Ich fror. Erbarmungslose Kälte war in jede Faser meines Körpers gekrochen, zum Zittern hatte ich keine Kraft mehr.
Meine eiskalten Finger kribbelten unangenehm. Die Zehen spürte ich schon gar nicht mehr. Ich atmete flach und langsam.
So war es also, das Sterben. Ganz ruhig. Ganz leise. Es gab keine Todesschreie. Kein Kampf ums Überleben. Ich konnte einfach friedlich einschlafen. Durfte mich fallen lassen, in die unendlichen schwarzen Tiefen.
Ich würde meine Eltern vermissen. Und meine Freunde. Sogar Nikolai, diese Nervensäge von einem Bruder. Wieso hatte ich meine Familie schon so lange nicht mehr besucht? Wann würden sie merken, dass etwas mit ihrer Tochter nicht stimmte? Würde Nikolai es verstehen?
Der Nachzügler der Familie Prinz war Mamas und Papas ganzer Stolz, vermutlich weil er ungewollt war und sie deswegen ein schlechtes Gewissen hatten. Außerdem konnte er sehr anstrengend sein, doch ich hatte meine Eltern noch nie darüber klagen gehört. Auch hier biss vermutlich das schlechte Gewissen zu.
Ich rief mir das Gesicht des Elfjährigen in Erinnerung.
Seine lockigen Haare hatten den gleichen Braunton wie meine. Auch wenn meine natürlich dank der Frisörin in den Spitzen heller wurden.
Wenn er lachte, bildeten sich kleine Grübchen in seinen Pausbacken und seine hellblauen Augen, die meinen so unähnlich waren, funkelten. Natürlich sah man ihm die Behinderung an. Er hatte eben dieses Gesicht, das Menschen mit Downsyndrom nunmal hatten. Doch für uns blieb er ein Schatz.
„Juni!", rief er mich immer. „Juni, komm und schau! Ich hab gemalt! Juni!"
Juni!
Juni!
Eine einzelne Träne, brennend heiß in diesem Sarg aus Schnee, bahnte sich ihren Weg über meine Wange. Sofort wurde sie wieder kalt.
Irgendetwas stach mir schmerzhaft in die Haut, ungefähr einen Zentimeter vom Auge entfernt.
Vorsichtig linste ich durch meine Augen.
Viel sah ich nicht, doch eines bemerkte ich: Das Brillenglas war zertrümmert, feine Linien zogen sich durch das komplette Glas, wie bei Jessys Handy. Und vermutlich bohrte sich so ein Splitter gerade seitlich in meine Haut hinein.
Reflexartig zog ich meine Hand durch den Schnee zum Kopf, um mein Auge zu schützen. Da erstarrte ich.
Man konnte sich unter einer Lawine doch gar nicht bewegen! Die Schneemassen waren viel zu schwer!
Außerdem, wie konnte ich erkennen, dass das Glas kaputt war? Eigentlich müsste die Umgebung doch rabenschwarz sein!
Doch das war sie nicht.
Ich riss die Augen auf.
Durch den Schnee fiel Licht. Nicht viel, es war alles eher hellgrau anstatt schwarz.
Aber das hieße ja, ich war nicht allzu weit unter der Schneedecke begraben!
Erst wollte ich um Hilfe schreien, doch ich bremste mich. Ich musste meine noch vorhandene Kraft für etwas anderes zusammenkratzen und sie nicht mit sinnlosem Geschrei vergeuden. Wer weiß, womöglich suchte mich noch gar niemand. So lange konnte die Lawine noch nicht über mich hergefallen sein, sonst wäre ich schon längst erfroren.
Los, Juna!
Mit aller Kraft, die ich aufbringen konnte, zog ich meinen rechten Fuß nach oben.
Du schaffst das!, feuerte ich mich in Gedanken weiter an.
Mit einem kurzen Stoß mit dem Bein versuchte ich, den Schnee nach oben hin aufzulockern.
Schon diese kleine Bewegung war zu viel für meinen geschwächten Körper.
Erschöpft ließ ich mich wieder sinken und gönnte meinen entkräfteten Muskeln eine kurze Pause.
Doch langsam wurde die Luft knapp.
Außerdem wurde ich müde und schlapp.
Nein! Weitermachen! Ich atmete hektischer. Wenn ich jetzt einschlief, würde ich gewiss nicht mehr aufwachen.
Noch einmal holte ich mit dem Fuß aus, gleichzeitig ruderte ich mit den Armen.
Ich drehte mich, wand mich hin und her, ohne den Schmerz nahe an meinem Auge zu beachten.
Nach dieser gefühlt endlosen Tortur wurde der Schnee allmählich lockerer und die Umgebung wurde heller. Endlich!
Mit wachsender Sauerstoffarmut und brennenden Muskeln befreite ich die letzte Schneedecke von meinem Gesicht.
Ich war frei.
Arktische Kälte schlug mir ins Gesicht und starker Wind verwuschelte meine Haare.
Noch nie habe ich etwas schöneres gefühlt.
Ich war frei und ich war am Leben.
Diesmal stiegen Glückstränen in meine Augen und ich schluchzte auf. Ein kleines Lachen kam aus meinem Mund und kurz darauf weinte ich bitterlich.
Ich weinte vor Glück, Freude, Erschöpfung und Verzweiflung.
Eine Ewigkeit später, vielleicht eine Stunde oder möglicherweise auch nur zehn Minuten, versiegte die letzte Träne.
Meine Nase lief, ich wischte mit meinem Handschuh darüber.
Der Himmel klarte allmählich auf und es schneite nun nicht mehr.
Ich begann meine Gedanken zu sortieren.
Dass ich bis auf mein Gesicht unverletzt war, hatte ich schon mitbekommen. Zwar schmerzten meine Beine und Arme, doch ich konnte sie bewegen. Also war nichts gebrochen.
Langsam zog ich einen Handschuh aus und betastete mein Gesicht. Ich nahm die Brille ab. Sie war verbogen und das Glas sah aus wie ein löchriges Spinnennetz. Vorsichtig befühlte ich die verletzte Stelle neben meinem Auge und zog tatsächlich einen kleinen Splitter heraus.
Eine Weile betrachtete ich das blutige Glas auf meiner nackten Hand.
Dann warf ich es zur Seite, der kleine rote Punkt bildete einen scharfen Kontrast zur weißen Schneedecke.
Die Brille bog ich so gut es ging in ihre eigentliche Position und setzte sie wieder auf. Trotz des gesprungenen Glases sah ich mit ihr mehr als komplett ohne Sehhilfe.
Ich führte die Bestandsaufnahme fort.
Meine Kleidung war auch noch heil, jedoch waren die anscheinend wasserdichten Gamaschen vollgesogen mit Wasser. Auch meine Jacke und die Skihose waren klatschnass.
Meine Lieblingsbommelmütze musste ich bei den vielen Stürzen wohl verloren haben, ebenso die Stirnlampe. Jedoch freute ich mich, dass die Schneeschuhe noch an meinen Füßen klebten. Mit ihnen ist das Vorankommen im tiefen Schnee doch um einiges leichter.
Dann erst erinnerte ich mich an meinen Rucksack.
Meine ganzen Vorräte! Das Essen, frische Klamotten! Die Kamera!
Panisch blickte ich mich suchend im Sitzen um.
Nein, kein Rucksack weit und breit.
Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ich hatte ihn ausgezogen, da ich mich hinter ihm vor der Lawine verstecken wollte.
Wie konnte ich nur annehmen, dass dieser 20 Kilo-Rucksack eine tonnenschwere Lawine davon abhalten würde, mich mitzureißen.
Ich schüttelte den Kopf über meine Dummheit, bereute es aber gleich wieder. Ein Stechen fuhr in meinen Hinterkopf und ließ mich aufstöhnen.
Meine Hand zuckte reflexartig zu meinem Kopf.
Mitten in der Bewegung stockte ich.
Wo waren eigentlich die anderen?
Ein fürchterlicher Gedanke macht sich in mir breit, doch ich versuchte ihn in meinem Innersten zu verbannen.
Das konnte nicht sein, nein, das durfte einfach nicht sein.
Mit neuer Energie strampelte ich den restlichen Schnee von meinen Beinen und stemmte mich hoch.
Wackelig und mit zitternden Knien stand ich da.
Die breite Schneise, die die Lawine durch die Landschaft gezogen hatte, erstreckte sich noch weit nach unten ins Tal. Kein Baum stand mehr in diesem Fluss aus Schnee. Ich war glücklicherweise sehr weit links am Rand der Lawine gewesen, weshalb ich überhaupt überlebt hatte. Nicht einmal fünf Meter von mir entfernt stand eine Tanne.
Ich ließ meinen Blick erneut schweifen und begann zu schlottern.
Ich war allein. Mutterseelenallein in diesem Meer aus Schnee und Eis.
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Gefangen im Schnee
Teen FictionTeil 1 - A B G E S C H L O S S E N „Hey!", rief Noel von hinten. Wir drehten uns zu ihm um. „Denkt ihr, dass.." Klatsch! Noels Mütze, Gesicht und Schultern waren komplett weiß. Eine riesige Ladung Schnee war von der Tanne über ihm gerutscht und auf...
