02:11
Alexa
Ich bekomme den Geschmack des ekelhaften Klebebandes nicht aus meinem Mund. Es ist widerlich aber geleichzeitig bin ich stolz darauf, es geschafft zu haben. Die Tatsache, dass keiner mein Rufen gehört hat, macht mich müde. Generell bin ich einfach nur fertig. Wahrscheinlich liegt es daran, dass mein Blutverlust mich träge macht und ich sowieso schon seit sechs in der Früh auf den Beinen bin. Ich hoffe Travis ist bald fertig.
Besagter schiebt das große Tor der Hütte auf und präsentiert uns tiefschwarze Dunkelheit. Draußen ist es beängstigend dunkel und eine kälte zieht mit in den Raum, die Gänsehaut auf meinem Körper hinterlässt.
Ich hoffe Timo merkt einfach, dass etwas gehörig faul ist und kommt wieder zurück.
"Ich mag es nicht unterbrochen zu werden," teilt Travis mit, als er hinter sich das Tor wieder schließt.
Ein Kitzeln in meiner Kehle macht sich bemerkbar, ich fange an zu husten. Mein Hals ist trocken und es tut bei jedem Husten mehr weh. Die kurzen Haaren nerven mich, es juckt an meinen Ohren wo die Spitzen enden und ich habe nur wieder das Bedürfnis Travis mit seiner Schere andere Gliedmaßen abzutrennen. Ich bin eigentlich am meisten verwirrt darüber, dass er sein Leben wegwirft nur um uns ein bisschen zu quälen. Meine Handgelenke brennen zwar wie Feuer und das weiß des Kabelbinders ist kaum noch zu erkennen, aber ich drücke trotzdem weiter mit ihnen gegen. Ich weiß, dass sie sich irgendwann anfangen zu dehnen, das hab ich gelernt, als mein Vater mich in unserer Garage festgemacht hat.
Meine Freunde sehen erschöpft aus und auch wenn ich am liebsten den Kopf hängen lassen würde, kann ich es nicht, einer von uns muss stark sein.
"Alexa, warum bist du da festgenommen worden?"
Ich sehe mir das Bild an. Wie der Polizist mich mit Handschellen auf dem Rücken in sein Auto verfrachtet.
Ich bin auf einer Party gewesen bei der nicht alles ganz legal gewesen ist und irgendein Spießer hatte die Polizei gerufen weil er nicht eingeladen worden war. Zum Teil bin ich froh gewesen, alleine gewesen zu sein weil ich ursprünglich Lucy mitnehmen wollte, ihre Mutter ihr aber mal wieder Hausarrest aufgebrummt hatte.
Ich zucke mit den Achseln.
"Falsche Zeit, falscher Ort."
Travis lacht.
"Falsch."
Mein Blick fliegt über meine Freunde und bleibt an Jay hängen, der betont auffällig nicht in meine Richtung sieht. Ich weiß, dass er grundsätzlich etwas dagegen hat wenn ich Lucy auf solche Partys mitschleppe, aber es ist noch nie etwas passiert. Als mir klar wird, was Travis damit andeuten will fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Ich muss mich beherrschen mich an meine Worte von vorhin zu halten und hole tief Luft bevor ich ruhig weiter spreche.
"Jay, sag mir bitte du hast die Polizei nicht gerufen," meine Tonlage zittert.
Er wusste was er mir damit antut, wenn er die Polizei ruft und mein Vater mich von der Wache abholen muss.
"Ich wollte, dass du daraus lernst und nicht mehr hin gehst," in seinem Blick liegt Reue.
"Ich wusste nicht, dass es so eskaliert."
Nachdem der Polizist meinen Vater angerufen hat und dieser mich bestimmend aber höflich von der Wache abgeholt hat, sind wir nach Hause gefahren. Ich war verwirrt, darüber wie ruhig mein Vater gewesen ist. Aber sobald unsere Haustür geschlossen war, sah die Sache anders aus.
Meine Erinnerungen an das was passiert ist sind verschwommen. Ich erinnere mich aber an die Schmerzen und den dreiwöchigen Krankenhaus Aufenthalt. Lucy und Jasper haben mich jeden Tag besucht während Jay nur ein einziges Mal dort gewesen ist, jetzt erklärt sich auch warum.
Jedes böse Wort, was ich ihm gerade an den Kopf werfen will, schlucke ich herunter und nicke lediglich, "schon okay."
Travis runzelt die Stirn, will gerade etwas sagen, da ergreift Lucy das Wort.
"Du bist nicht mein Vater!"
Jay zuckt verwirrt zurück.
"Er hätte sie beinahe umgebracht, weil du dich so aufspielst als müsstest du auf mich aufpassen."
Ich würde Lucy gerne in den Arm nehmen, ihr sagen, dass es okay ist, aber sie hat jedes Mal Angst um mich, wenn sie zum Krankenhaus kommen muss weil wieder irgendwas ist. Sie sagt immer, sie wartet nur auf den Tag an dem sie kommen muss nur um mich zu identifizieren.
"Ich wollte dich doch nur schützen," gibt Jayson ihr preis.
Sie schüttelt den Kopf, "dabei hast du Alexa fast umgebracht."
Den Rest schluckt auch Lucy einfach, weil sie sich an meine Worte erinnert.
Travis scheint sich darüber bewusst zu sein, dass wir es aufgegeben haben uns anzumeckern. Mit einem teuflischen Grinsen zieht er ein einziges Foto heraus und wirft es in die Mitte auf unseren Stapel. Es ist ein Ultraschallbild.
"Lucy und Jayson möchten aber bestimmt eben erzählen, warum das Unterwäschebild von Alexa in unserer Mitte liegt," auffordernd sieht er Lucy und Jayson an.
Lucy wendet sich an mich, beinahe schon gelangweilt.
"Ich habe es aus versehen online gestellt," erklärt sie.
"Jay und ich haben uns darüber lustig gemacht und ich wollte es ihm senden."
Unter anderen Umständen, hätte ich Beide dafür angeschrien, aber ich tue es nicht.
Travis schüttelt mahnend den Kopf, " wenn ihr euch nicht streitet muss ich eben zu härteren Mitteln greifen."
Gelangweilt sehe ich ihn an und gähne provokant.
"Das Kind auf dem Bild ist von einem von euch," lässt er dann die Bombe platzen.
Tatsächlich bringt er mich zum lachen.
Ich bin nicht schwanger gewesen, Lucy auch nicht und bei Jasper kommt außer mir nur Bea in frage und die ist definitiv auch nicht schwanger, ihren Sozialen Medien zu entnehmen.
"Okay Jay, welche deiner Huren hast du geschwängert?"
Verwirrt zieht er die Augenbrauen zusammen und schüttelt den Kopf, "keine ohne dass ihr es nicht wissen würdet. Die wäre sofort angekommen."
Mein Blick fliegt zu Jasper, vielleicht hat er doch noch mit jemand anderem geschlafen.
"Von mir kann es nicht sein, ich kann keine Kinder bekommen."
Für einen kurzen Moment vergesse ich, wo wir gerade sitzen und kann Jasper nur erschrocken ansehen. Er beißt sich auf die Lippe und lächelt mich dann entschuldigend an.
"Ist jetzt sowieso egal oder?"
Seine Tonlage ist traurig und ich würde ihm gerne sagen, dass alles okay ist, aber ausnahmsweise ist mir klar, dass es das nicht ist. Wir werden viel zu klären haben wenn Travis endlich fertig ist und wahrscheinlich werden wir uns viel zu verzeihen haben und wenn wir das nicht können, dann müssen wir uns vor Augen führen, dass unsere Freundschaften vorbei sind und jeder seinen eigenen Weg gehen muss. Auch wenn ich immer denke, dass egal was passiert nichts uns trennen kann, ist es vielleicht so, dass wir selber uns durch unseren Übermut schon längst getrennt haben.
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What happend tonight
Mistério / Suspense"Hey Lucy, hör dir den Mist an. Jasper meint die Schulflure würden uns jetzt nicht mehr gehören," ruft sie hinter sich. Dann bleibt sie urplötzlich stehen, so dass ich beinahe in sie gelaufen wäre. Verschmitzt funkelt sie mich an. "Egal wo wir hin g...
