Wir schaffen das

687 79 13
                                        

Es standen einige Militärbusse vor dem Stadttor. Wir alle hatten uns vor ihnen versammelten und warteten auf die Abfahrt, die uns zum Stützpunkt brachte. Manuel warf mir immer wieder unsichere Blicke zu. In meinem Kopf schwirrte nur das Wort "sterben".

Als wir dann in die Busse geleitet wurden, setzte ich mich neben Manuel. Sterben. War es das Ende unserer Beziehung? Ich sah zu ihm. Hatten wir eine gehabt oder was war das gewesen? Ich beugte mich zu ihm rüber. "Sind wir zusammen?", flüsterte ich in sein Ohr. Er wirkte auf meine Frage erschrocken. "Worüber du nachdenkst in so einer Situation." "Ich will es wissen." Meine Augenbrauen schoben sich zusammen. "Ja." Er lächelte sanft. Am liebsten hätte ich ihn in meine Arme geschlossen. Doch es ginge nicht. Wir waren Soldaten, die auf dem Weg in den Krieg waren.

Wir fuhren Stunden im Bus zur Front. Keiner redete. Alle in unserem Wagen starrten in die Luft. Vermutlich dachten sie an ihre Familien, an Freunde und an ihr kommendes Leben. Ich schätzte, dass wir alle die gleichen Sorgen hatten. Die gleiche Angst.
Einer aus unserer Gruppe schlief sogar. Ich hatte nie viel mit ihm zutun gehabt. Vielleicht mal ein "Hallo" oder ein "bis Morgen". Ich sah in sein Gesicht. Auch in das der anderen. Wer wohl überleben würde und wer wohl starb? Ich sah zu Manuel, der es bemerkte und seinen angelehnten Kopf zu mir drehte. Mein größter Wunsch war, dass er überlebte.

Ich versuchte mir sein Gesicht in den Kopf zu brennen. Seine leicht nach vorne gewölbte dünne Nase. Seine großen grünen Augen und die buschigen Augenbrauen. Die schmalen Lippen und die zarten Wangen. Sein braunes Haar. Ich wollte seins für immer sehen können, falls er nicht mehr da sein sollte. Und ich wollte seins sehen, falls ich den Augenblick meines Todes mitbekommen sollte.

Wir sahen uns an, lächelten uns leicht zu. Dann spürte ich seine Hand, die in einem Handschuh steckte. Sie griff meine und drückte zu. Er nickte. Es war ein "wir schaffen das".

Und dann hielt der Bus an. Unsichere Blicke wurden ausgetauscht. Wir hörten das Schanier außen am Bus und dann wurde die Klappe zum aussteigen geöffnet. Es war Elliot, der uns aufmachte. "Wir sind da", sagte er. Nach und nach stiegen wir aus. Manuel wich mir nicht von der Seite, bis wir am Lager ankamen. Unser General erwartete uns in einem großen Zelt. Wir wurden hingebracht und mussten uns in Reih und Glied aufstellen. Selbst da wich er mir nicht von der Seite.

Uns wurde vom General erklärt, dass wir den heutigen restlichen Tag eingewiesen wurden. Wo mussten wir morgen, vor dem Sonnenaufgang, hin und unsere Waffen abholen. Wo gab es unser Frühstück und wie lief es ab, wenn wir zu Front gebracht wurden. Was musste beachtet werden, was muss getan werden im Fall einer Verletzung. Ich lauschte gerade bei dem Punkt genau hin.
Und dann der letzte Punkt. Was tun, wenn eine Bombe uns traf und man selbst der einzige Überlebende ist.

Beyond/KürbistumorWo Geschichten leben. Entdecke jetzt