Ich saß das erste Mal aufrecht auf dem Bett. "Bist du soweit?" Manuel saß mit zusammen geschobenen Augenbrauen vor mir. Ich nickte. Dann drehte er den Spiegel um. Ich sah in ihm ein hässliches Monster. Meine kleinen Augen sahen mich müde an. Unter ihnen lag ein dunkler Schatten. Meine Haut war blass und sah alt aus. Als wäre ich in der Zeit, wo ich hier war, um Zehn Jahre gealtert. Man erkannte noch einen blauen Fleck, der um mein Auge war. Es hatte aber nur noch eine gelbliche Färbung. Und dann war da mein Mundbereich. Mein Bart war länger geworden. So lang trug ich ihn noch nie. Und er hatte fehlstellen. Von meinem Mundwinkel lang, bis zur Wange hoch, war eine dicke lila aussehende Narbe zu sehen. Ich war entstellt. Und das für den Rest meines Lebens. Mir stiegen Tränen in die Augen und mein ganzer Körper fing an zu beben. "Das du mich immer noch liebst", stammelte ich. Dann sah ich auf meine Beine. Ich wollte nicht mehr in den Spiegel sehen. Am liebsten würde ich jeden Spiegel auf der Welt zerschlagen, damit es keine mehr gibt, in die man mal ausversehen blicken könnte. "Ich werde dich immer lieben, Patrick." Manuels stimme klang fast verletzter als meine. "Für mich bist und bleibst du wunderschön." Er legte seine Hand an mein Kinn. Das erste Mal, dass er meine Haut dort berührte. Er drückte meinen Kopf sanft nach oben, sodass ich in sein Gesicht schauen musste. "Glaub mir das bitte." Und dann beugte er sich vor und küsste mich. Unser erster Kuss, nach so langer Zeit. Die Anspannung verflog mit dieser Berührung. Ich seufzte in den Kuss hinein. Es war wunderschön.
(...)
Manuel hatte eine Wasserschale neben sich gestellt. Das Messer hielt er in der Hand. "Das wird so Spaß machen", kicherte er. "Aber bitte bring mich nicht um." Ich lachte kurz auf und ließ ihn dann machen. Er trug ein breites Grinsen auf den Lippen, während er mir den Bart mit Rasierschaum einschmierte. Endlich kam dieses Ding weg. Er fuhr mit dem Messer über meine Wange. "Geht das gut." Nun sah er konzentriert aus. Seine Lippen standen offen und er machte jede Bewegung mit bedacht.
Und als er dann fertig war, sah er stolz auf mich herab. "Wie ein neuer Mensch. Warte." Er wischte mir die Überreste ab. "Guck." Er zückte den Spiegel. Ich wollte nicht hineinsehen, doch anders ging es nicht. Also sah ich in ihn. Und zu meinem Erstaunen, sah ich viel besser aus. Junger, frischer. Aber noch immer Pottenhässlich. "Das ist besser", seufzte ich also und drückte dann mit der Hand den Spiegel weg. Ich wollte nicht mehr mein Spiegelbild ertragen. Ich fragte mich, wie Manuel es aushielt, mich so zu sehen. Tag für Tag.
(...)
Zwei Tage später, saß ich im Rollstuhl. Ich durfte die Station verlassen. Manuel schob mich durch die Gänge, die alle Weiß und steril wirkten. Ab und zu sah man einen Pfleger, einen Arzt oder einen Patienten. Doch jedes Mal, wenn ein Fremder mich sah, sah er mich geschockt an. An diese Blicke musste ich mich vermutlich gewöhnen. Ich seufzte und schaute auf den Boden. Mir war mein aussehen so peinlich.
"Hier ist ihr Zimmer. Sie teilen sich es. Das ist der Nachteil, wenn man nicht auf der Intensivstation ist." Die Krankenschwester, die uns hergebracht hat, grinste uns an und trat dann in den Raum. Er war genauso hässlich, wie der auf der Intensivstation. Nur hatte er ein großes Fenster, mit blick auf einen kleinen Park. Und das zweite Bett, welches ungemacht war, war leer. "Ihr Mitbewohner ist gerade bei einer Untersuchung. Er wird bald da sein, dann könnt ihr euch kennenlernen. Essen gibt es um Sechs." Mit einem Lächeln, ließ sie uns alleine. Manuel seufzte. "Hoffentlich ist der Typ nett." Dann schob er mich an mein neues Bett, welches Gott sei dank am Fenster stand. Dort half er mir, mich aufs Bett zu bekommen. Ächzend ließ er mich in das Kissen sinken. "Gibst du mir die Fernbedienung?" Ich wollte es aufstellen, damit ich rausschauen konnte. So lange hatte ich keinen Himmel mehr gesehen, frische Luft geatmet oder irgendwas anderes anschauen dürfen, als die vier Wände meines Zimmers.
Manuel stellte von allein das Bett hoch, sodass ich nach draußen sehen konnte. Das Laub fiel in schönen Orange, Gelb -und Brauntönen von den Bäumen herab. Ich lächelte. "Es ist Herbst." Dann schwand es wieder. Ich würde so gerne hinaus, um einen Spaziergang zu machen. So wie früher mit meiner Mutter.
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Beyond/Kürbistumor
FanfictionVier Distrikte. Alle sind unterschiedlich. Jeder Mensch, nach Vollendung des Achtzehnten Lebensjahres, wird zur Bestimmung geschickt. Man wird in eines der Distrikte gewählt. Wenn man Glück hat, bleibt man in dem Distrikt, in dem man geboren wurde...
