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Wie lange sitze ich hier schon? Zehn Minuten? Eine Stunde? Oder auch zwei?

Noels Abwesenheit kam mir wie eine Ewigkeit vor. Hilflos saß ich auf dem Boden und starrte angestrengt nach oben. Doch natürlich sah ich nichts außer dem blauen Himmel. Hin und wieder flog ein Vogel vorbei und einmal hatte ich schon ein kilometerweit entferntes Flugzeug ausmachen können.

Irgendwann tat mir mein Nacken so weh, dass ich die Position ändern musste. Vorsichtig drehte ich meinen Kopf nach unten und sah mir selbst dabei zu, wie ich den Schnee mit meinen Händen zerrieb.

Der anfängliche Schmerz in meinem Fuß hatte etwas nachgelassen, doch ich bewegte ihn auch nicht. Eigentlich sollte ich ein wenig Schnee in die Socke stecken, um den Fuß zu kühlen. Doch ich brachte es nicht über mich, ihn anzusehen. Vermutlich war er dick und blau und das zu sehen würde meine Laune nicht gerade steigern.

„Achtung!", rief es plötzlich und mein Kopf schnellte nach hinten in den Nacken.
Von Noel war nichts zu sehen, doch es war eindeutig seine tiefe Stimme gewesen.
Da entdeckte ich ein Seil, das in unserer Ausrüstung dabei gewesen war, zu mir hinab gleiten. Noel hatte es so zusammengeknotet, dass eine große Schlaufe entstanden war.

„Setz dich hinein und halte dich gut fest! Ich zieh dich nach oben."
Immer weiter kam das Seil zu mir hinab, doch etwa eineinhalb Meter vom Boden entfernt kam es zum Stillstand.
Ich streckte den Arm aus, aber es war immer noch unerreichbar hoch.

„Lass es weiter herunter!", bat ich. „Ich komme nicht ran!" Noels Kopf erschien wieder am Himmel und schaute prüfend hinab. „Du musst doch nur aufstehen und ein bisschen hüpfen." „Wie denn?!", meinte ich den Tränen nahe und deutete auf meinen Fuß. „Ich habe mir den Fuß angeknackst!"
„Scheiße", murmelte es von oben. Einige Sekunden sagte niemand etwas.
„Du musst es versuchen, Juna! Ich kann das Seil nicht länger zaubern."

Spar dir deine dämlichen Kommentare, wollte ich schon rufen, doch ich bremste mich. Er war hier. Noel war zurückgekommen, um mich ein weiteres Mal zu retten, das war die Hauptsache.
Also biss ich die Zähne zusammen und drückte mich mit den Händen ein wenig hoch, sodass ich schon mal in die Hocke kam.
„Gut, weiter so!", ermunterte mich Noel.
Vorsichtig drückte ich mich an der Wand hoch und stützte mich nun vollends auf das linke Bein, das zu wanken begann. Ich schnaufte laut, der Schweiß stand mir schon auf der Stirn.
Langsam setzte ich mein verletztes Bein auf dem Boden ab, um zu prüfen, wie viel Gewicht es noch halten konnte.
Es schmerzte ein wenig, doch es war auszuhalten.
Ich knickte nicht weg, sondern stand nun wackelig auf beiden Beinen in der Gletscherspalte, die Hände an die gegenüberliegenden Eiswände gepresst.
Ich keuchte vor Anstrengung.
„Wo ist dieses verdammte Seil?", murmelte ich in mich hinein und drehte den Kopf nach rechts.
Der Plan war doch zum Scheitern verurteilt.

Das Seil war noch über einen Meter entfernt und das Ende der Schlinge, in das ich mich setzen sollte, war auf der Höhe meines Gesichts. Wie sollte ich da jemals rankommen?
„Weiter! Juna, du schaffst das!", feuerte mich Noel an und es verlieh mir wirklich neuen Mut.
Ich machte einen kleinen Schritt, doch diese Belastung war zu viel für meinen Fuß. Er knickte weg.
So gut es ging, fing ich meinen Sturz mit den Händen ab. Zum Glück hatte ich Handschuhe an, sonst wären sie bestimmt schon blutig gescheuert.
„Nicht aufgeben!", mahnte Noel, „robb nach vorn zu dem Seil, dann drückst du dich hoch, genauso wie gerade eben."

Ich tat wie geheißen. Wie ferngesteuert bewegte ich mich im Vierfüßlergang auf das Seil zu und ignorierte das schmerzhafte Pochen in meinem Fuß.
Dann schaffte ich es irgendwie erneut in die aufrechte Position und atmete erst einmal tief durch.
Mit beiden Händen ergriff ich die Schlinge, die direkt vor meinen Augen baumelte.

Da hoch komme ich nie. Ich kann mich ja nicht einmal vom Boden abstoßen.

„Das... das funktioniert nicht", rief ich verzweifelt. „Ich schaff es nicht, Noel!" Entkräftet und mutlos fing ich an zu weinen. Gerade, als ich mich wieder auf den Boden setzen wollte, meinte Noel bestimmend: „Du hast es schon so weit geschafft, du gibst jetzt nicht auf! Kannst du dich wenigstens an dem Seil halten? Lehn dich mit den Oberkörper so gut es geht darüber. Ich zieh dich hoch. Wir schaffen das. Vertrau mir."

Ich blickte zu ihm nach oben. Sein Gesichtsausdruck war ernst. Ich zog überhaupt nicht ladylike die Nase hoch und nickte. Ich vertraute ihm. Ich hatte sonst ja auch keine andere Wahl.

Entschlossen schlang ich meine Arme durch die große Schleife und klammerte mich so gut es ging daran fest.
„Los!", schniefte ich.

Es dauerte kurz, doch dann setzte sich das Seil in Bewegung. Gleich darauf verlor ich den Boden unter den Füßen und schlug sachte gegen die Schneewand.
Stück für Stück ging es in Zentimeterschritten nach oben. Meine Arme begannen unter meinem eigenen Gewicht zu zittern. Doch ich hielt mich wie verbissen fest. Wenn ich jetzt losließ und wieder hinabfiel, war das das Ende für meinen Fuß. Wenn nicht gar das Ende für mich.

Ich wagte einen Blick hinab. Zwei Meter hatten wir schon geschafft, das war so in Etwa die Hälfte. Meine Füße baumelten nutzlos im Freien. Beängstigend rasch schwanden meine Kräfte. Die Muskeln brannten und die Arme zitterten stärker.

„Nur noch ein bisschen!", hörte ich Noel keuchen. „Ich kann nicht mehr!", rief ich wahnsinnig vor Angst. Die angewinkelten Armen knickten durch und nun hing ich nur noch mit meinen zwei Händen am Seil.
„Noel!", kreischte ich hysterisch. „Ich falle! Noel!"
Die gefrorenen Finger lösten sich endgültig vom Seil und die Erdanziehungskraft riss mich mit sich. Gleichzeitig packte jemand meinen linken Arm.
„Du fällst nicht! Ich hab dich! Ich lass dich nicht los."
Noels Gesicht war gerade einmal unsere zwei Armlängen von meinem entfernt. Er lag flach auf dem Boden und hielt mich mit aller Kraft fest.
Mein gesundes Bein kratzte an der eisigen Wand entlang, um irgendwo etwas Halt zu finden. Doch ich hatte keine Chance. Meine Augen flogen in den Höhlen hin und her. Es ging so tief hinab. Ich schnappte hysterisch nach Luft.
„Juna."
Panisch schnellte mein Blick nach oben. Auch er sah mir ins Gesicht.
Grüne Augen trafen auf die angsterfüllt geweiteten braunen.

„Ich hab dich", wiederholte er ruhig. „Vertrau mir."

Und dann begann er, mich mit bloßen Händen hinaufzuziehen. Ich sah die Anstrengung in seinem Gesicht, das kräftige Kiefer fest aufeinander gebissen, eine kleine Ader zeichnete sich seitlich an seiner Stirn ab.
Er atmete schwer, doch er hielt sein Wort. Er ließ mich nicht los.

Endlich konnte ich mit meinem freien Arm die Schneekante über mir erreichen und zog mich mit Noels Hilfe hinauf. Als ich mit meinem ganzen Körper über der Schwelle war, brach ich weinend zusammen.

Noel setzte sich neben mich in den Schnee und zog mich behutsam zu sich heran. Halb liegend, halb sitzend kauerte ich mich auf seinem Schoß zusammen und ließ Tränen voller Angst und Verzweiflung freien Lauf.
Sanft strich er über meine Haare und legte seinen anderen Arm schützend über mich. Nach einigen Minuten zog er mein Kinn zu sich, sodass ich ihn anschauen musste.
„Wir haben es geschafft, Juna. Du bist in Sicherheit."
„Du hast mich gerettet", flüsterte ich unter Tränen. „Es ist vorbei", murmelte er leise und lächelte mich an.

Und auf einmal fand ich blonde Haare gar nicht mehr so schlimm.

Gefangen im SchneeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt