Kapitel 10

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Es hatte sich angefühlt wie früher. Viel zu vertraut. Viel zu ... bekannt und gut. Sie atmete schwer ein und aus, während sie auf das Wasser starrte und den nassen Sand unter ihren nackten Füßen spürte. War das nicht seltsam und bizarr? Seltsam, nach dieser langen Zeit? Sie unterdrückte es sich an die Lippen zufahren und das nur, weil sie in ihrer rechten Hand ihre Schuhe festhielt. Bizarr. Sie sollte ihn vermutlich hassen, nach allem was geschehen war. Aber das konnte sie schon damals kaum. Die ersten Wochen war sie wütend gewesen, aber vor allem von ihm enttäuscht. Aber sie hatte damals schon verstanden, dass Draco sich nicht gegen seinen Vater stellen konnte. Ob aus Unsicherheit oder Angst wusste sie bis heute nicht.

Was sie aber wusste, dass sie sich nicht auf ihn einlassen durfte. Nicht jetzt und nicht so. Es gab so vieles noch zu besprechen. So vieles zu klären. Alles schien noch in ferner Zukunft zu liegen und keiner von ihnen beiden richtig zu wissen, wie sich diese aktuelle Situation entwickeln würde. Sie schienen momentan im hier und jetzt zu leben. Jeden Tag aufs Neue. Und Astoria wusste, dass dies nicht für immer so weitergehen würde. Irgendwann mussten sie alles klären, vernünftig klären und dafür brauchte sie vor allem einen klaren Kopf. Es half ihr nichts, wenn sie ihm wieder verfiel und keine klaren Entscheidungen treffen konnte. Bei Merlin nochmal, sie war kein dummer Teenager mehr.

„Ich werde noch einen Eimer brauchen.", meinte Scorpius plötzlich und riss sie damit aus ihren Gedanken.
Sie lächelte ihn an. Sie waren nach dem Frühstück zu zweit aufgebrochen um Spazieren zugehen, ohne Draco. Sie hatten ihn nicht einmal aufgeweckt zum Frühstück, ihm nur eine Nachricht dagelassen.
„Wie viele Muscheln hast du den deiner Freundin versprochen?"
Sie sah, wie er rot wurde und schüttelte den Kopf.
„Sie ist nicht meine Freundin. Nur eine Freundin. Nun ja, eigentlich kenne ich sie nur wegen James und Albus." So fing oft etwas an. „Sie ist ja noch ein Kind und findet ebenso Mädchendinge toll."
Muscheln waren also Mädchendinge. Dafür, nahm er sich offenbar aber viel Zeit besonders schöne Muscheln zu suchen.

Er sah wieder auf das Meer.
„Ich mag es hier. Es erinnert mich an England."
Sie nickte.
„Ja, mich auch."
Sie fuhr oft hierher, wenn das Heimweh nach England zu stark wurde.
„Dad fährt mit mir immer ans Cottage, weißt du."
„Ja. Hat er erzählt." Scorp runzelte die Stirn und Astoria legte ihm besorgt einen Arm um.
„Alles in Ordnung?"
„Ja. Ich... Dad und du redet nicht so viel, oder? Ich meine ... über das wie es weitergeht."
Sie seufzte und fuhr sich durch die offenen Haare.
„Nein. Bis jetzt nicht. Ich denke, wir ... nähern uns erst langsam an." Er schien darüber nachzudenken und Astoria fügte rasch hinzu. „Wir müssen ja nichts überstürzen, oder?"

„Nein. Ich... ich habe nur nachgedacht."
Sie musterte ihn aufmerksam, während sie nebeneinander herging. Er sah Draco so ähnlich.
„Über was genau?"
„Ich meine... weißt du, ich will Dad nicht verletzten." Natürlich wollte er das nicht. Wieso sollte er auch? Draco war offensichtlich ein guter Vater. „Ich mag England."
„Es ist unsere Heimat.", warf Astoria ein. „Ich mag England immer noch, auch wenn ich hier wohne."
„Mmh. Ja.", erwiderte der Blonde. „Ich auch. Darf ich dich trotzdem was fragen?"
„Du weißt genau, dass du mich alles Fragen kannst, Scorp."
„Gibt es gute Schulen in Amerika?"
Sie runzelte die Stirn und dachte darüber nach.

„Nun ja, die meisten Zauberer und Hexen in Amerika gehen nach Ilvermorny."
„Aber es gibt doch auch eine Schule bei dir, oder? Ohne Internat? Ich habe davon gelesen.", unterbrach er sie.
„New York?", fragte sie und er nickte stumm. „Ähm ja, sicher. Es gibt natürlich Vorschulen, wie in England auch."
„Aber auch eine weiterführende Schule."
„Ja, schon. Aber sie haben ihr Hauptaugenmerk nicht nur auf der magischen Ausbildung. Besonders Wirtschaft und Politik wird dort auch vermehrt unterrichtet."
Warum wollte er das wissen?
„Und dürfen dort nur Amerikaner hingehen?"
„Ich denke, dass die Schule für alle da ist. Man muss sich eben anmelden.", antwortete sie Schulterzuckend.

Er blieb stehen und sie tat es ihm gleich.
„Was ist?"
„Wenn ich mich dort anmelden würde...", fing er unsicher an. „Dürfte ich dann bei dir bleiben?"
Sie blinzelte ihn einfach nur überrumpelt an.
„Du... du willst bei mir bleiben?", stotterte sie und er kratzte sich verlegen am Hinterkopf.
„Ich... ja. Ich meine, ich will nicht weg von Dad, aber... ich habe dich endlich gefunden und möchte mit dir Zeit verbringen und das wäre doch eine Idee, oder nicht?" Er wollte bei ihr bleiben. „Ich meine, nur wenn du willst und..."
Er keuchte auf, als sie ihn umarmte.

„Natürlich will ich das.", erwiderte sie und küsste ihn kurz, bevor sie sich von ihm löste und ihn ansah. „Ich würde mich freuen. Sehr sogar." Er wirkte erleichtert und grinste breit. „Aber würdest du nicht deine Freunde vermissen? Hogwarts?"
„Sicher.", gab er zu. „Aber ich kann sie doch besuchen und das hier ist für mich wichtiger. Ich will dich nicht wieder verlieren, Mum." Sie nickte kaum sichtbar, bevor sie ihn wieder fest umarmte. „Also geht das?", fragte er dumpf gegen sie.
Nun, sie musste wohl mit Draco darüber sprechen. Aber wenn es nach ihr ginge, dann sofort.






„Er hat was?", fragte Draco scharf und starrte Astoria an, die in aller Ruhe weiter kochte.
Nicht nur, dass sie den ganzen Tag mit Scorpius unterwegs gewesen war, nun eröffnete sie ihm hier auch noch, dass sein Sohn vorhatte auf eine amerikanische Schule zu gehen. Sie zischte ihn an. Als würde Scorp irgendetwas mitbekommen, wenn er mit seinen Freunden telefonierte im ersten Stock.
„Brülle hier nicht so rum.", sage sie leise und schnitt das Gemüse weiterhin klein. „Er hat doch nur gefragt, ob es möglich wäre hier zur Schule zu gehen."
Draco schnaubte.
„Ich hoffe, du hast ihm gesagt, was für ein Unsinn das wäre."

Ihre Blicke trafen sich, als sie aufsah.
„Warum sollte ich das sagen?"
Er lachte fast hysterisch auf.
„Weil Scorpius ganz sicher nicht hierbleibt."
Sie legte ihr Messer weg.
„Und wieso nicht?"
„Astoria..."
„Es gibt hier wirklich gute Schulen. Er könnte es doch probieren. Und im Grunde..."
„Er bleibt nicht hier, Astoria!", unterbrach er sie nachdrücklich.
Er verspürte Panik in sich aufsteigen. Das erste Mal seit einer halben Ewigkeit, hatte er das Gefühl, seinen Sohn zu verlieren und das durfte nicht passieren. Er würde es nicht ertragen.

„Wow.", sagte Astoria tonlos. „Jetzt hast du dich fast wie dein Vater angehört."
War das ein verdammter Witz? Er sprang auf und blieb vor der Küchenzeile stehen.
„Du kannst mir nicht einfach Scorpius wegnehmen."
Sie schüttelte den Kopf.
„Ich habe nicht vor, dir Scorpius wegzunehmen. Er hat danach gefragt und ich habe dir davon erzählt, um eine Lösung zu finden. Eine gute Lösung. Für Scorpius." Schwachsinn. Alles dummer Schwachsinn. „Wie hast du dir die Zukunft vorgestellt, Draco?", fragte sie direkt. „Dass Scorpius und ich uns wieder ignorieren. Oder uns ab und an in den Ferien sehen?"

„Er bleibt nicht hier.", presste er schwer hervor. „Weißt du, was los ist, wenn Lucius davon Wind bekommt?"
Sie sah ihn fassungslos an, bevor sie offenbar wieder die Fassung gewann.
„Mir ist scheißegal, was Lucius oder meine Mutter dazu sagen. Hier geht es um unseren Sohn."
„Ich werde ihn nicht hierlassen, Astoria.", stellte er klar. „Denkst du, ich verzichte auf meinen Sohn?"
Ihre Augen funkelten wütend.
„Ich musste all die Jahre auf meinen Sohn verzichten, weil du dich nicht an dein Versprechen gehalten hast und dich nicht gegen sie alle aufgelehnt hast. Du stellst Forderungen? Ausgerechnet du?!" Er senkte kurz den Blick. Ihre Stimme zitterte. Ich durfte ihn nur wenige Stunden bei mir haben, bevor ihn meine Mutter mir weggenommen hat."
Und er war schuld, das brauchte sie ihm nicht zu sagen, das wusste er.

„Ich werde nicht auf ihn verzichten, Draco. Nicht noch einmal. Ich will ihn sehen. Ich will Kontakt zu ihm und für ihn da sein."
„Der Vertrag..."
„Ich gebe einen Dreck auf den Vertrag, zwischen unseren Familien.", unterbrach sie ihn. „Darauf ist meine Unterschrift nicht zu finden."
„Und denkst du, das sehen unsere Familien auch so?", fragte er hitzig gegen. „Du weißt, was für eine Macht sie haben und..."
Sie schüttelte den Kopf und er brach ab.
„Nein. Sie haben keine Macht, Draco. Zumindest nicht über mich. Das hatten sie damals schon nicht und auch jetzt erst recht nicht. Es ist alleine deine Angst, die dich damals handeln ließ oder besser gesagt nicht handeln ließ."

Sie hob ihren Kopf höher und ihm wurde bewusst, dass sie Erwachsen waren. Einen fast erwachsenen Sohn hatten. Wo war die Zeit nur geblieben?
„Ich hatte damals Verständnis. Ich verstand, dass du Angst hattest. Unsicher warst. Aber verdammt du bist jetzt ein erwachsener Mann und ich werde nicht wieder klein beigeben und meinen Mund halten. Ich werde für die Rechte meines Sohnes kämpfen und für mein Recht."
„Weißt du, du redest dich leicht. Denkst du, das war die letzten Jahre ein Kinderspiel für mich? Denkst du nicht, dass ich glücklich gewesen wäre, wenn du in England geblieben wärst? Bei mir und Scorpius?"
„Draco, du hättest wählen können. Es war deine Entscheidung!", sagte sie entschieden.

„Denkst du ja?", erwiderte er aufgebracht. „Wie hätten wir das denn schaffen sollen? Wie denn?"
Sie rollte mit den Augen.
„Irgendwie wäre es schon gegangen."
Er wollte das gar nicht hören.
„Denkst du, du wärst heute eine erfolgreiche Architektin? Du würdest vermutlich immer noch irgendwo in einer kleinen Wohnung in der Winkelgasse sitzen."
„Glaubst du wirklich, Draco, dass meine Karriere wichtiger ist, als mein Sohn?" Natürlich nicht, das sagte er nicht. Er fühlte sich in die Ecke gedrängt. Angreifbar und verletzt. Er hasste das Gefühl. „Ich musste irgendetwas tun und mir irgendetwas suchen und ja, ich habe mich in die Arbeit gestürzt. Aber nur, weil ich keine andere Wahl hatte."

„Du hättest unterschreiben können.", warf er eiskalt ein und ihr entwich ein Keuchen.
Warum sagte er so etwas? War er verrückt?
„Das ist jetzt hoffentlich nicht dein Ernst." Er presste die Lippen fest zusammen und sie ging um den Küchenblock herum und blieb vor ihm stehen. Sah zu ihm auf. „Du weißt genau, warum ich nicht unterschrieben habe. Es hätte mich für ewig in diesen goldenen Käfig gefesselt."
„Ich hätte das nicht zugelassen.", antwortete er und sie lachte falsch auf.
„Ach ja? Und hättest mich schön verteidigt vor meiner Mutter und deinen Vater? So wie damals, ja?"

Darum ging es ihm nicht. Nicht wirklich. Er verstand ihre Beweggründe. Sie zuckte zusammen, als ihr Gesicht umfasste. Dieses hübsche Gesicht, das er liebte. Die Frau die er begehrte, für die er damals beinahe alles getan hätte.
„Wir hätten uns gehabt. Zusammen hätten wir das überstanden. Wir beide. Weißt du noch?", sprach er verzweifelt und sie murmelte seinen Namen, aber er ließ sie nicht los. „Weißt du noch?", wiederholte er sich. „Gemeinsam, schaffen wir alles. Immer."
Das war ihr gemeinsames Mantra gewesen. Solange sie sich gegenseitig hatten, würde alles halb so schlimm werden und sie konnten alles überstehen.

„Bitte Tori...", wisperte er und schien selbst nicht wirklich zu wissen, um was er eigentlich bat.
Vergebung? Erlösung? Eine zweite Chance? Er fixierte ihre Lippen und als würde sie es spüren, befreite sie sich vorsichtig von ihm.
„Es geht hierbei nicht um uns, Draco. Sondern um unseren Sohn und darum eine Lösung zu finden mit der wir beide einverstanden sind. Mit der wir beide Leben können und die die beste Alternative für Scorp ist."
Amerika war keine Option. Nicht nur, dass die Familie damit nicht einverstanden wäre, Draco würde seinen Sohn nicht regelmäßig sehen und diesen Gedanken sprach er aus.
„Ich habe keine Lust, Scorp für Monate nicht zu sehen, Astoria. Er ist mein Sohn."

„Er ist auch mein Sohn.", erwiderte sie. „Und was heißt für Monate? In Hogwarts siehst du ihn auch nur in den Ferien, oder nicht?"
„Du irrst dich. Ich besuche ihn sehr oft."
Scorp war alles, was er im Leben hatte. Sie schrieben sogar mehrmals in der Woche miteinander.
„Draco, es gibt Kamine und Portschlüssel. Ich meine, wozu sind wir magisch veranlagt?"
„Das ist nicht das gleiche und das weißt du."
Überhaupt nicht das Gleiche. Sie atmete schwer aus.
„Ich will mich mit dir nicht streiten."
„Das will ich auch nicht.", sagte er milder gestimmt.

Sie blickten sich schweigsam an und Astoria faste sich als erstes, als sie Scorpius reden hörte.
„Also, James hat gesagt, ob ich in New York nach einem Magazin sehen kann, dass es in England nicht gibt. Für Quidditch."
„Für James gibt es wohl nichts anderes, als Quiddtich.", meinte Draco Augenrollend und Astoria begann wieder Gemüse zu schneiden.
„In der Nähe meiner Arbeit gibt es einen Kiosk, da können wir schauen."
Scorpius grinste nickend und sah dann zwischen ihnen beiden hin und her.
„Ist alles in Ordnung?"

„Ja.", antworteten sie gleichzeitig und Draco sah überall hin, nur nicht zu Astoria, die leicht rosa wurde.
„Habt ihr gestritten?", fragte sein Sohn skeptisch und Astoria schüttelte stumm den Kopf und Draco winke mit der Hand ab.
„Schwachsinn. Wir haben nur ... geredet. Oder Astoria?"
„Ja, geredet. Wie erwachsene."
Sein Sohn sah weiterhin skeptisch zwischen ihnen hin und her, bevor er zu seiner Mutter ging und fragte, ob er helfen konnte. Draco seufzte innerlich. Sie würden vermutlich noch viel heftiger Streiten. Denn Amerika war für ihn keine Alternative.

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