Kapitel 1

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Ich wache vom schrillen Klingeln meines Weckers auf - so wie eigentlich jeden Morgen. Ich stöhne und drehe mich auf die andere Seite. Montag. Wie ich ihn hasse. Nicht weil die Schule dann wieder beginnt. Ich hab nichts gegen Schule, wirklich, ich habe normalerweise Spaß am Lernen - so seltsam das auch klingen mag. Ich glaube, die meisten von euch können das jetzt nicht nachvollziehen, aber so ist es. Was mir schwer fällt, ist einzig und allein das frühe Aufstehen. Ich meine, was wäre so schlimm daran, den Unterrichtsbeginn nur ein oder zwei Stunden nach hinten zu verlegen?

Noch im Halbschlaf rolle ich mich grummelnd aus dem Bett und wanke zum Bad, wobei ich vermutlich aussehe wie ein übernächtigter Zombie, doch kurz bevor ich die Tür erreicht habe, schießt meine kleine Schwester Fil an mir vorbei ins Badezimmer und sperrt von innen zu. Mit der flachen Hand schlage ich gegen die letzte Barrikade zwischen mir und einer schönen warmen Dusche.

,,Fil'', schreie ich sauer. ,,Mach sofort diese verdammte Tür auf!!!''

,,Boah, reg dich ab, Léa. Ich bin ja gleich fertig.'', höre ich die bezaubernde Stimme meiner süßen dreizehnjährigen Schwester Filippa. Stöhnend lasse ich mich gegen die Wand sinken.

Unsere Eltern konnten sich bei der Wahl unserer Namen nicht richtig entscheiden, denn wir heißen jetzt dank ihrer großen Kreativität Filippa Myra und Léandra Melina. Mein Zwillingsbruder heißt Iliás Kostas. Alles griechische Namen. Bis Iliás und ich zehn waren, haben wir auch in Griechenland gelebt, dann sind wir nach London gezogen. Meine Eltern haben jetzt ein griechisches Restaurant, das echt gut läuft. Aber mit diesen Namen...

Nachdem Fil endlich ihr Hinterteil aus dem Bad bewegt hat und ich mich fertig gemacht habe, verlasse ich das Haus und laufe zur Bushaltestelle. Nach ein paar Minuten, die dank Evanescence und Avril Lavigne schnell vorbei sind, muss ich schon wieder aussteigen. In der Schule hole ich meine Sachen aus dem Spind und mache mich auf den Weg ins Klassenzimmer.

Als ich durch die Tür gehe, stolpere ich über ein ausgestrecktes Bein und lege mich einmal der Länge nach hin. Nachdem ich mich fluchend aufgerappelt habe, ziehe ich meine Klamotten zurecht, nehme die Bücher, die neben mir auf dem Boden gelandet sind und stehe auf. Vor mir steht Sam. Das war ja sowas von klar. Der Typ fühlt sich megacool und denkt, dass er mit Leuten wie ,,so einem Streber wie mir'' alles machen kann und dass ich mich dann gemobbt fühle und heimlich heule. Was ich übrigens nicht tue, ich finde nur, so jemand ist es nicht wert, dass ich mich über ihn aufrege oder ihn beleidige. Auf dieses Niveau lasse ich mich nicht sinken. Ich atme tief ein, um ihm nicht doch irgendetwas Herumliegendes an den Kopf zu werfen und gehe zu meinem Platz. Ich setze mich und hole meine Sachen raus. Sam ist mir gefolgt und baut sich vor meinem Tisch auf. Hinter ihm stehen seine Freunde Josh und Tyler und grinsen blöd. Echt komisch, dass Sam überhaupt Freunde hat.

,,Na, hast du auch wie immer schön brav für Mathe gelernt?''

Er hat immer noch nichts besseres zu tun, als mich zu nerven? Das wird langsam langweilig. Ich ignoriere ihn und schaue stattdessen nach, ob meine Füllerpatrone noch voll genug ist, denn das ist auf jeden Fall sinnvoller als dieses Gespräch. Außerdem schreiben wir gleich einen Test und ich bin gerne gut vorbereitet, damit hatte Sam ausnahmsweise mal recht. Als ich immer noch nicht antworte, wird es Sam zu langweilig. Er geht weg, seine Groupies folgen ihm. Ich verdrehe die Augen und lehne mich in meinem Stuhl zurück. Endlich.

Als es zum Schulschluss gongt, stehe ich auf und packe meine Sachen. Auf dem Weg zum Spind pralle ich plötzlich mit jemandem zusammen. Der Träger meiner Tasche rutscht von meiner Schulter und der Inhalt verteilt sich über den ganzen Boden. Na toll. Einmal pro Tag reicht wohl nicht. Ich gehe in die Hocke und fange an, alles einzusammeln. Welcher Vollidiot war das überhaupt? Oh. Sam. So ein Zufall aber auch. Zu meiner Überraschung kniet er sich aber neben mich und hilft mir. Moment...Sam hilft mir?

,,Ähm, ist alles okay bei dir?", frage ich und sehe ihn prüfend von der Seite an. Seine Gesichtsfarbe ist normal und er schwitzt auch nicht oder so. Komisch.

,,Ja, klar.'' Sam lässt sich nicht beirren und reicht mir meinen Taschenrechner.

Da stimmt doch etwas nicht. Sam hilft den Leuten nicht. Normalerweise ist er derjenige, der sie in unglückliche Situationen bringt.

,,Was willst du?'' Misstrauisch sehe ich Sam an.

,,Kann ich nicht auch einfach mal so nett sein?'', stellt er eine Gegenfrage.

Ich sehe ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.

,,Okay'', gibt Sam zu. ,,Äh... also du... Ähm ... du bist ja richtig gut in Mathe, oder?'', druckst er rum. ,,Ich hab die Arbeit heute ziemlich versaut und da wollte ich dich fragen, ob...'' Er bricht ab und sieht mich ziemlich hilflos an. Wahrscheinlich hofft er, dass ich verstehe, was er meint und den Satz für ihn beende. Tue ich aber nicht. Tja, dumm gelaufen. Er seufzt. ,,Also gut. Meine Eltern drohen schon damit, dass sie mich auf eine Privatschule schicken, wenn ich dieses Jahr nochmal durchfalle, und da dachte ich, vielleicht könntest du mir helfen? Ich weiß, dass du mich nicht leiden kannst - und glaub mir, das beruht auf Gegenseitigkeit -, aber ich würde das natürlich auch bezahlen und ich stände in deiner Schuld und das gefällt dir doch bestimmt auch, oder?"

Ich bin um ehrlich zu sein recht überrascht. Mich zu fragen, muss Sam ja ganz schön viel von seinem riesigen Ego gekostet haben. Das bedeutet, dass ihm diese Sache wirklich wichtig sein muss. Aber bitte, kann er haben, ich werde gerne zusehen, wie er sich lächerlich macht. Sam zusehen, wie er über Formeln und Gleichungen verzweifelt und dafür auch noch Geld bekommen? Es gibt definitif Schlimmeres. Und außerdem sieht Sam echt vezweifelt aus. Irgendwie ganz süß. Ich tue trotzdem so, als würde ich überlegen, um ihn noch etwas zappeln zu lassen.

,,Meinetwegen'', grinse ich schließlich.

,,Was, wirklich? Einfach so?'', fragt Sam erstaunt. ,,Ich muss dich überhaupt nicht noch mehr anbetteln? Du enttäuschst mich, Léandra. Ich hatte noch so viele gute Argumente in petto."

,,Nö'', antworte ich gelassen und freue mich über sein verblüfftes Gesicht. Erstaunlich, dass er kaum zwei plus drei rechnen kann, aber dafür solche Wörter wie ,in petto' ganz nebenbei verwendet. ,,Heute hab ich keine Zeit, aber wie wäre es mit morgen?''

,,Ja klar, ich kann jeden Tag'', antwortet Sam.

Ich sag es ja, keine Hobbies, der Typ.

,,Okay'', erwidere ich nur knapp und lasse ihn einfach stehen. Das fühlt sich verdammt gut an. Als ich um die nächste Ecke biege, sehe ich mich unauffällig über die Schulter um. Sam steht immer noch mitten im Gang herum und starrt mir mit offenem Mund hinterher. Ich fange an, diesen Tag zu mögen, ehrlich.

Look after you Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt