Kapitel 11

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„Er hat recht.", ließ ihr Kollege Sam sie wissen und Astoria sah von ihren Notizen auf.
„Was?"
„Dein EX-Freund. Er hat recht, was die Sache mit eurem Sohn betrifft.", sprach Samuel und musterte sie aufmerksam mit seinen blauen Augen und den wirren dunkelblondem Haar.
Astoria klappte der Mund auf. Sie hatte gehofft von ihm Verständnis zubekommen, doch offenbar hatte sie sich getäuscht.
„Wie kannst ausgerechnet du das sagen? Du bist nur mit einem Elternteil aufgewachsen. Müsstest du nicht gerade den Wunsch von Scorpius verstehen?"
Sam seufzte und beugte sich etwas über den Besprechungstisch.
„Schätzchen, ich verstehe das sogar sehr gut. Wirklich."
Tatsächlich? Es hörte sich für Astoria nämlich nicht so an.

„Ich wäre froh gewesen, wenn ich mit meiner Mutter aufgewachsen wäre. Wenn ich sie öfters sehen hätte dürfen. Ich verstehe, den Wunsch deines Sohnes, wirklich. Aber du bist die Erwachsene. Du musst vernünftig entscheiden und handeln. Und die Entscheidung, Scorpius nach Amerika zu holen ist nicht vernünftig." Astoria sah ihn beleidigt an und er lächelte schwach. „Sicher, er hat den Wunsch bei dir zu sein nach so langer Zeit. Aber er müsste in einer neuen Schule anfangen. Einer ganz anderen Umgebung. Und er würde nicht nur seinen Vater zurücklassen und seine restliche Familie, sondern vor allem seine anderen Freunde. Ich denke, er und du, unterschätzt das ganze gewaltig."
Sie gab es nicht gerne zu, aber Sams Argumentation hörte sich ... Richtig an.

„Du hast recht.", seufzte sie und setzte sich langsam an den Tisch.
„Natürlich habe ich recht, Liebes.", erklärte ihr Kollege und sammelte die Unterlagen des Meetings weiter ein.
Astoria fuhr sich durch die offenen Haare.
„Und was mache ich jetzt?"
Er setzte sich auf den Rand des Tisches.
„Steht nicht eher die Frage im Raum, was du möchtest?"
„Ich will nicht auf ihn verzichten, jetzt wo ich ihn wieder habe."
Er lächelte.
„Nun dann musst du anders planen. Entweder du beherzigst deinen Vorschlag selbst, den du deinem EX gegeben hast und nutzt die magischen Reisemöglichkeiten."
„Oder?", hakte sie ungeduldig nach und er zuckte mit den Schultern.
„Gehst zurück nach England."

England. Sie verband mit England nur noch eins. Den Ausschluss aus ihrer Familie. Diesen unsagbaren Hass und das Handeln ihrer Mutter.
„Nein.", erwiderte sie, als hätte man sie mit kaltem Wasser übergossen, als sie aufstand und zu der großen Fensterfront schritt.
„Tori, es ist so lange her ...", sprach Sam.
Sam, den sie im Studium kennengelernt hatte und der fast schon so was wie ein bester Freund für sie war.
„Du verstehst das nicht.", erwiderte sie ruhig und fixierte die Menschen auf dem Gehweg. Es waren alte Traditionen. „Einen Ausschluss aus der Familie ist für immer."
Alte Regeln.
„Einen Dreck auf deine Familie und ihren Ausschluss.", warf der Blonde ein und Astoria musste sich ein Grinsen verkneifen.

„Morgana und ihre heiligen Eulen. Du bist erwachsen Astoria und eine erfolgreiche Architektin. Ich meine, du könntest nach England ziehen und trotzdem noch hier arbeiten. Oder du redest mit unserer Chefin und lässt dich in unsere Zweigstelle nach London versetzen. Es gibt so viele Möglichkeiten."
Es hörte sich wirklich einfach an.
„Bei dir hört sich alles so simpel an."
„Es ist simpel, Tori. Du bist stark, klug und unabhängig. Mach was draus und lass dich nicht von deiner Vergangenheit einschränken."
Er hatte recht. Sie umrundete den Tisch und küsste ihn kurz auf die Wange.
„Ich danke dir."
„Wo willst du hin?", fragte er verwundert, als sie zur Tür ging.
„Ich werde für heute Schluss machen und mir ein wenig... Inspiration holen."
Er rollte mit den Augen.
„Die Kunstgalerie?"
„Die Kunstgalerie.", wiederholte sie.






Er musste mit ihr reden, und zwar dringend. Sie hatten das Thema, wie es weiterging, nicht mehr angesprochen wegen Scorpius. Sie hatten die Tage am Meer einfach nur genossen. Vor allem hatte sein Sohn Zeit mit seiner Mutter verbracht und Draco hatte den beiden diesen Freiraum gelassen. Doch mit jedem Tag rückte das Ende seines Aufenthalts näher. Draco war kein Schüler, der die ganzen Sommerferien hier verbringen konnte. Er hatte Verpflichtungen, die es zu erfüllen galt und denen er nachkommen musste. Und deshalb wollte er mit ihr reden. Dringend und am besten ohne Scorpius.

Erstens, weil er nicht vor seinem Sohn mit Astoria streiten wollte. Zweitens, weil sein Sohn definitiv die Sache nicht neutral sehen würde. Im Gegenteil, vermutlich würde er Draco vorwerfen, dass er den Kontakt unterbinden wollte. Was wirklich nicht Dracos Absicht war. Und drittens, weil sein Sohn sich offenbar viel mehr Hoffnung machte, als nur den Kontakt zu seiner Mutter halten zu können. Das war ihm heute Mittag klar geworden, als er mit Scorpius alleine beim Essen gewesen war. Er hatte Draco gefragt, ob er für Astoria noch etwas empfinde.

Draco war eindeutig auf diese Frage nicht gefasst gewesen und hatte einen Moment seinen Sohn nur angesehen. Er hatte rum gestottert als er antwortete, als wäre er ein verdammter Schuljunge. Seinen Sohn erklärt, dass natürlich noch Gefühle da waren. Was auch immer das bedeutete. Und daraufhin hatte Scorp nachgehakt, ob den Draco sich vorstellen könnte, dass daraus wieder mehr werden würde. Er hatte es abgetan. Sich damit herausgeredet, dass das ganze schon viel zulange, her war. Zum Teufel, wie kam Scorpius überhaupt auf so etwas?

War es vielleicht der einfache Wunsch eines Kindes, das sich einfach wünschte, dass die Eltern zusammen waren? Vermutlich. Wie kam Scorp ansonsten auf so eine irrsinnige Idee? Draco wusste es nicht und er hatte es nicht weiter aufgebauscht, indem er nachfragte. Er atmete schwer aus, während er die Galerie betrat. Dieser Arbeitskollege von Astoria hatte gesagt, dass sie vermutlich hier war. Nun, es war für ihn vermutlich leichter mit ihr an einem neutralen Ort zu sprechen, und zwar ohne ihren gemeinsamen Sohn. Der saß in Astorias Wohnung und wartete darauf, dass die beiden zurückkamen. Draco ging durch den hellen Vorraum und stellte fest, dass einige Menschen unterwegs waren und die Gemälde ansahen. Eine magische Galerie in einer Seitengasse mit Gemälden und Kunstwerken von Hexen und Zauberern aus aller Welt.

Nun, Astoria hatte schon immer das Malen geliebt. Kein Wunder, dass sie es hierher verschlug. Er fand sie in einem großen Raum, auf einer niedrigen Bank vor einem gigantischen Gemälde sitzen. Es war abstrakt und schien vor allem in pastellen blau, grün und Rosatönen gehalten zu sein. Eine seltsame Bewegung ließ das ganze wie ... auf Wasser schwebend wirken. Es war eigenartig beruhigend, auf eine verschrobene Art und Weise. Draco trat zögerlich näher. Sie trug ihre Haare wieder offen und dazu einen weißen Rock und eine dunkle Bluse. Es wirkte so schlicht und einfach und doch schön. Nein, Unsinn. Sie war einfach schön. Das war sie schon immer gewesen.

Er setzte sich neben sie und Astoria blickte irritiert auf.
„Draco.", brachte sie verwirrt hervor. „Was machst du denn hier?"
„Ich habe dich gesucht und in der Arbeit sagten sie, dass du womöglich hier bist.", erwiderte er gelassen und reichte ihr einen der Becher, die er dabei hatte. „Kaffee?"
Sie lächelte.
„Danke."
Sie wandten sich dem Bild zu, während sie beide an ihrem Kaffee nippten.
„Astoria.", sagte er nach einer Weile. „Wir müssen darüber reden. Über das, was du im Haus am Strand gesagt hast. Wegen Scorpius."
„Ich weiß.", unterbrach sie ihn und fixierte ihren Becher in den Händen. „Es war eine verrückte Idee. Du hattest recht."

Er hielt verdutzt inne. Er hatte sich auf eine stundenlange Diskussion eingestellt und jetzt gab sie ihm recht? Einfach so?
„Ich verstehe nicht...", brachte er aufgewühlt hervor.
„Ich habe das nur aus der Sicht gesehen, was Scorpius und ich wollen. Aber nicht was für ihn gut ist.", erklärte sie. „Es wäre unsinnig, ihn jetzt raus aus seiner Umgebung zu reißen. Aus seinem sozialen Netzwerk." Er nickte stumm. Ja, das wäre es. „Er sollte in Hogwarts seinen Abschluss machen und er hat dort seine Freunde."
Genau so war es.
„Wie willst du ihm das erklären?"

Sie lachte etwas auf.
„Ich habe noch keine Ahnung. Aber ich werde ihm einen Gegenvorschlag machen."
Draco zog seine Brauen nach oben.
„Und der wäre?"
„Entweder ich reise hin und her."
„Oder?"
Sie wandte den Kopf und sah ihn an. Sah ihn mit diesen unglaublichen offenen und schönen Augen an.
„Ich werde nach England zurückkehren."
Er verstand, was sie sagte, konnte es aber nicht richtig begreifen.
„Also für immer.", meinte sie und schien leicht rot zu werden, bevor sie wieder das Bild ansah, dass einen Großteil der Wand einnahm. „Ich habe mir das noch nicht ganz genau überlegt. Sam hat mir das vorgeschlagen. Ich könne in der Zweigstelle in London arbeiten. Oder ... keine Ahnung, baue mir selbst etwas auf. Ich habe das noch nicht wirklich durchdacht. Es war nur ... eine Idee."

Sie würde zurückkommen. Zurück nach England. Sein Herz klopfte aufgeregt. Zurück. Sie wäre wieder greifbar. In seiner Nähe.
„Wer ist Sam?", fragte er wie in Trance und er sah, wie sie grinste.
„Ein guter Freund."
„Der Freund mit dem du ein paar Mal ausgegangen bist?"
Sie kicherte.
„Nein. Nein Samuel ist wirklich nur ein guter Freund. Ich denke nicht, dass er auf mich steht. Er ... nun er steht auf anderes."
Was sollte das nun wieder bedeuten? Er wollte nicht fragen. Es beruhigte ihn schon zu wissen, dass der Kerl nicht mit Astoria ausgegangen war.

Er legte den Kopf schief und sah wieder das Bild an.
„Es ist ein schönes Gemälde."
„Ja ist es.", bestätigte sie. „Es ist mein Lieblingsbild."
„Warum kaufst du es nicht?"
Sie lachte leise.
„Meine Wohnung ist definitiv zu Klein dafür. Und im Strandhaus wüsste ich nicht, wo ich es hinhängen sollte."
„Mmh.", brummte er. „Was soll es darstellen?"
„Teich bei Sonnenaufgang." Er hatte doch den Verdacht gehabt, dass es ihn irgendwie an Wasser erinnerte. „Ich liebe es.", betonte sie erneut und er konnte sie verstehen, auch wenn er keinen Schimmer von Kunst hatte.



Als sie fast eine Stunde später aus der Galerie traten, regnete es leicht und irgendwo grollte es. Vermutlich ein Unwetter. Er beschwor einen Schirm herauf, bevor sie das Gebäude verließen und traten beide auf den belebten Gehweg.
„Wir sollten noch ein paar Lebensmittel einkaufen oder wir nehmen etwas zum Essen mit.", ließ Astoria ihn wissen und er nickte stumm.
Er hatte von so was keine Ahnung. Die Elfen kochten für Scorpius und ihn Zuhause. Er griff nach ihrem Arm, als sie angerempelt wurde und dabei fast stolperte.
„Passen Sie doch auf!", brüllte Draco dem Fremden Kerl nach und fügte „Arschloch.", hinzu, als dieser unbeeindruckt weiterging.

„So ein Idiot.", brummte Draco. Ihm war die Stadt zu voll. Zu voll und zu Laut.
Wie Astoria es hier im Zentrum aushielt, war für ihn ein Rätsel.
„Schon gut.", erwiderte sie und zupfte ihren Rock zu Recht.
„Ist alles in Ordnung?", fragte er trotzdem und sie lachte leicht.
„Ja, natürlich."
„Tori." Sie sah auf und hielt inne, ihre Kleidung zurichten.
Er liebte diese Augen. Hatte das schon immer getan.
„Was ist?", fragte Astoria leise. Er bemerkte nur am Rand, dass er seine Hand immer noch um ihren Arm geschlungen hatte, während die andere immer noch den Schirm hielt.

Sein Hals fühlte sich so trocken an, aber das war ihm scheißegal, als er sich zu ihr beugte und sie sanft küsste. Seine Lippen auf ihren süßen Mund legte. Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen. Den Lärm und die Hektik dieser Stadt anzuhalten, als sie den Kuss erwiderte. Und Draco fragte sich, als er sich von ihr löste und ihre Wange verräterisch erröteten, ob es nicht besser wäre auch zu klären, was zwischen ihnen war. Ob er noch hoffen konnte oder besser gesagt, durfte.

Gestohlenes GlückWo Geschichten leben. Entdecke jetzt