Lucy
01:05
Travis widert mich an. Die Panik und die Angst vor ihm hat sich in unendlichen Ekel verwandelt. Wie er dort auf seinem Stuhl sitzt und darüber glücklich ist uns voreinander bloß zu stellen. Meine Augen brennen weil mir die Tränen ausgegangen sind. Ich kann nicht anders als mir vorzustellen wo Travis überall dabei war, ohne unser Wissen.
Jasper sieht fertig aus, wir sehen alle fertig aus. Zumal sein krankes Spiel uns untereinander einfach nur fertig macht bringt es uns auch an unsere körperlichen Grenzen. Den Anderen fehlt die Farbe im Gesicht und ich sehe mit Sicherheit nicht besser aus. Der Geruch von Blut und Alkohol vermischt sich mit dem Gestank von Alexas Magensäure. Vor ein paar Stunden dachte ich noch, das wird der legendärste Abend unseres Lebens. Jetzt ist er der schrecklichste.
Travis zieht wieder sein Handy und fixiert dann Alexa, die bis jetzt am meisten von uns durchmachen musste. Der Schnitt auf ihrem Bein sieht schmerzhaft aus, doch sie hat wieder ihren festen Blick aufgesetzt.
"Kleine Zwischenfrage an dich Alexa, willst du den Anderen sagen was du schon die ganze Zeit immer wieder versuchst?"
Irgendwas in ihrem Blick flackert auf, aber sie unterdrückt es.
"Eigentlich nicht," sagt sie.
Ich bin verwirrt. Wenn Alexa irgendetwas zu verheimlichen hätte, dann nicht vor mir.
Ich starre sie ungläubig an, weil Travis etwas handfestes gegen sie in der Hand haben muss so wie bei uns anderen. Als der Druck in meiner Brust fester wird, wird mir klar, dass Alexa sich auch gerade so fühlt. Wir haben uns alle gegenseitig hintergangen obwohl wir immer so die Wahrheit gepredigt haben.
Als ich die Klinge an meinem Schlüsselbein wahrnehme erstarre ich.
Nicht einmal mehr weinen ist mir möglich, also sehe ich einfach Alexa weiter an, die an mir vorbei zu Travis schaut.
"Jetzt stell ich dir eine Frage Travis," sie zischt auf, weil sie ihr sowieso schon wundes Handgelenk gegen die Kabelbinder gedrückt hat.
"Mia ist tot, was willst du zur Hölle nochmal also von uns?!"
Sie klingt bestimmend, wenn auch ein wenig verzweifelt.
Travis lässt die Klinge sinken und lacht dann spöttisch.
"Ich werde euch so demütigen, wie ihr es mit ihr getan habt und es dann online stellen. " Krankhaft fährt er mit dem Messer leicht seine Wangenknochen nach, hinterlässt ein paar Krümmel von Jaspers getrocknetem Blut auf seiner Haut. Erst jetzt sehe ich die zwei Kameras, die er aufgestellt hat um unseren Stuhlkreis zu filmen. Ein eiskalter Schauer fährt durch meine Fingerspitzen, jeder wird wissen was unsere Geheimnisse sind.
"Mia hat immer gesagt ihr seid eine Einheit, unzerbrechlich und stark. Aber seht euch an, ihr seid der ekelhafteste Haufen Heuchler die sich jemals Freunde genannt haben."
Alexa unterbricht ihn mit einem Nicken.
"Ich gehe nach Harvard und komme nicht mehr zurück," ihre Stimme ist eisig.
Wie bei einem Schlag ins Gesicht zucke ich mit meinem Kopf zurück.
Alexa lässt mich alleine.
Wir haben viel über unsere Zukunft nach dem Abschluss gesprochen, vor allem weil eine Uni für uns nicht in Frage gekommen ist. Ich weiß, dass sie unbedingt gehen wollte aber ihr der Schritt nur mit einem Stipendium möglich gewesen wäre. Also haben wir uns dagegen entschieden überhaupt Bewerbungen zu verschicken, zumindest dachte ich das. Harvard ist nicht mal eben um die Ecke. Jasper steht der Mund offen. In meinem Kopf schlägt alles Salto, sie lässt mich einfach hier zurück obwohl sie immer gesagt hat wir bleiben unser Leben lang zu zweit. Die Erkenntnis, dass ich Alexa irgendwie zum Leben brauche trifft mich wie in Komet. Sie wird nie wieder zurück kommen und das hat sie uns mit Absicht nicht gesagt.
"Wieso," ich atme zittrig ein.
"Wieso hast du nichts davon erzählt?"
Ich sehe wie sie ihre Kiefermuskeln anstrengt, aber sie dreht sich nicht zu mir, sie starrt stur gerade aus an Jasper vorbei. Travis trifft unsere wunden Punkte, gezielt sticht er genau dort zu wo es uns am meisten weh tut.
"Weil sie nichts hier hält, so hat sie es zumindest in ihre E-Mail an Harvard geschrieben," antwortet Travis.
Weil unsere Freundschaft sie nicht hier hält, ergänze ich selber.
Mit einem fiesen Grinsen hält Travis mir ein weiteres Bild unter die Nase was mich entsetzt den Kopf schütteln lässt. Das darf er nicht auffliegen lassen und online stellen.
Ich sehe mich selber mit nacktem Oberkörper an einen Mann gepresst der in einem Klassenzimmer auf dem Pult sitzt. Die Perspektive ist ungenau, man erkennt nicht mit wem ich gerade schlafe, aber ich weiß es ganz genau. Bevor Jayson vor anderthalb Jahren nach dem Sommer plötzlich so Interessant für mich war, war es jemand anders dem ich meine Aufmerksamkeit geschenkt habe.
Als Travis das Bild auf den Boden legt zuckt vor Wut Alexas Auge.
"Wag es dich ja nicht!"
Ihre Stimme brennt förmlich.
"Zieh niemand anderen mit da rein!"
Alexa weiß genau wer es ist, und was passiert wenn die Öffentlichkeit weiß mit wem ich dort Sex habe. Sie hat mir allem was in ihrer Macht steht verhindert, dass irgendwer jemals davon erfährt und jetzt hat Travis ein Bild davon.
"Ihr habt Sex in der Schule?"
Jasper zieht ungläubig eine Augenbraue in die Luft und beinahe denke ich Jayson antwortet nicht weil er sauer auf ihn ist, dann jedoch schüttelt er den Kopf.
"Das bin ich nicht."
Alexa wütet neben mir mit Beleidigungen, Travis tut es jedoch nur als Kollateralschaden ab.
"Jetzt halt den Mund!" Platzt es dann aus mir heraus und ich sehe Alexa wütend an.
Sie hat kein Recht dazu so zu tun als wäre sie meine Mutter und eine vorzeige Freundin, wenn sie sich einfach so verpisst.
"Du musst nicht auf mich aufpassen, kümmer dich besser um die Uni," fauche ich.
Tatsächlich befindet sich in meinem Bauch so viel angestaute Wut, dass ich nicht anders kann als auch endlich etwas zu sagen.
"Guck nicht so als wäre es ein Verbrechen, dass ich mit jemand anderem geschlafen habe," spotte ich in Richtung Jay.
"Du bist widerlich. Du fickst die Schwester deines besten Freundes während du mit Alexa zusammen bist," werfe ich Jasper an den Kopf.
Alexa nickt, dann stimmt sie auch mit ein, "du bist die, die sich trotzdem auf die männliche Schlampe einlässt!"
Bevor irgendwer reagieren kann fangen wir laut an durcheinander uns gegenseitig fiese Sachen an den Kopf zu werfen.
"Jayson wollte dich eh nur vögeln." "Dein Vater schlägt dich weil du dich ständig wie ein Arschloch benimmst." "Du hast wahrscheinlich eine neue Geschlechtskrankheit auf dir entwickelt." "Ich hasse euch alle!" "Ich bin froh deine Visage nie wieder sehen zu müssen!" "Hoffentlich kommst du nie mehr zurück!" "Mehr als ihren Körper wollte ich eh nicht!"
Travis stoppt uns indem er in die Hände klatscht, begeistert sieht er uns abwechselnd an.
"So langsam kommen wir der Sache doch näher," flötet er fröhlich.
Plötzlich wird uns bewusst, dass es das ist was Travis möchte. Er will uns auseinander bringen uns brechen und er ist auf dem besten Weg dahin.
"Also Lucy, wer ist mit dir auf diesem netten Bild?"
Ich schüttle den Kopf, das werde ich ihm nicht sagen. Seine Faust landet in Jaysons Gesicht der überrascht aufatmet. Blut fließt seine Lippe hinab und tropft auf sein Kinn. Auffordernd sieht mich Travis wieder an, doch ich sehe weg, das kann ich ihm einfach nicht sagen. Nicht wenn er es filmt und jemand dieses Video sieht. Genervt nimmt Travis sich sein Messer wieder zur Hand und schenkt mir noch einen Blick. Jayson sieht schockiert zwischen mir und dem Messer hin und her.
Ich kämpfe mit mir, wenn ich das sage, ist seine gesamte Karriere vorbei. Meine Gedanken überschlagen sich und bevor ich meine Entscheidung treffen kann hat Travis Jayden einmal durch sein Shirt geschnitten und eine dünne rote Spur hinterlassen. Es ist nur ein Kratzer trotzdem verzieht Jay vor Schmerzen das Gesicht. Ich würde gerne heulen, aber ich kann nicht und ich hänge in einer Zwickmühle fest. Weder will ich dafür verantwortlich sein, dass Jayson Schmerzen erleidet noch für das Ende einer Karriere. Als Travis ein Stück des Kratzers tiefer nachzieht fällt meine Entscheidung.
"Es ist Noah!"
Ich muss den Kloß in meinem Hals herunter Schlucken um weiter sprechen zu können.
"Noah Blakely."
Innerlich bete ich dafür, dass sollte er deshalb gefeuert werden er versteht, warum ich es sagen musste. Alexa lässt ihren Kopf hängen, sie hat alles dafür getan damit Noah unser Lehrer bleiben konnte. Jayson geht ein Licht auf als den Namen hört. Dann lacht er rau auf.
"Wer auch sonst."
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What happend tonight
Mistério / Suspense"Hey Lucy, hör dir den Mist an. Jasper meint die Schulflure würden uns jetzt nicht mehr gehören," ruft sie hinter sich. Dann bleibt sie urplötzlich stehen, so dass ich beinahe in sie gelaufen wäre. Verschmitzt funkelt sie mich an. "Egal wo wir hin g...
