6. Wo bleibt sie nur?

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Sie hatten sich auf dem Bahnhof in Position gebracht. Ein riesiges Banner mit der Aufschrift 'You must come back home' lag eingerollt vor ihnen auf dem Boden und sie hatten alle Beide ihre BTS-Pullis angezogen, um ihre Freundin zu begrüßen. Laut der Anzeigetafel müsste ihr Zug in fünf Minuten hier aufkreuzen. Die herbstliche Kälte war schon deutlich zu spüren. Sie standen da - die Hände in den Pullitaschen versenkt - und warteten. Die kleine Asiatin fror mehr als sie zugeben wollte; die Andere weniger.

Als Emma ihnen erzählt hatte, dass sie für einige Wochen ins Ferienhaus ihrer Eltern fahren würde - und das alleine - waren sie überrascht. Normalerweise fuhren sie gemeinsam für ein paar Tage zum Kpop Treffen nach Berlin, doch weiter als bis zur deutschen Grenze zu fahren, brachten sie nicht übers Herz. 

Nach fünf Minuten in der Kälte fuhr der Zug dann langsam ein. Sie rollten das Banner aus und hielten es in die Luft. Johanna streckte sich etwas weniger und Anna etwas mehr, um den Größenunterschied auszugleichen. Mit dem leuchtend roten Banner würde Emma sie nicht übersehen können. Der Zug kam zum Stehen und die Menschen strömten in Massen aus den nun geöffneten Türen. Emma würde vermutlich warten, bis alle draußen waren, um nicht im Weg zu stehen, doch auch als alle verschwunden waren, war kein Emma-ähnliches Mädchen in Sicht. Sie nahmen das Banner herunter. Der Bahnsteig war nun Menschenleer.

"Ruf sie mal an!", meinte Anna. "Vielleicht ist sie mit den anderen Menschen vom Bahnsteig gegangen."

Johanna kramte in ihrer viel zu großen Pullitasche herum und fischte schließlich ihr Handy heraus. Mit wenigen Handgriffen war Emmas Nummer gewählt und das Handy auf Lautsprecher gestellt (war ja niemand da, der hätte mithören können). Anna rollte derweil das Banner wieder ordentlich auf und sah sich weiter auf dem Bahnsteig um, wobei sie niemanden sah, da ja niemand mehr da war. Aus Johannas Handy kamen die üblichen Wahlgeräusche, die sich stark nach einem dieser Gehörtests beim Arzt anhörten. Schließlich ging tatsächlich jemand ran.

"Emma?" Schweigen.

"Ich kenne keine Emma", hörte man schließlich vom anderen Ende der Leitung. Auf Koreanisch.

"Wer ist da?", fragte Anna nun ebenfalls auf Koreanisch. Keine Antwort.

"Ich hab dir doch gesagt du sollst die SIM-Karte wegschmeißen!", sprach Jemand im Hintergrund.

"Tut mir leid, ich muss jetzt auflegen. Tschüss!"

"Nein! Warten Sie!" Doch der Kerl hatte bereits aufgelegt.

"Wir müssen zur Polizei gehen!", meinte Johanna sofort.

"Und was willst du denen sagen?", fragte Anna.

"Dass unsere Freundin verschwunden ist."

"Gab es da nicht irgend so eine 48-Stunden-Regel?"

"Dann warten wir halt noch 48 Stunden, oder so", beschloss Johanna grimmig.

"Ob ich das aushalte?"



When the life is kidding you... ||BTS ff||Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt