8. Wir // Alexa

41 6 0
                                        

Alexa
20:24

Genervt folge ich Lucy die in drückender Stille vor mir her läuft. Das Licht ihres Handys ist nicht wirklich hilfreich, aber scheinbar fühlt sie sich damit sicherer. Mal wieder werde ich mir schmerzlich der Tatsache bewusst, dass ich ohne dieses Mädchen nicht leben kann. Höchstwahrscheinlich wäre ich ohne sie auch schon lange nicht mehr am Leben.

Jayson ist absolut unlustig, wenn er überhaupt noch hier ist. Es könnte genauso gut sein, dass er sich zu einem seiner Weiber verpinkelt hat oder er wie eine Ratte doch zur Schule gefahren ist.

Wir hatten immerhin eine Abmachung, keiner von uns lässt sich auf diesem dummen Abschlussball sehen. Wir sind schon immer eine Einheit gewesen und deshalb wollten wir auch alleine als Einheit feiern. Jayson war am meisten dagegen, weil wir laut seiner Meinung wichtig für den Abend der anderen Schüler gewesen wären.
Das wären wir auch.
Aber es ist mir absolut egal.
Die Schule ist ein abgeschlossenes Kapitel in unserem Leben, also müssen wir nicht mit den Losern dort herumhängen.

Ich verstehe echt nicht, wie Lucy irgendwas an ihm gut finden kann was außerhalb des Freundschaftsbereiches liegt. Als Freund ist Jayson mehr als nur gut, wenn es um etwas wichtiges geht kann ich immer auf ihn zählen und das ist viel wert.
Aber wir bekommen nicht nur gesagt wie Jayson sonst mit dem anderen Geschlecht umgeht, wir sehen es meist mit eigenen Augen. Irgendwann habe ich aufgehört zu zählen wie viele Weiber auf dem Schulklo wegen ihm geheult und mich und Lucy dafür verflucht haben.

Eigentlich ist es irgendwie erschreckend wie anders er sich verhält wenn es um uns geht.
Ich erinnere mich gut daran, wie er am Anfang einfach sofort auf uns zugenommen ist. Er ist mit seinen Eltern in dieses Kaff hier gezogen und seine erste Handlung als Schüler der Schule war es vor unseren Spinden zu warten um Reden zu können.
Bis dato gab es nur Lucy, Jasper und mich. Zum Glück haben sich Jayson und Jasper sofort verstanden und so ist Jay in blitzschnellem Tempo der fehlende Teil unseres Quartetts geworden.
Trotzdem hasse ich seine Einstellung dem weiblichen Geschlecht gegenüber. Was meiner Meinung nicht einmal eine verwefliche Einstellung ist.

Ich kenne jeden einzelnen Namen, der auf seiner Liste von gebrochenen Herzen steht und bevor ich zulasse, dass Lucy einer von ihnen wird, werde ich Jay eigenhändig kastrieren.  Es ist echt erstaunlich wie wenig ich von ihm in diesem Bezug halte, beinahe schon faszinierend. Kopfschüttelnd hole ich auch mein Handy heraus und schalte die Taschenlampe ein, wobei mein Blick etwas länger auf dem Icon der E-Mail App liegen bleibt.  Ich sehe zwar nur Lucys Rücken, aber ich bin mir sicher, dass in ihrem Gesicht eine Sorgenfalte liegt. 

"Hey Lucy," setze ich an. 
Sie wirft mir über ihre Schulter einen fragenden Blick zu und wendet sich dann wieder zu dem astigen Weg vor uns. 
"Ich wollte noch mit dir über was reden," meine Stimme ist erstaunlich leise. 
In meinem Kopf malen sich die Szenarien aus, die passieren wenn ich ihr hier und jetzt sage, dass ich heute in einer Woche verschwinde. 
Und das sogar irgendwie für immer. In ein anderes Land, beinahe schon ans andere Ende der Welt. 
"Ich höre," unterbricht sie meinen Gedankenlauf, als die Laterne langsam in unser Sichtfeld kommt. 
"Ich," meine Kehle schnürt sich zu während ich ihr auf den Rücken starre. 
"Ich will mir einen Hund kaufen," rudere ich schnell zurück. 
Lucy bleibt stehen und mustert mich verwirrt, bevor sie sich wieder zurück dreht. 
"Dafür müsstest du aufhören deinen Körper mit dem Scheiß hier voll zu dröhnen," erklärt sie und zieht dann eine mir allzu bekannte orange Packung aus ihrer Hose. 
Perplex greife ich danach und schaue mir den Inhalt an, aber tatsächlich, sie hat mir Schmerztabletten besorgt. Und sogar eine komplett volle Packung.

Vor zwei Jahren, als eine Auseinandersetzung mit meinem Vater zu weit gegangen ist und ich ins Krankenhaus musste in dem man es auf meine Tollpatschigkeit beim Treppen laufen schob, hatten die Ärzte mir den Kram verschrieben. Irgendwie lösen sie ein Gefühl der Stumpfheit in mir aus, so als wäre ich immun gegen körperliche sowie geistige Schmerzen. Wenn ich genug davon nehme, fühle ich nichts mehr, so kommt es mir immer vor. Lucy hat ziemlich früh mitbekommen, dass ich eine neue Art und Weise gefunden habe, mich selber zu betäuben.
Vor den Tabletten hab ich es damit getan meiner unbändigen Wut freien lauf zu lassen. Als sie das erste Mal die leeren Packungen bei mir gefunden hat war sie sauer. Es war mehr nur die Wut darüber, dass ich nicht mit ihr gesprochen hatte als die Wut darüber, dass ich den Scheiß generell nehme. Aber die Teile sind so ein fester Bestandteil meines Lebens geworden, dass ich glaube ohne sie nicht lebensfähig zu sein.
Zwischendurch wenn sie die Möglichkeit hat, besorgt sie mir von ihrer Mutter welche, ansonsten kaufe ich sie beim Sohn des Apothekers Benedikt.
Ein großer schlanker Kerl mit hochgezogener Stupsnase, der nie danach gefragt hat wofür ich die Tabletten hole. Er tut es irgendwie auch nur weil mein Cousin sein bester Freund ist und Timo mich mehr wie seine kleine Schwester sieht.
Jasper hat erst ziemlich spät von meinem kleinen Geheimnis erfahren und mir eine Moralpredigt gehalten. Also hab ich versprochen sie nie wieder zu nehmen. Lucy und Jayson wissen das ist quatsch, wahrscheinlich weiß Jasper das auch, aber er hält sich an der Hoffnung fest, dass ich es nicht mehr tue. Lucy möchte lediglich, dass ich weniger nehme und Jayson ist es komplett egal.

"Danke," flüstere ich und will quasi direkt eine nehmen, lasse es aber weil sie mich ansieht.

"Ich verstehe dich wirklich nicht. Ist dein Vater es wert, dass du dir selber damit schadest?"

Sie will mich nicht damit angreifen, sie fragt weil es sie interessiert. Tatsächlich hat sie das schon so oft gefragt, dass ich selber angefangen habe nach einer Antwort zu suchen, aber ich finde sie nicht.

Ich finde lediglich die pure innere Ruhe wenn ich genug von diesen Tabletten nehme, selbst wenn mein Vater Zuhause ist.

What happend tonightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt