehen zu schien. Marie war ruckartig einen Schritt zurückgegangen und Chris hatte ruckartig wieder die Türe geschlossen. Erst in diesem Moment hatte Marie überhaupt realisiert, was er ihr gesagt hatte. Kate war weg. Marie hatte immer noch keine Ahnung, wo ihre beste Freundin war. Sie konnte es immer noch nicht fassen, dass sie einfach so gegangen war. Ohne ein Wort. Dabei wusste Marie noch genau, wie empört Kate immer darüber war, dass ihr Vater ohne ein Wort gegangen war. Nun hatte sie es selber getan. Kate war mittlerweile vor dem Gebäude angekommen, in dem Kate früher mit ihrer Mutter gewohnt hatte. Sie schenkte dem Gebäude nur einen kurzen Blick. Es war nur ein Gebäude. Doch es beherbergte so viel. So viele Geschichten. Marie lief weiter, versuchte, die Gedanken an Kate und Chris zu unterdrücken. Stattdessen bemühte sie sich, an das Treffen mit Kai zu denken, dass am heutigen Tag stattfinden würde. Nun, eigentlich sahen sie sich jeden Tag. Dennoch war es jeden Tag etwas Besonderes, mit Kai zusammen zu sein. Seine Liebe zu spüren. Auch wenn Marie sich immer ein wenig schuldig fühlte, weil sie wusste, dass sie vermutlich nie so viel Liebe für ihn wie er für sie aufbringen würde. Doch sie waren glücklich. Und war das nicht manchmal alles, was zählte? Marie hoffte es. Sie dachte an all die schönen Momente, die sie mit Kai schon erlebt hatte. Unwillkürlich musste sie an dem Abend denken, an dem sie Kate aufgeschriebene Geschichte gefunden hatte. Sie hatte nie den leisesten Schimmer gehabt, darüber, was sich hinter ihrem Rücken abgespielt hatte. Am Ende hatte sie nicht einmal gewusst, wen es am schlimmsten getroffen hatte. Sie? Kate? Chris? Kai? Sie hatte in der ganzen Zeit, die seitdem vergangen war, immer nur versucht, diese Frage zu beantworten. Gerne hätte sie gesagt, dass sie diejenige war. Die, die am meisten mitgemacht hatte. Doch war sie das? Vermutlich nicht. Es reichte nur ein Gedanke daran, was Kate durchgemacht haben musste, jedes Mal, als sie so von Grey geschwärmt hatte und sie war sich nicht mehr sicher. Alles andere als sicher. Aber dann verstand sie wieder nicht, warum Kate nie etwas gesagt hatte. Sie hatte immer geschwiegen und damit die Situation von Tag zu Tag schlimmer gemacht. Oder Chris. Warum war er mit ihr ausgegangen, obwohl er etwas für Kate empfand, dass so stark war, dass sie es nie zerbrechen würde können? Diese Erkenntnis war Marie gekommen als sie bei Chris im Wohnzimmer saßen. Der Blick, den Chris und Kate sich gegenseitig zugeworfen hatte. Sie hatte nie einen solchen Blick bei einer anderen Person gesehen. Vermutlich war dies, was die beiden hatten, das, wonach alle suchen. Liebe. Jeder träumt davon, jeder wünscht sie sehnlich vorbei. Jeder liest davon, jeder sieht Filme, die davon handeln. Sie versinken in ihren Traum und geben sich nach langer Suche dann doch mit weniger zufrieden, weil sie merken, dass es sie nicht gibt. Die Liebe. Doch bei Chris und Kate gab es sie. Sie war da. Beinahe greifbar. Und sie haben sie weggeworfen. Als wäre sie nicht Grund genug gewesen, zu kämpfen. Alles andere zu bekämpfen, egal was. Marie verstand es nicht. Sie konnte nur den Kopf über Kate schütteln, darüber, dass sie einfach gegangen war. Einfach so. Sie hat das weggeworfen, was sich jeder wünscht. Einfach so. Sie hatte ja nicht mal Ahnung davon, was sie hatte. Hat es als normal betrachtet. Doch es war nicht normal. Es war kostbar. So verdammt kostbar. Nichts hätte den beiden das Wasser reichen können, nichts auf der großen, weiten Welt. Doch Kate hatte es einfach weggeworfen. Einfach so. Dabei hatte sie alles, was zählte. Alles. Alles, was jeder haben wollte. Sie hatten die Liebe, diese eine, verdammte Liebe. Und sie haben sie weggeworfen. Ohne mit der Wimper zu zucken, die Schmerzen hinnehmend, als wäre es nichts Besonderes gewesen. Kate war einfach fortgegangen und Chris, Chris hatte sie nicht einmal aufgehalten, dieser verdammte Idiot. Dieser verdammte schwachsinnige Idiot.

DU LIEST GERADE
Telling the whole Story
Romance(Fortsetzung von 'Just the half of the story') „Du hast was?!“, schrie Nic und einige Gäste in dem Restaurant drehten sich zu ihnen um. „ich habe es nicht geplant“, fuhr Kate fort, viel leiser, als zuvor, „wir hatten uns gestritten, heftig gestritt...