Kapitel 2

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[Kapitel 2]

Die restlichen Kämpfe verfolgte ich nicht, lediglich als Ricarda antrat, lauschte ich dem Knurren, Heulen und Wimmern. Offensichtlich hatte sie gewonnen, denn sie gesellte sich anschließend zu mir.

Ich hatte mich zusammengerollt und Energie von meinen Ventonen in die Wunden geleitet, die Heilung damit beschleunigt. Sie bluteten nun nicht länger, aber die Wundränder juckten unangenehm.

'Weshalb lassen sie uns gegeneinander kämpfen?', wollte die junge Arventone wissen. Sie saß aufrecht da, jeden Muskel angespannt und ihre Ohren aufmerksam den Kampf zugewandt.

'Auswahl, nur die kräftigsten und aggressivsten eignen sich für die Jagd!', erwiderte langsam. Ihr Kopf schnellte zu mir herum und ihre Körperhaltung legte die Abscheu, den Unglauben da.

'Aber das ist gegen alles, was der Codex uns lehrt!', sie bebte vor unterdrückter Wut, ihr Venton hatte ein Stück mehr Kontrolle erlangt, ansonsten hätte die eingeschüchterte junge Frau wohl kaum die Lefzen gehoben und geknurrt.

'Das interessiert sie nicht. Oder doch, sie wissen es und nutzen das Wissen gegen uns. Entspann dich und spar' dir die Energie einen Aufstand anzetteln zu wollen. Ich war noch nie an einer Jagd beteiligt, aber ich kann dir versichern, danach waren sie alle nur noch erschöpft', die Gleichgültigkeit in meinen Worten unterstreichend gähnte ich und schob meine Nase unter meine Rute.

Sie starrte mich an, ungläubig und verletzt, doch es kümmerte mich wenig. Mit etwas Glück würde ich heute fliehen und diesem Spuk entrinnen, ein für alle Mal. Ein Neuling wie sie es war würde gut daran tun, Rat anzunehmen und zu befolgen, oder es auf die harte Tour selbst erlernen.

Ich sprach aus Erfahrung und wusste doch gleichzeitig, dass ich immer wieder den Weg der unzähmbaren Bestie einschlagen würde. Heute würden sie sich verfluchen, mich je von den Ketten aus ihren Kerkern befreit zu haben.

Endlich waren die Kämpfe beendet und auf ein, mir unbekanntes Zeichen hin, erhoben sich die anderen. Schweigend folgten wir ihnen, ich stets mit angespannten Muskeln und in höchster Alarmbereitschaft. Über eine versteckte Rampe am anderen Ende der Bühne stiegen wir hinab und befanden uns seitlich, neben dem Publikum wieder. Während die anderen vorwärts strebten, auf die Hexer zu, setzte ich mich hinten hin und beobachtete das Geschehen.

Angewidert zuckte meine Nase und ich legte die Ohren dicht an den Kopf an.

Ich war einmal bei einer meiner Missionen auf einem Wochenmarkt gewesen, auf dem Land und war an einer Kiste mir Welpen vorbei gekommen. Alle hatten sie sich nach vorne gedrängt, die Aufmerksamkeit der Menschen zu erlangen, den besten Herren auf sich aufmerksam zu machen.

Daran erinnerten sie mich jetzt und ich dachte mit Hohn über den Codex nach: 'Wir sind besser als Tiere, denn wir beherrschen sie und haben den scharfen Menschenverstand. Überlegenheit ist, was unsere Art sich verdient hat und mit nichts weniger dürft ihr euch zufrieden geben.'

Wie wahr, wie wahr. Und doch benahmen sie sich wie die heuchlerischen Hunde, die in jedem von ihnen steckte, dachte ich mir und wandte den Blick ab.

Und er fiel auf den angrenzenden Wald. Schatten bewegten sich zwischen den Stämmen und der Wind wehte von dort drüben auf uns zu. Ich verengte meine Augen und versuchte genauer zu erkennen, was sich dort bewegte.

Ohne Erfolg.

Ich reckte meine Nase in den Höhe und atmete tief ein. Der Geruch, den ich neben den üblichen Düften des Waldes herausfilterte, war mir unbekannt.

Getrocknetes Blut, irgendwie pferdeartig mit einem Hauch von Schlange und Federvieh.

Ohne es richtig begriffen zu haben, war ich auf meinen vier Pfoten und schlich näher, bedacht und angespannt.

Meine Ohren spielten vor und zurück, nahmen alle Informationen aus meiner Umgebung auf. Hufe, die über weichen Waldboden donnerten und Äste, die gewalttätig gebrochen wurden. Dynamische Äste die an ihren Platz zurück schnalzten und Blätter und Nadeln, die zu Boden regneten. Und das geflüsterte Rauschen, in meinem Rücken.

Gespannt stand ich da, wie in Trance und blinzelte.

Ein Schatten löste sich vom Waldrand und kam auf mich zu.

Der Körper gehörte der eines massigen, aber athletischen Pferdes. Sein Fell jedoch wurde von Schlangenschuppen ersetzt und in seiner Mähne und dem Schweif ließen sich Federn entdecken. Fasziniert betrachtete ich das tiefschwarze Wesen, dass mit ausgreifenden Schritten auf mich zukam. Seine Augen glühten in einem dunklen Grün, doch es betrachtete mich ebenso neugierig, wie ich es.

Schließlich realisierte ich, was da aus seiner Stirn wuchs: Zwei Hörner, eines gerade und um sich selbst gewunden, wie man es von Einhörnern kannte, das andere glatt und leicht nach hinten gebogen. Es senkte seinen Kopf und berührte meine Nase mit seinen Nüstern. Sein Geruch durchflutete mich und ich blinzelte drunken.

Andere erschienen an seiner Seite und bedachten mich mit kurzen Blicken. Alle waren sie dunkel gefärbt, von schwarz über grau zu dunklem braun und ebenso dunklem Rot.

Von hinten näherten sich die Hexer, irritiert stellte ich fest, dass es viel mehr waren, als ich zuvor im Publikum gesehen hatte. Blitzschnell drehte ich den unbekannten Wesen meinen Rücken zu und sah den kommenden Menschen entgegen. Die Wesen setzten sich in Bewegung und plötzlich fand ich mich in einem Gewimmel aus Beinen und zermalmenden Hufen wieder. Rasch wich ich zurück, bis ich direkt unter dem ersten, dem dunkelsten von allen, stand.

Es bewegte sich nicht. Bewegungslosigkeit bedeutete Sicherheit für mich.

Wie aus dem nichts stand ein Mann neben uns und legte eine Hand auf die Schulter des Wesens. Es zuckte nicht und doch wirkte es zugleich vielfach angespannter. Ohne mich anzusehen befahl er mir: „Geh!“

Und ich gehorchte. Nicht willentlich, er hatte Machtmagie in seine Stimme gelegt und meinen freien Willen unterbunden. Meine Beine trugen mich schnell an die Seite des Mannes, der unseren Kampf beendet hatte.

Dieses Lächeln, dass seine Augen nicht berührte, verhieß wahrlich nichts gutes.

Bei ihm standen Ricarda, eine Arventone, die ich nicht kannte und zwei männliche Arventonen. Alle hielten gehörigen Abstand zu dem fahl grauen, gesattelten Wesen. Und hatten das Fell aufgestellt, verlagerten unruhig das Gewicht von einem Bein auf das andere ohne es je aus den Augen zu lassen.

Der Hexer schien reichlich amüsiert über diese Reaktion, runzelte jedoch die Stirn, als ich mich näher zu dem Wesen als die anderen, hinsetzte.

„Macht euch bereit für die Jagd!“, donnerte die Stimme, die mich gerade eben hierher gesandt hatte, über die Hexer hinweg. Sie verursachte mir Magenschmerzen und ich wollte mich mehr als alles andere einfach zu Boden kauern.

Das verstörte mich. Magie konnte mich, wie jeden Arventone zwingen, Dinge zu tun, die wir nicht wollten, doch nie zuvor hatte ich mich so hilflos gefühlt. Und ich konnte manchmal die Magie über uns hinweg peitschen spüren.

Ich drehte mich um, neugierig, wie der Mann aussah. Aber nicht nur Neugierde ließ mich ihn mustern, auch dass Wissen um die wertvolle Information.

Doch ich kam nicht dazu, ihn genauer zu mustern. Stattdessen blieb mein Blick an den kreisenden Magieschwaden hängen, die sich an drei verschiedenen Stellen um ihn herum gebildet hatten. Nach mehreren Augenblicken, in denen er auf die Hexer einsprach, erschienen sie.

Höllenhunde.

Er hatte sich Höllenhunde als Jagdhunde beschworen.

Ein Zittern überfiel mich, dass mich schüttelte. Ihr Heulen klang schaurig, wie aus einem Albtraum. Wilde, ungezügelte Blutgier war heraus zu hören und der Jubel um die Jagd.

„Los!“, der Befehl donnere über uns hinweg und ich spürte meine Beine arbeiten, augenblicklich gehorchend. Schnell sauste ich über die kurze Distanz hinweg und in den Wald hinein.

Die Welt um mich herum hatte ich ausgeblendet, ich nahm nicht das schwere Keuchen anderer Arventonen wahr, noch dass ich schneller als je zuvor rannte.

Instinktiv folgte ich dem einzig heraus stechenden, schweren Geruch in der Luft. Sprang über einen Baumstamm hinweg und landete noch nicht einmal.

Schon brach die Hölle um mich herumlos.

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