Leute?" Adams Stimme klang dünn aber deutlich durch die kalte Waldluft. „Ich glaube ich hab was!"
Ein paar Augenblicke später hatten sich alle vier um eine karge Felswand versammelt - in deren Mitte ein Höhleneingang frei lag. "Wieso Höhlen? Wieso müssen es immer Höhlen sein?", fragt Blue. Sie versuchte dabei ihre Stimme ironisch entnervt klingen zu lassen, aber es klappte nicht ganz. Ein leichtes, unsicheres Zittern in ihrem Ton war trotzdem zu hören. Sie wollte keine Schwäche zeigen. Vor allem nicht jetzt, nicht wenn so viel auf dem Spiel stand. Für einen Moment schloss sie die Augen und stellte sich Noahs Gesicht vor. Seine feinen Züge, die sie schon in- und auswendig kannte, trotz der kurzen Zeit. Seine Augen, so tief wie die See. Und seine Haut, die im Mondlicht schimmerte wie Porzellan. Für einige Sekunden konzentrierte sie sich nur auf dieses innere Bild, bevor sie die Augen wieder öffnete und tief Luft holte. "Bereit?"
Gansey ging voraus. Ihm folgte Blue, und hinter ihr liefen Adam und Ronan. Blue fragte sich, ob Ronan wohl Adams Hand genommen hatte und bei dem Gedanken daran zog sich ihre Brust ein wenig zusammen. Noah hatte ihre Hand so gehalten. Wie sehr sie sich gerade wünschte er würde es genau jetzt auch tun. Die Höhle war zwar kalt, aber trotzdem schon deutlich wärmer als die Schneelandschaft im Wald. Der steinerne Boden unter ihren Füßen war feucht und glatt, sodass sich Blue immer wieder an der rauen Felswand abstützen musste, um nicht auszurutschen. Der Tunnel wand sich enger und enger um sie herum, bis Adam und Ronan beide nur noch gebückt vorankamen. Ronan fluchte und hielt sich den Kopf, als er sich abermals an der tief hängenden Decke stieß.
Nach einer Weile, in der sie in Stille gelaufen waren, nur unterbrochen von Ronans regelmäßigen Flüchen und ihrem eigenen schweren Atem, der in kleinen Wolken vor Blue aufstieg, blieb Gansey abrupt vor ihr stehen. Sie versuchte einen Blick über seine Schulter zu erhaschen, um den Grund für den Halt ausfindig zu machen. „Gansey, was ist?" Als dieser nach einem Augenblick Schweigen endlich antwortete, klang seine Stimme rau und belegt: "Blue." Was, Gansey? Was siehst du?" Blau. Blue." "Was ist da vorne bei euch los?", fragte Adam neugierig. Blue schüttelte verwirrt den Kopf, sie verstand immer noch nicht. "Schau es dir selbst an.", forderte Gansey sie nun auf, trat einen Schritt zu Seite und versuchte ihr den Blick nach vorne freizugeben. Blue stellte sich auf die Zehnspitzen, reckte ihren Hals. Und dann sah sie es. Eine steinerne Tür. Sie wirkte im gedämmten Licht der Höhle vollkommen fehl am Platz und erst auf den zweiten Blick verstand sie wieso: Die steinerne Tür, die aussah als sei sie schon hunderte Jahre hier, geschlagen in den Fels des Bergs- war Blau. Und nicht irgendein blasses, natürliches Blau, nein sie war leuchtend azurblau, wie eine frisch gestrichene Wand.
"Blau. Blue", wiederholte Gansey und blickte sie erwartungsvoll an. Zur Antwort nickte sie langsam. Sie glaubte zu verstehen, wie er es meinte. Sie verstand nur den Grund nicht so ganz. Wieso fanden sie hier, in den Tiefen einer Höhle in Cabeswater, auf dem Weg zu einem schlafenden König, eine Tür, die ihnen praktisch Blues Namen entgegen schrie? Es ergab alles so wenig Sinn. Nun hatten auch Ronan und Adam einen Blick auf die Tür erhascht. "Wow", entfuhr es Adam und er wirkte fasziniert. Ronan hob nur eine Augenbraue, aber auch er sah überrascht aus. Gansey setzte erneut an: "Die Antwort ist klar. Das Problem ist nur, dass wir keine Frage gestellt haben." "Hast du versucht sie zu öffnen?" Das war so eine offensichtliche Frage, aber er schien zu einfach. Trotzdem stemmte Gansey einen Arm gegen den Stein. Nichts bewegte sich. "Lass es Blue versuchen", schlug Adam vor. Also drückte Gansey sich noch weiter an den Tunnelrand, sodass Blue an ihm vorbeiklettern konnte. Auch sie versuchte mit ihrer Schulter die Tür aufzudrücken. Der Stein blieb unbewegt. "Keine Chance", verkündete sie und ihre Stimme hallte dabei ein wenig durch den Gang. Es war zum Verzweifeln. Ein paar Sekunden schwiegen sie. Fühlten sich fehl am Platz. Blue schlug einige Male frustriert mit der Faust gegen die Tür, bevor sie ihre Stirn resigniert gegen sie kühle Oberfläche sinken lies. Nichts, nichts, nichts. Sie würden Noah nicht retten können. Ronan rief hinter ihr: "Aperito te!", aber es geschah immer noch nichts. "Bitte, bitte, öffne dich", flüsterte nun auch Blue gegen den Fels. Eine Träne rollte aus ihrem Augenwinkel auf den Stein und zerrann an der Wand. Plötzlich leuchtete etwas unter ihren Fingern auf.
Erschrocken wich Blue zurück. Auf der Tür liefen ihre eben vergossenen Tränen in alle Richtungen den Stein hinauf und hinunter und begannen in einem leichten Schimmer zu leuchten. Sie bildeten Kreise und Zeichen, Ströme trennten sich voneinander, ehe sie sich wieder in einer Spur vereinigten. Ihre Tränen leuchteten und schrieben Wörter. "Quid optas?", las sie mit zitternder Stimme vor. Ronan übersetzte sofort: "Was wünscht du?"
Sogleich schossen tausende Gedanken durch Blues Kopf. War es ein Test? Mussten sie hier bereits ihren Wunsch an Glendower äußern? Oder nur wieso sie durch die Tür wollten? Vielleicht konnten sie nur falsch antworten. Was wünscht du? Panik stieg in ihr auf. Wie sollten sie die richtige Antwort auf eine so komplexe Frage finden? Was würde passieren, wenn sie etwas falsches antworteten? Ihr Atem wurde schneller, sie fühlte wie die Angst des Versagens ihren Körper versteifen lassen. Sie durften das hier nicht vergeigen. Für Noah. Der Druck, vielleicht nur eine Chance zu haben schnürte ihr die Kehle zu. Dann legte eine schwere Hand sich auf ihre bebende Schulter. "Blue. Atmen." Ganseys Berührung brachte sie zurück in die Realität. "Was denkt ihr?", fragte er. "Ich glaube wir sollten Blue die Antwort überlassen", meinte Adam vorsichtig, "Ich meine- Die Farbe? Es scheint alles darauf hinzudeuten."
Das stimmte allerdings. Die Tür schien Blue direkt anzusprechen. Und vielleicht wollte sie tatsächlich auch nur ihren ganz persönlichen Wunsch erfragen. "Blue, was wünscht du dir?" Gaseys tiefer Blick lag auf ihr. "Hör in dein Inneres" Also schloss Blue die Augen. Konzentrierte sich auf ihren Atem, wie Maura es ihr einmal zum Meditieren beigebracht hatte. Sie konnte beinahe noch die Stimme ihrer Mutter in ihren Ohren hören, wie sie ihr erklärte, meditieren sei der nächste Zustand zur anderen Welt, in den ein nicht-Seher gelangen könne. Das hatte Blue immer gewollt. Ihr mehr. Es war schwer in einem Haus aufzuwachsen, in dem alle vor Magie überlaufen zu schienen. Und die einzige zu sein, die es nicht war, zumindest nicht aktiv. Ja, sie konnte Dinge verstärken, aber das war etwas, das sie weder steuern noch selbst nutzen konnte. Blue hatte immer Angst davor gehabt nichts weiter als ein Werkzeug zum Ziel zu sein. Sie wollte das Ziel selbst erreichen. Sie wollte mehr. Und Noah? Bei ihm war ihr Talent endlich etwas gewesen, für das sie dankbar war. Sie hatte der wichtigsten Person in ihrem Leben Halt geben können. Bei Noah war sie bereits mehr. Bei Noah war sie Blue und das war schon das meiste, was sie je erreichen musste.
Aber die Antwort war nicht Noah.
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fading - the raven cycle
FanfictionEine 'the raven cycle' fanfiction "Wenn Blue ihre wahre Liebe küsste, dann würde dieser Junge sterben." Aber was wenn Blues wahre Liebe nicht Gansey gewesen wäre? Noah Czerny war seit sieben Jahren tot. Zumindest fast. Er konnte gehen und sprechen...
