7

190 47 21
                                        

„Hallo?", rief ich mit erstickter Stimme. Mein kläglicher Ruf verschwand im Nichts.

„Hallo? Hört mich jemand?", schrie ich lauter.
Ein Krächzen genau über mir ließ mich zusammenfahren. Eine dämliche Krähe verhöhnte mich.
„Verschwinde! Verdammtes Biest!"
Wütend hob ich eine Hand voll Schnee vom Boden auf und warf es dem schwarzen Vogel hinterher. Flügelschlagend und laut schimpfend flatterte er weiter und setzte sich auf einen Baum. Mit seinen starren schwarzen Augen fixierte er mich anklagend.

Augenblicklich tat mir meine harte Reaktion leid. Der Vogel konnte auch nichts für mein jämmerliches Schicksal. Er hatte wenigstens das Glück, dass er vor so etwas davonfliegen konnte.

Schwankend lief ich ein paar Schritte den Berg hinab.
Schon wieder flossen mir Tränen über das Gesicht, aber ich wischte sie nicht weg.
So kann es doch nicht enden! Ich hatte die Lawine überlebt und jetzt würde ich hier einsam sterben?
Das war nicht fair! Wo versteckten sich die anderen? Warum suchten sie nicht nach mir?
Sie würden unmöglich ohne mich weiterziehen oder?

Und wenn sie schon tot waren?, fragte mich eine flüsternde Stimme.
Nein! Das konnte keinesfalls sein. Nicht Phillip, der kannte sich doch am besten mit so etwas aus.
Und Magdalena, die hatte so viel Energie und Ausdauer. Auch sie musste überlebt haben!

Und Noel... er hatte mein Leben gerettet. Er war zurückgekommen, um mich mitzuziehen. Hatte ihm das sein eigenes Leben gekostet?

Mutlos tappte ich im Schnee umher. Ich wusste nichts mit mir anzufangen. Hin und wieder murmelte ich die Namen der Vermissten vor mich her.
„Das kannst du mir nicht antun, Phillip", flüsterte ich. „Was für beschissene Flitterwochen, Lousia und Til." Ich lachte auf und hasste mich im gleichen Moment dafür.
Was war nur los mit mir?

Vielleicht sprang ja hinter dem nächsten Baum ein Mann mit seiner versteckten Kamera hervor. „Verarscht!", würde er rufen. „Wir sind alle hier hinten, beobachten dich und lachen uns schlapp!"
Mein Kopf zuckte in die Richtung der Tannen. Wie sehr wünschte ich mir, dass dort jemand stand. Mit oder ohne Kamera.

Doch da war niemand.

Ich lief langsam weiter und atmete zittrig die kalte Luft ein.
Was soll ich denn jetzt machen?, dachte ich verzweifelt. Es war zum aus der Haut fahren. Ich war gefangen. Und mein Gefängnis waren die riesigen Alpen mitten im Winter.

Plötzlich blieb ich stocksteif stehen. Ich hatte etwas gehört! Ich war mir ganz sicher.

Angestrengt lauschte ich. Nichts.
„Hallo? Ist da wer?", brüllte ich aus voller Kehle. „Louisa? John? Phillip?"

Wieder wurde ich mucksmäuschenstill und spitzte die Ohren. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, wenn der Untergrund nicht aus Schnee bestehen würde.
Aber ich hatte mich doch nicht getäuscht. Irgendetwas war dort gewesen!

Da!

Ein leises Wimmern.

Meine Augen wurden groß und mein Herz begann zu rasen. So schnell ich konnte, stürmte ich den Abhang hinunter. „Halte durch!", schrie ich. „Ich komme!"

Ich war so glücklich, dieses Wimmern zu hören. So erleichtert, nicht alleine hier zu sein, dass ich gar nicht daran dachte, was mich dort unten erwarten könnte.

Nach etwa 300 Meter wurde ich wieder langsamer und verfiel in einen leichten Trab. Suchend blickte ich mich um.

Alles war weiß. Verdammt, wo steckte der denn?
„Hallo? Antworte mir!", rief ich unruhig und drehte mich um die eigene Achse.
Sie antwortete mir nicht, doch das war auch nicht nötig.

Ich hatte sie erreicht.

„Magdalena!", kreischte ich entsetzt und rannte zu dem umgeknickten Baum, unter dem sie begraben war.
Der Schnee um sie herum hatte sich bereits in ein dunkles Rot verfärbt.

Was ich dann sah, löste in mir einen brechreizartigen Reflex aus.
Magdalenas rechtes Bein. Es war nicht mehr das, was es einmal gewesen war. Besser gesagt, es war nicht mehr dort, wo es einmal gewesen war.
Ein dickes Stück Fleisch hing noch an ihrem Becken, die zerrissene Skihose war auch schon vom Blut durchtränkt.
Ihr Unterschenkel befand sich jedoch nicht mehr an seinem Platz. Er lag mit dem Schuh etwa zwei Meter entfernt in einem rot-weißen See.

Mit schlottrigen Knien und rebellierendem Magen wich ich einen Schritt zurück.

Noch einmal blickte ich auf ihren zerfetzten Oberschenkel. Zwischen der Hose sah man rohes Fleisch; Blut tropfte von den Muskeln herab und färbte den sowieso schon roten Schnee noch dunkler. Als ich dann noch den etwas helleren Oberschenkelknochen herausstehen sah, war es um mich geschehen.
Ich drehte mich auf dem Absatz um und übergab mich herzhaft im tiefen Schnee. Mit den Händen stützte ich mich auf meinen Schenkeln ab und würgte so lange, bis nur noch bitter schmeckende Galle kam.
Ich keuchte.

Langsam richtete ich mich wieder auf. Mein ganzer Körper zitterte. Jede Zelle in mir weigerte sich, noch einmal zu Magdalena zu sehen. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen.

Doch jetzt abzuhauen und sie alleine sterben zu lassen, kam einem Mord gleich.

Mit bebenden Händen schaufelte ich ein wenig Schnee über mein Erbrochenes. Dann atmete ich tief durch und drehte mich zögernd um.
Mit aller Willensstärke heftete ich meinen Blick auf Magdalenas Gesicht, um nicht wieder diesen scheußlichen Anblick ertragen zu müssen, obwohl das halbierte Bein meine Augen wie magisch anzog.

Langsam näherte ich mich Magdalena und ließ mich neben ihr auf die Knie nieder. Vorsichtig hob ich ihren Kopf in meinen Schoß. „Sch-sch", machte ich betrübt. „Ich bin ja da."

Magdalena stöhnte leise.
Ich beugte meinen Kopf zu ihr hinab, um sie verstehen zu können.
„John.", röchelte sie erschöpft. „Wo ist er?"
„Ich... ich weiß es nicht." Meine Augen füllten sich mit Tränen.
„John!", rief sie etwas lauter. Magdalena schluchzte jämmerlich. Ihr Körper zuckte.

„Er kommt bestimmt gleich", fantasierte ich, um sie zu beruhigen. „Du darfst dich nicht so sehr bewegen. Du verlierst so viel Blut."

Die sterbende Frau wurde wieder etwas ruhiger. Atmete langsamer.
Eine Weile saß ich einfach so da, mit Magdalenas Kopf zwischen den Beinen und streichelte ihr nasses Haar.

Ihre Atemzüge wurden seltener, dann jedoch heftiger.
„Magdalena!", rief ich verzweifelt. Ich war so machtlos. Musste ihren Todeskampf einfach so miterleben, ohne etwas tun zu können.
Ihr Körper bäumte sich ein wenig auf.

„Juna", flüsterte sie plötzlich. Unsere Blicke trafen sich. „Ja?", hauchte ich unter Tränen.
„Sag John, wenn du ihn siehst...", sie hustete leicht und röchelte mit letzter Kraft: „Sag ihm, dass ich ihn liebe."
Ihre Augen flehten mich an. „Versprich es mir."

Die letzten Worte konnte ich nur noch von ihren Lippen ablesen. Ihre Stimme hatte versagt und auch ihre Augen sahen mich nicht mehr an. Der starre Blick war auf den Himmel gerichtet.
Magdalena war fort.

„Ich verspreche es!", rief ich und schüttelte sie. „Magdalena! Ich mach es! Ich verspreche es dir!"

Von Schluchzern geschüttelt, brach ich auf dem leblosen Körper zusammen.
Sie hatte mein Versprechen nicht mehr gehört.

Gefangen im SchneeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt