Familienbande

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Wie erstarrt stand ich im Wohnzimmer des Reinblüter und erfuhr, dass ich bereits verlobt war, mit IHM.
Mir wurde ziemlich schwindelig. Es wollte einfach nicht in meinen Kopf hinein, dass ich bereits versprochen war, an jemandem, den ich gar nicht kannte. Mal davon abgesehen, dass ich mit Vampiren nichts zu tun haben wollte.
Ich versuchte mich wieder zu beruhigen und setzte mich aufs Sofa. Fest umklammerte ich meinen Mantel neben mir. Mein Körper zitterte. Das entging dem Reinblüter nicht.
„Wollt Ihr mehr darüber wissen?" fragte er mich höflich und wie in Trance nickte ich.
„Eine reinblütige Familie kann ihren Fortbestand nur erhalten, wenn sich die Geschwister wieder vermählen und das über Generationen hinweg. Ich bin der einzige Sohn der Kuran Familie. Meine Eltern bekamen kein weiteres Kind. Aber die Linie sollte nicht bei mir enden. Also luden sie alle reinblütigen Familien zu einem Ball hier in unsere Villa ein. Meine Familie ist die reinste aller reinblütigen Familien. Wir haben den reinsten Stammbaum, daher kann man die Kuran Familie als Oberhaupt bezeichnen. Als bekannt wurde, dass meine Eltern ein geeignetes Mädchen für mich auswählen wollten, buhlten die anderen Familien untereinander um diese Gunst. Ihr solltet verstehen, dass es eine Ehre ist, wenn man der Königsfamilie helfen kann."
Verwirrt blickte ich zu Kaname.
Ich verstand absolut nicht was da gerade passierte.
„Meine hochverehrten Eltern wählten Euch aus an meiner Seite zu leben. Suri, Ihr seid ebenfalls ein reinblütiger Vampir."
Das war der Augenblick der Augenblicke. Noch nie in meinem ganzen Leben setzte mein Herz so lange aus. Noch nie blieb mir so lange die Luft zum Atmen weg. Noch nie brach für mich die Welt so sehr zusammen wie jetzt.
Überfordert mit der ganzen Situation sprang ich auf.
Wieso kannten so viele Menschen mich besser als ich?
Von jedem hörte ich etwas anderes.
Wem sollte ich glauben?
An alles was ich mich versuchte zu erinnern, ergab einfach keinen Sinn. Mein Kopf spielte verrückt, meine Gedanken liefen Amok. Aufgewühlt fuhr ich herum. Tränen spiegelten sich in meinen Augen wieder.
„LÜGNER!" schrie ich „Ihr seid alle Lügner."
Kanames Ausdruck veränderte sich nicht, es schien als rechnete er mit dieser Reaktion. Das machte mich noch wütender.
„Reinblütige verwandeln sich nicht zu Level E Vampiren. Was denkt Ihr gegen was ich all mein Leben ankämpfe?!"
Plötzlich durchfuhr mich ein Blitz. Ich spürte eine komische aber mächtige Energie um mich herum. Etwas schien sich mit meiner Wut aufzubauen.
„Ich trank monatelang kein Blut, weder von Menschen noch von Vampiren oder gar Tieren. Ich kämpfte immer gegen meine Level E Seite an. Noch heute tue ich das! Widerwillig nahm ich sogar Rido Kurans Blut zu mir, was meine Verwandlung zeitweilig stoppte. Aber ich habe das Gefühl die Zeit rennt mir davon. Und jetzt kommt Ihr und wollt mir sagen ich sei ein reinblütiger Vampir?! LÜGNER! Seit ich das Blut Eures Onkels trank, geht's mir schlechter, ständig taucht er überall auf!"
Ich sah zu Kaname und stellte fest, dass seine Miene sich verändert hatte. Er wirkte besorgt. Ich wusste überhaupt nicht damit umzugehen. Allerdings hatte sich meine Wut nicht abgekühlt, sodass ich kurzerhand beschloss zu gehen. Ich schnappte mir meinen Mantel und ließ den Reinblüter zurück.
Aufgebracht, durcheinander und fertig von den letzten Ereignissen fuhr ich durch meine Haare und zog den Mantel an.
„Gehst du schon?" ertönte plötzlich eine Stimme, welche mich zusammenschrecken ließ. Ich fuhr herum und sah Aido, wie er am oberen Ende der Treppe stand, als würde er auf mich warten. Ich verdrehte meine Augen und wollte gehen, doch er ließ nicht locker.
„Ich habe noch nie verstanden was er an dir fand."
Kurz atmete ich tief durch, um meine Wut zu besänftigen. Und mit einem Mal verflog der Anflug von Energie in mir wieder.
„Ich bin wohl auch ein Reinblut. Vielleicht liegt es daran.."
Aido schien überhaupt nicht beeindruckt. Langsam kam er die Treppe herunter.
„Vor nicht allzu langer Zeit, erzählte Kaname mir von seinem Verdacht, wer du wirklich bist. Wenn das wirklich stimmt, dann solltest du ihm mehr Respekt zollen."
„Ich ... ich weiß einfach gar nichts. Mein Kopf fühlt sich so leer an."
„Lass mich dich auf einen Spaziergang begleiten" sprach Aido und zog sich ebenfalls einen Mantel über. Und noch bevor ich was entgegnen konnte, hakte er meinen Arm bei sich ein und wir liefen los.
Es war kühl und dunkel draußen, nur die wenigen Straßenlaternen erleuchteten den kaum ersehbaren Weg durch die endlose Nacht.
Ich hatte mich bereits etwas beruhigt und Aido, ob ich es nun wollte oder nicht, war die beste Lösung einen klaren Kopf zu bekommen.
„Ich versteh immer noch nicht, wenn das alles stimmt, was Kaname sagt, wieso meine Eltern eingewilligt haben mich mit ihm zu verloben. Schließlich habe ich einen Bruder. Wir müssten doch einander versprochen sein. So läuft das doch unter den Reinblütern."
Aido nickte und begann dann zu sprechen.
„Unter all den wenigen reinblütigen Familien, die noch existieren, ist die Kuran Familie die reinste und edelste. Sie ist sozusagen die Königsfamilie."
Genau das erzählte mir Kaname auch.
„Ich verstehe nicht recht" sagte ich verwirrt.
„Es ist eine Ehre, wenn man für diese Familie dienen kann. Wenn man ihre Gunst erlangen kann. Diese Tradition existiert schon sehr sehr lange. Deine Familie wurde auserwählt und wird somit für immer ein Teil der Königsfamilie sein."
„Also hat meine Familie mich verkauft" sagte ich kalt und blickte gen Boden.
Aido kicherte. Verwirrt sah ich zu ihm hoch.
„Ja so kann man das auch sagen. Aber vergiss nicht, dass es eine Ehre war dich als Teil der Kuran Familie nennen zu können."
Stumm nickte ich.
„Was ist mit ihnen passiert? Warum habe ich keinerlei Erinnerungen an sie?"
„Komm lass uns setzen" sagte der Blondschopf und zeigte auf eine Bank. Schnell setzte ich mich hin. Die Ungewissheit ließ mich nicht in Ruhe.
„Haruka und Juri Kuran, Kanames Eltern, hatten noch einen Bruder, Rido Kuran."
Ein Schauer lief mir über den Rücken, als Aido seinen Namen laut aussprach.
„Rido Kuran war unsterblich in Juri Kuran verliebt. Er ertrug es nicht, dass sie ihn nie gewollt hatte. Zu allem Überfluss versprachen sie ihren Sohn Kaname an dich, was Rido überhaupt nicht tolerierte. Für ihn war es ein Verbrechen das Blut zu vermischen. Das reine Kuran Blut würde vermischt werden mit minderwertigem Blut."
Aido machte eine kleine Pause und blickte starr geradeaus.
„Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern passiert."
Unruhig rutschte ich auf der Bank hin und her.
„In der Hoffnung euch alle zu töten, brannte Rido das Anwesen deiner Familie nieder. Es sollte wie ein Unfall aussehen. Er hatte allerdings nicht die Rechnung mit Juri Kuran gemacht. Sie kannte Rido gut, sie wusste, dass er was im Schilde führen würde, um die bevorstehende Verlobung zu verhindern. Juri Kuran rettete dich und versuchte dich so gut es ging zu schützen. Sie war diejenige, die dich in eine andere Familie einschleuste. Kurze Zeit später fand Rido heraus, dass seine Geschwister dich versteckten und verteidigen würden. Das kostete sie das Leben."
Wieder machte Aido eine Pause und wirkte angespannt.
„Was ist mit Kaname? Warum brachte Rido ihn nicht um?" fragte ich nachdenklich.
Aido sah mich an und sprach dann weiter.
„Bis heute kann das keiner so genau sagen. Es gibt viele Vermutungen, aber um ehrlich zu sein kenne ich Kaname jetzt schon mein ganzes Leben. Er ist der stärkste Vampir, der mir jemals begegnet ist. Ich glaube, er konnte sich gegen Rido behaupten. Zumindest ist dieser seit jener Nacht verschwunden."
Ich schluckte und überlegte, ob ich Aido von Rido erzählen sollte. Dann fiel mir ein, dass ich Rido gegenüber Kaname erwähnt hatte und er darauf ziemlich besorgt aussah. Außerdem stellte sich noch eine Frage in meinem Kopf.
„Aido, es gibt da noch eine Sache, die ich nicht verstehe."
Der Blondschopf sah zu mir herüber und runzelte die Stirn.
„Wenn Marcus auch ein reinblütiger Vampir ist, wieso kann ich mich an ihn erinnern, aber nicht an meine richtigen Eltern?"
Aido nickte knapp.
„Juri Kuran konnte Marcus ebenfalls aus den Flammen retten. Sie schaffte euch beide zusammen weg, damit ihr immer einander haben konntet. Familienbande sind die stärksten auf dieser Welt."
Verblüfft strich ich mir eine Strähne aus dem Gesicht. Das waren so viele Informationen, dass mein Kopf sich noch voller anfühlte, als er eh schon war.
„Aido, ich muss jetzt allein sein" sprach ich kurze Zeit später und starrte ebenfalls wie er geradeaus in den Wald hinein.
„Ich verstehe" antwortete er „Pass auf dich auf."
Dann verschwand er in der Dunkelheit und ließ mich mit meinen Gedanken zurück. Ich dachte an meine Adoptiveltern, doch so wirklich wollten sich in mir keine Erinnerungen regen. Es war alles zu verschwommen und verworren. Ich genoss den kühlen Nachtwind und ließ ihn mein Gesicht streicheln.
„Guten Abend, kleine Lady" rief eine dunkle gefährliche Stimme.
Mein Körper erstarrte.
Mein Puls raste.
Ich fühlte mich wie gelähmt.
Jemand hatte seine Hände auf meine Schultern gelegt. Jemand bekanntes. Jemand gehasstes.
Rido Kuran.
„Es ist an der Zeit" rief er und roch an meinen Haaren, was mir ein Schauer über den Rücken jagte.
„Es ist vorbei mit unserem Pakt!" entgegnete ich mutig.
Doch das war wohl nicht die Antwort, die das Reinblut hören wollte. Noch bevor ich mich bewegen oder wehren konnte, rammte mir Rido seine Reißzähne in den Hals.   

Vampire Knight - SuriWo Geschichten leben. Entdecke jetzt