06:49
Lucy
Die Digitaluhr der Farells in deren Fenster ich ein Stein geworfen habe springt auf 50. Ich bin seit elf Minuten hier und lasse den grauhaarigen Mann mit seinem Gewehr vor mir aufpassen, dass ich nicht noch mehr zerstöre.
Sie wollten mir nicht zuhören und die Polizei nicht rufen, da musste ich sie kurzerhand dazu bringen. Nachdem ich ihre Scheibe eingeschlagen habe und wie eine gestörte ihr Telefon gesucht habe, hat Herr Farell mir gedroht mich zu erschießen, dann haben sie die Polizei gerufen. Nicht weil ich blutüberströmt am frühen morgen bei ihnen geklingelt habe, sondern weil ich ihr Eigentum beschädigt habe. Während ich die Uhr anstarre fühle ich nichts, ich fühle mich leer. Vor vier Minuten bin ich Hauptkommissar Henderson in die Arme gefallen und habe mit brüchiger Stimme Dinge vor mich her gestammelt. Ihm haben meine Wortfetzen gereicht um einen Haufen an Krankenwägen und Polizisten hier her zu ordern. Seitdem ertrinkt die Straße draußen in einem Meer aus Blaulicht und Sirenen. Der fünfte Krankenwagen einer Kolonne bleibt bei uns stehen und irgendwie sitze ich dann auf der Stufe zum Innenraum und lasse mir mit einer Taschenlampe in die Augen leuchten.
"Sie haben zwei Leichen gefunden," Henderson sieht die Sanitäterin mitfühlend an.
Scheinbar denkt er ich würde ihn nicht hören, aber auch wenn ich in meiner Blase festhänge spüre ich den Schmerz den diese Worte auslösen.
Sie flüstern miteinander.
"Du kannst sie nicht mitnehmen, sie ist stark traumatisiert!"
Die Zwei diskutieren über mich, so als würde ich nicht einen Meter entfernt von ihnen sitzen.
Dann setzt sich der Polizist zu mir, ich bewege mich nicht, starre einfach weiter vor mir her.
"Lucy, es ist doch in Ordnung wenn ich dich so nenne oder ?"
Ich nicke schwach, meine Stimme habe ich irgendwo bei meinen Freunden verloren.
"Also Lucy, ich weiß es ist viel verlangt, aber würdest du mit uns zurück fahren und den Abend rekonstruieren?"
Panik steigt meine Wirbelsäule hinauf und ich will mit keiner Faser meines Körpers zurück dort hin, aber dann wird mir bewusst, dass ich es ihnen schulde. Wenn ich nichts sage, kommt Travis damit durch und ich werde das nicht zulassen. Das kribbeln in meinem Körper lässt nicht nach, auch nicht als ich hinten im Polizeiwagen die Straße zurück fahre und wir auf den Hof voller Menschen biegen. Das Haus wird in ein stetiges Blau getaucht, während ein Meer aus Zahlen die Blutspritzer am Boden kennzeichnet und Absperrband ein paar Reporter zurück hält.
Die Stelle an der Alexa gelegen hat ist leer, nur der rote Kies erinnert mich an das letzte Mal als ich ihr Gesicht gesehen habe. Es schiebt sich in meine Gedanken und ich muss mir an die Brust fassen. Schmerzverzerrt keuche ich auf und will mir am liebsten das Herz herausreißen, so weh tut es. Die beiden Polizisten sagen nichts, als ich sie durch die Gebüsche bis hin zum Geräteschuppen bringe. Meine Beine tragen mich keinen Millimeter zu weit über die Schwelle der Schiebetür. Die Stühle stehen wirr herum, auf dem Boden die Fotos die uns zerstört haben. Travis hat sich nicht einmal die Mühe gemacht zu verstecken, was er angestellt hat.
Kommissar Henderson bleibt bei mir, er weicht nicht von meiner Seite während ich ihm erkläre was hier passiert ist. Als wir schließlich irgendwann wieder auf dem Hof stehen und die Sonne schon weit oben am Horizont steht, beende ich meine Erzählung. So als hätte ich aus einem Buch vorgelesen und ich wäre nicht vor ein paar Stunden noch dabei gewesen wie jeder meiner Freunde gestorben ist. Es ist als würde ich selber in mir drin festsitzen und die Ereignisse wie in einem Kino sehen. Der Fleck den Jaspers Blut auf dem Holz an der Treppe hinterlassen hat, die Laichen von Blut in denen Bene und Timo gelegen haben müssen, alles sieht für mich aus wie aus einem Film. Dabei weiß ich irgendwo in mir drin, es ist keiner, das hier ist die Realität.
Der Polizist begleitet mich bis ins Krankenhaus und bleibt anwesend während den Untersuchungen, ich meine ihn darum gebeten zu haben. Erst als ich fertig mit den Untersuchungen bin und man mich für eine Nacht an einen Monitor angeschlossen hier behalten will, platzt meine Blase aus der ich nicht vor hatte so schnell zu flüchten.
Ich reiße unabsichtlich meine Nadel aus dem Arm, ignoriere das Blut welches warm über meine gerade saubere Haut läuft und stürme auf die zwei Schwestern zu, die gerade jeweils ein Bett vor sich her schieben.
Sie sehen aus wie Engel, mit den geschundenen Gesichtern und den geschlossenen Augen, wie sie einfach nur dort liegen. Ich greife nach Alexas Hand, sie ist warm und auch als ich Jay berühre spüre ich seine altbekannte Wärme. Es ist egal, dass ich mein Blut auf den weißen Laken von Alexa verteile während ich in der Mitte ihrer Betten auf die Knie sinke und nicht glaube, dass sie es geschafft haben ihre Leben zu retten, wo nur noch so wenig von ihnen übrig war. Eine Erleichterung zieht durch meinen Körper, die ich erst gar nicht begreife. Als sie sich jedoch in meine Knochen legt werde ich müde, die Funken die in mir brennen, weil ich dachte ich wäre alleine werden durch Jay und Alexas Anblick gelöscht und zurück bleibt der matschige Haufen Asche, den Travis aus mir gemacht hat. Ich schaffe es nicht mich wieder aufzurappeln, meine Beine versagen und ohne wirklich darüber nachzudenken lasse ich mich auf den kalten Krankenhausboden, mitten im Gang, zwischen Alexa und Jayson nieder. Ich spüre die kalten Fließen an meinem Gesicht und dann schließe ich einfach die Augen.
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What happend tonight
Misteri / Thriller"Hey Lucy, hör dir den Mist an. Jasper meint die Schulflure würden uns jetzt nicht mehr gehören," ruft sie hinter sich. Dann bleibt sie urplötzlich stehen, so dass ich beinahe in sie gelaufen wäre. Verschmitzt funkelt sie mich an. "Egal wo wir hin g...
