Teil 8

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Die Richterin würde Lyjana als unzurechnungsfähig einstufen, er wusste es. Die Art wie die Menschen sie ansahen, sie kamen der Wahrheit zu nahe. Sie durften nicht wissen, dass sie einander brauchten. Die Polizisten steckten ihre hässlichen Köpfe zusammen sie tuschelten und zeigten auf sie. Er hörte wie hinter ihm eine ältere Frau sich vorbeugte.

Ihre Stimme war hoch und schrill, obwohl sie flüsterte hallte sie in seinem Schädel wieder. „Ich glaube sie steckt mit ihm unter einer Decke. Solche Taten verzeiht kein normaler Mensch. Da steckt mehr dahinter." Ihre Nachbarin zog scharf die Luft ein, Eriks Kopf ruckte zu den beiden herum.

Die hässliche alte Frau quietschte entsetzt und klammerte sich an ihre Handtasche. Der Blick ihrer Nachbarin war ebenfalls zum Brüllen komisch. Er hatte noch nicht einmal irgendetwas getan und trotzdem schienen alle Anwesenden panische Angst vor ihm zu haben. Das war einfach nur lächerlich, gespielt und traurig. Erik schnaubte- oh er würde sie alle noch bestrafen, bis sie alle schwiegen. Dann würde keiner mehr auch nur einen Ton gegen seine Lyjana sagen- nicht ein einziger.

„Sie durften also keine Klamotten tragen?" fragte die Richterin vorsichtig und legte ihre Karteikarten fort. Lyjana zuckte zusammen, ihr Blick huschte hastig zu ihm und wieder zurück. Ihre hässliche Mutter, Gott sie hatte sicher nicht ihre zeitlose Eleganz von dieser einfachen Frau geerbt, versuchte gerade die Tochter in den Arm zu nehmen. Das Zittern Lyjanas wurde heftiger. „Nehmen Sie Ihre Hand da weg", knurrte Erik, wusste er doch um die Empfindlichkeit seiner Freundin. Empört schnappte die Frau nach Luft und auch die Richterin hatte bereits ihren Mund aufgemacht, um etwas zu erwidern, doch Lyjana kam den Damen zuvor, indem sie auf die eigentliche Frage zurückkam. Er konnte deutlich sehen, wie viel Überwindung es sie kostete, nichts gegen ihre Mutter zu sagen.

Sie verabscheute ihn aber ihr Blick veränderte sich nicht als sie ihre Tochter ansah. Es wurde ihm immer klarer die Menschen verachteten Lyjana. Sie sahen in ihr nur eine Marionette die freiwillig an den Fäden tanzte die er gesponnen hatte. Alleine bei diesem Gedanken hätte er am liebsten auf irgendetwas eingeschlagen. Sie kannten sie doch gar nicht, hatten nicht den Hauch einer Ahnung, was sie alles durchgemacht hatte und wenn er ehrlich war, bezweifelte er, dass die meisten Menschen in diesem Saal überhaupt noch leben würden, wenn er ihnen das angetan hätte, was er seiner Lyjana angetan hatte.

Ja er wollte sie nur für sich, aber jetzt musste er es beweisen. Er musste ihnen alle zeigen, wozu er fähig war.

„Nein ich durfte keine Kleidung tragen, ich musste erst richtig tanzen." Sagte sie leise, die Richterin wollte gerade nachhaken, da setzte sich die Idee in Eriks Verstand fest. Er würde ihnen zeigen wie wahnsinnig er war. Sie würden noch große Augen machen- und zwar alle. Er hatte sie gewarnt- immer wieder hatte er sie gewarnt. Sie sollten Lyjana in Ruhe lassen. Aber sie hörten einfach nicht auf ihn. Sie wollten ja alles besser wissen. Während seine Lyjana immer mehr Fragen beantwortete und der Zweifel an ihr wuchs, drehte er an den silbernen Handschellen.

Unbemerkt

Vorsichtig

Klick

„Lyjana was hat man Ihnen noch angetan? Wurden sie gefoltert oder gab es anderweitige Ärgernisse." Fast hätte er bei dieser Frage angefangen zu lachen, doch auch nur fast. Er musste die Fassade aufrecht behalten, er musste als gefasster junger Mann mit einer mittlerweile starken Psyche wirken. Er war stabiler als noch vor drei Jahren. Wenn er einen Mord begehen musste, dann nur noch für Lyjana. Aber für sie würde er auch alles und jeden zur Strecke bringen. Gespannt beobachtete er, was sie darauf wohl sagen würde, denn es gab so vieles, was er ihr angetan hatte.

„Er hat mir dir –" Sie fuhr über ihre Fingernägel immer und immer wieder. Oh er erinnerte sich noch als sie diese Strafe ertragen musste. Gott hatte sie geschrien als er ihr die Nägel unter ihre Finger schob. Er wusste nicht mehr genau, was sie getan hatte, um diese Bestrafung zu verdienen oder ob sie überhaupt etwas getan hatte, doch erinnerte sich noch genau daran, wie sie geschrien hatte.

Es war Sirup in seinen Ohren gewesen, die Schreie kamen dem schönsten Wein gleich oder waren sogar noch besser. Wie immer hatte er alles aufgenommen, sodass er sich diese Laute in der Endlosschleife anhören konnte. Ihre Tränen die auf den Tisch tropften, ihre Erschöpfung als er das Feuerzeug ans Metall hielt; das würde er nie vergessen.

Er hatte kleine, dünne Nägel unter ihre Nägel geschoben, diese mit dem feuerzeig erhitzt und dann den Fingernagel samt Eisennagel herausgezogen. Und es war ihm eine Freude gewesen, sie so leiden zu sehen. Wenn er sich in diesem verdammten Saal so umsah, dann fielen ihm auf Anhieb noch zehn andere Dinge an, die er an den sich hier befeindeten Menschen ausprobieren könnte.

„Er hat –" Lyjana startete erneut und es war sein Stichpunkt. Sie sollten gefälligst aufhören sie so zu foltern. Wussten sie denn nicht, dass sie bei der Erzählung der Ereignisse sich wieder erinnern musste. Sie musste sich an etwas erinnern, was sie am liebsten für immer vergessen hätte und sie musste es noch einmal durchleben, denn bei der Erinnerung kam auch das Flashback. Das wusste er nur zu genau. Er wusste wo ihre Grenzen sind, deswegen musste er jetzt handeln. Mit einem Ruck sprang er auf, Leute begannen zu schreien, aber er sprang bereits durch den Saal. Niemand konnte ihn aufhalten, die Polizisten standen zu weit weg und Lyjana starrte ihn nur entsetzt an.

Ganz das brave Hündchen. Die Marionette deren Fäden nicht mehr gelenkt wurden. Seine Lyjana. Er riss den Tisch mit sich um als er sich auf sie stürzte. Seine Fäuste krachten in ihr Gesicht immer und immer wieder. Es knackste und ihre Lippe brach entzwei. Unter ihm weinte und schrie Lyjana, aber es war reine Musik. Zwei Polizisten versuchten ihn von ihr herunter zu reißen, doch

er schlug beide von sich fort und immer wieder schlug er stattdessen auf das Mädchen unter ihm ein. Blut bespritzte sein Gesicht, den Boden, alles. Dann erst legte sich der kühle Lauf einer Waffe sich an seine Stirn. Sofort stoppte er und erhob sich von der hysterischen Lyjana.

„Sag es!"

„Ich hab nichts Falsches getan ich habe nichts Falsches getan!" wimmerte sie, ein Polizist rannte zu ihr, kniete sich neben sie aber er hatte nur Augen für seine Lyjana. Das Blut das in ihrer Bluse versickerte erinnerte ihn nur allzu gut an die Zeit als sie nichts getan außer zu tanzen.

Ihre Füße waren blutig über den Boden geschrammt, als die Musik ihre Töne entfaltete und ihre langen Haare die sich drehten. Wieder drückte sich der Lauf der Waffe kalt in seine Stirn.

„Verhandlung abgebrochen. Bringen Sie den Gefangen in Gewahrsam, ab sofort wird er bei den Verhandlungen in einem Käfig sein!" Die Richterin sprang auf ihre Adern auf Stirn und Händen pulsierten. „Holt einen Notarzt für die Zeugin!"

„Lyjana." Knurrte Erik und starrte zu dem Mädchen. „Sag was wir einstudiert haben." Lyjana starrte ihn entgeistert an, Polizisten stellten sich beschützend vor das Blutende Mädchen. Hysterisch begann er zu lachen. Er hatte es geschafft, jetzt war sie wieder das arme gefolterte Mädchen und nicht eine weitere Wahnsinnige. Er würde sich später bei ihr entschuldigen und sie würd die Entschuldigung annehmen. Doch jetzt war sein einziger Gedanke möglichst viel Aufmerksamkeit auf ihn und weg von ihr zu lenken. Schon kamen einige weitere Polizisten auf ihn zu, doch sein Blick ruhte nur auf ihr. Mit dem prüfenden Augen eines Arztes musterte er sie von oben bis unten. Er hatte gut gezielt. Es waren nur oberflächliche Verletzungen, die aber schnell wieder heilen und keine Naben zurücklassen würden. Bei dem Gedanken, dass ein andere als er sie untersuchen könnte, hätte er am liebsten noch einmal um sich geschlagen, doch er hielt sich zurück.

An den Armen wurde er aus dem Raum geschleift, Kameras klickten. Menschen schrien seinen Namen, oh das hatte er ja vergessen. Er war ein berühmter Erbe der jetzt wegen mehrfachen Mord angeklagt war. Leise lachte er in sich hinein. Keiner hatte es gewusst. Keiner hatte es geahnt. Jeder hatte in ihm nur den kultivierten perfekten Sohn gesehen, der noch berühmter als der Vater werden sollte. Er hatte eine Blitzkarriere hingelegt und war in kürzester Zeit mit Bestnoten fertig mit dem Studium gewesen. Es gab nie auch nur eine Negativ- Schlagzeile über ihn. Dafür hatte er auch überhaupt keine Zeit gehabt. Zu Hause, in seinem Wochenendhaus wartete schließlich immer jemand auf ihn. Umso geschockter waren die Medien dann gewesen, als es hieß, dass der brave Erik Selweig vor Gericht musste und dann auch noch wegen Mord.

Die Journalisten und Reporter verstummten erst, als sie das Blut an seinen Knöcheln sahen, als er immer noch hysterisch lachend in ein Polizei Auto gepresst wurde. Zum ersten Mal sahen die Kameras das Monster das er wirklich war und er genoss es. Er hatte sein Ziel erreicht.


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