,,Ich bin wieder da!'', rufe ich ins Haus und werfe meine Tasche in eine Ecke des Flurs.
Keine Antwort. Naja, wahrscheinlich sind meine Eltern im Restaurant drüben und Fil hilft, sie ist heute dran. Iliás, Fil und ich wechseln uns immer ab: Fil arbeitet dienstags und freitags mit, ich mittwochs und sonntags und Iliás donnerstags und samstags, ganz gerecht. Da Fil erst zwölf ist, müssen wir ,,großen'' Sechzehnjährigen am Wochenende, wo am meisten los ist, helfen. Das kann oft nervig sein, wenn deine Freunde Parties schmeißen, und du kannst nicht mitmachen, weil du stattdessen durchs Restaurant rennen musst, um den Wünschen der Kunden möglichst schnell nachzukommen. Zum Glück gibt es meistens jemanden, der einspringen kann. Fil tut zwar nichts ohne Gegenleistung, aber seit ich sie neulich mit einem Jungen in der Stadt gesehen habe, besitze ich ein Druckmittel. Iliás - oder wahlweise meine Eltern - würden den Jungen einen Kopf kürzer machen, wenn sie es wüssten und das ist das Letzte, was Fil möchte.
Ich weiß, dass Iliás heute Nachmittagsunterricht hat, also gehe ich gleich durch die Verbindungstür in die Küche des Restaurants, wo ich mir ein Gyros-Pita mache und es mir relativ undamenhaft in den Mund stopfe (nicht alles auf einmal, versteht sich). Ich laufe in den vorderen Teil und sage meiner Mutter, dass ich mich mit Liam, Lilly, und Henry treffe. Ich kenne die drei, seit wir hergezogen sind. Wir wohnen alle in dieser Straße und haben uns gleich auf dem ersten Nachbarschaftsfest gut verstanden. Inzwischen sind wir eine richtige Clique, aber leider gehen wir nicht auf dieselbe Schule.
Fünf Minuten später klingele ich bei Lilly. Die Tür wird aufgerissen und ich sehe meine beste Freundin, die bei dem Versuch, ihre Schuhe im Laufen anzuziehen, das Gleichgewicht verloren hat.
,,Hi'', kichere ich und helfe ihr hoch.
,,Danke'', ächzt sie.
Als wir auch noch Henry und Liam eingesammelt haben, fahren wir mit unseren Fahrrädern los in Richtung Wald. Liam hat dort vor einigen Jahren durch Zufall einen kleinen See entdeckt, in dessen Mitte eine Insel ist. Mit der Hilfe von Lillys Vater, der auf seine rechte Hand geschworen hat, unser Geheimnis für sich zu behalten, haben wir vom Ufer aus eine lange Seilbahn gebaut, die genau auf der Insel endet. Ich weiß, diese geheime Insel ist inzwischen ein wenig kindisch, aber wir kommen hierher seit wir zehn sind und es ist einfach der tollste Platz der Welt, wenn man mal für sich sein möchte. Man kann die Seilbahn absperren, damit niemand außer uns auf die Insel kann, aber das wäre eigentlich nicht nötig, denn wir sind uns ziemlich sicher, dass keiner von der Existenz dieses Sees weiß. Als wir den riesigen Baum erreichen, an das Drahtseil beginnt, hole ich den Schlüssel heraus, um aufzusperren. Ich besitze als Einzige einen Schlüssel, deshalb muss ich immer gut darauf aufpassen.
Als erstes fährt Henry rüber. Es ist immer einer der Jungs, der als erstes die Insel erreicht, denn wenn es jemand von uns nicht ganz rüberschafft, muss er sich mit einem Seil rüberziehen, und ganz ehrlich, Lilly und ich haben beide nicht wirklich die Kraft, auch wenn uns das beiden wirklich peinlich ist. Wir haben schon überlegt, unsere Armmuskeln mit Hanteln zu trainieren, aber irgendwie war es uns die Sache dann doch nicht wert, Emanzipation hin oder her. Also muss uns einer der Jungs rüberholen, wenn wir hängen bleiben.
Dieses Mal geht alles gut und schließlich stehen wir alle vier am Strand der Insel. Heute ist ein wunderschöner Sommertag, deshalb haben wir unsere Badesachen schon daheim angezogen. Henry, Liam und Lilly gehen schon ins Wasser, aber ich lasse mich erstmal in den Sand fallen, während ich beobachte, wie Liam von Lilly untergetaucht wird. Als er auftaucht, stehen sich die beiden auf einmal ziemlich nah gegenüber und werden synchron rot. Süß. Ich meine, jedes blinde Huhn bemerkt, dass sie wie füreinander geschaffen sind. Lilly und Liam. Liam und Lilly. Diese beiden Menschen gehören einfach zusammen. Sie flirten immer wieder miteinander, aber so schüchtern, wie es nur geht. Und irgendwie schafft es keiner der beiden, den ersten Schritt zu machen, obwohl zumindest Lilly normalerweise eine recht große Klappe hat.
Langsam wird es auch mir zu heiß, also ziehe ich mein Top über den Kopf und laufe in Richtung Wasser. Plötzlich werde ich von hinten gepackt und über eine Schulter geworfen. ,,Henry'', kreische ich und schlage ihn auf den Rücken.
Doch es hilft nichts und kurz darauf lande ich kopfüber im Wasser.
,,Ich verstehe einfach nicht, wie jemand, der so viel isst wie du, so leicht sein kann.'', höre ich Henrys Stimme hinter mir.
,,Magie." Ich drehe mich um und grinse ihn an. Henry lacht und schüttelt sich das Wasser aus den Haaren.
,,Und weißt du auch, was wir jetzt machen?'', fragt er mit einem breiten Grinsen.
Ich sehe sofort, was er meint. Wir schleichen uns an Lilly und Liam und dann stürzen wir uns auf sie, tauchen sie unter und starten eine wundervoll erfrischende Wasserschlacht. Wie die Kleinkinder, ich weiß. Aber mit den dreien macht einfach alles Spaß.
DU LIEST GERADE
Look after you
RomanceGeschrieben: 2015 - Anfang 2016 Léa und Sam können sich nicht leiden. Léa hält Sam für einen arroganten Macho und er sie für eine besserwisserische Zicke. Als Sam plötzlich auf Léas Hilfe angewiesen ist, lernen sich die beiden näher kennen und fange...
