28. Ich liebe dich // Lucy

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05:55
Lucy

Die Panik in mir steigt herauf und ich merke wie Schweißtropfen meine Schläfe herunter gleiten.
Ich lasse Alexa nicht zurück, niemals werde ich sie einfach so hier lassen.
Es fühlt sich so an als wäre alles stehen geblieben und bewegt sich in Zeitlupe weiter und trotzdem habe ich keine Zeit darüber nachzudenken was eigentlich genau gerade passiert.
"VERSCHWINDE!"
Alexas Stimme bricht als sie mich ein weiteres mal dazu auffordert zu gehen, während sie den Kies mit ihrem Blut färbt und sich unter Travis befindet, der versucht sich von ihr zu befreien.
Im nächsten Moment zerrt Jayson mich an meinem Shirt weiter und schubst mich quasi in den Truck. Sofort fixiert sich mein Blick wieder auf Alexa im Rückspiegel, die sich weiterhin mit Travis auf dem Boden rangelt.
"Hör mir zu," Jayson nimmt mein Gesicht in seine Hände und steckt den Schlüssel ein, den er zuvor vom Boden aufgehoben haben muss, weil ich ihn hatte fallen lassen.
Seine Augen bohren sich in meine und für einen Bruchteil einer Sekunde kommen sie hinter meiner Panik an.
"Du musst fahren, ich kann nicht, " erklärt er.
Mein Blick zieht zu seiner Schulter an der ein wenig Blut klebt, aber nicht im Ansatz so viel wie bei Alexa. Der Schuss den Travis abgegeben hat, ist durch Alexa hindurch und in Jayson gelandet. Sein Gesicht ist ein wenig schmerzverzerrt und als ich nochmal nach Alexa schauen will, sehe ich wie sie kraftlos von Travis ablässt. In einer komischen Position verharrt sie auf dem Boden und ich bin mir bewusst weshalb. Sie hat zu viel Blut verloren, sie ist ohnmächtig und keiner ist da um ihre Blutung zu stoppen.
Als Travis sich aufrichtet starte ich den Wagen und lenke uns notdürftig auf die Straße.
Ich habe keinen Führerschein aber Jayson hat mir zwischendurch ein paar der grundlegenden Dinge beigebracht. Jay redet mit mir, aber ich kann ihn nicht verstehen.
Alexa kehrt in meinen Kopf zurück und Jasper, sie sind beide tot.
Wir wollten nur unseren Abschluss feiern und jetzt sind sie tot. Die letzten Dinge die wir zueinander gesagt haben waren wahrscheinlich die schlimmsten in unserer Freundschaft und wir haben keine Möglichkeit mehr das zu ändern. Der stechende Schmerz in meiner Brust wird immer großer und ich schaffe es nicht ihn zu ignorieren. Sie sind tot.
Meine Sicht verschwimmt und ich kann nicht mehr richtig atmen während ich versuche das Auto ruhig auf der Straße zu halten.
Eine Wolke unvorhersehbarer Emotionen bricht über mir zusammen und sorgt für einen Wirbelsturm in meinem Kopf. 
Dann geht alles ganz schnell, Jayson der neben mir meinen Namen schreit und nach dem Lenkrad greift, ich die versteift auf die Bremse tritt. Dann dreht sich der Wagen um seine eigenen Achse, erst einmal, dann zweimal und dann ein drittes Mal bevor er mit einem heftigen Stoß irgendwo aufkommt.

Mein Kopf pocht höllisch und ohne es verhindern zu können kotze ich geradewegs in den Fußraum. Neben mir stöhnt Jay auf und als ich meinen Blick zu ihm wende und ihn mit seinem Kopf in der zertrümmerten Scheibe des Autos hängen sehe, bleibt mir die Luft weg. Ein metallischer Geschmack bereitet sich in meinem Mund aus und ich brauche ein wenig um zu realisieren was gerade passiert ist.
Wir sind gegen einen Baum gefahren.
Ich schnalle uns beide ab und beuge mich dann unter Ächzen zu Jayson herüber. Ganz vorsichtig lehne ich ihn zurück gegen den Sitz und schlage ihm auf die Wange bis er die Augen öffnet und mich ansieht. Sein Blick ist unklar, so als würde er nicht ganz anwesend sein, aber das ist er wahrscheinlich auch nicht.

"Du musst wach bleiben," bitte ich ihn leise und halte sein Gesicht weiter fest.
Er kneift die Augen zusammen und greift dann unkoordiniert nach meiner Schulter.
"Lauf alleine weiter und ruf Hilfe," seine Stimme ist schwach.
Ich schüttle den Kopf, ich kann ihn nicht auch noch hier zurück lassen.
Ich habe innerhalb weniger Stunden meinen besten Freund verloren, der in der Küche seiner Eltern auf den Boden liegt und ich habe meine beste Freundin inzwischen wahrscheinlich verblutet auf dem Parkplatz des Hauses ihres toten Freundes liegen gelassen. Ich werde nicht auch noch den letzten meiner Freunde zurück lassen nur um am Ende allein zu überleben.
Jayson kennt mich, er weiß genau was ich gerade denke, ich bin ein offenes Buch für ihn. So als würde er seine letzte Kraft dafür benutzen legt er seine Hand an mein Kinn und küsst mich federleicht.
"Lucy," mein Name klingt wie Musik aus seinem Mund und ich wünschte wir würden uns gerade in einer anderen Situation so nah sein.
"Ich liebe dich."
Erschrocken schnappe ich nach Luft und will etwas erwidern, aber er hält mich davon ab.
"Und genau deshalb muss du jetzt laufen."
Als wäre das alles was er zu sagen hätte fällt seine Hand leblos zwischen uns und ich rüttle panisch leicht an ihm rum.
"Jayson nein!"
Meine Tränen gewinnen wieder die Oberhand und als ich seinen Puls versuche zu fühlen, spüre ich nichts.

Meine Brust explodiert, ich kann nicht richtig atmen während ich mich aus dem Auto kämpfe und mir die Hände vor den Bauch drückend nach vorne auf die Straße taumle. Ich sinke auf die Knie und schreie, ich schreie vor Schmerz und vor Wut, vor Trauer und Verlust.

Meine Freunde sind alle tot.

Mit aller Kraft drücke ich gegen die Schmerzen an und schaffe es wieder aufzustehen, wie lange ich auf der Straße geweint habe verschwimmt für mich. Ich schaue ein letztes Mal zu dem Wagen, wie er schräg mit dem Baum in seiner Motorhaube dort steht und langsam der Himmel über uns beginnt hellblau zu werden. 
Dann laufe ich los. 
Alles in mir schmerzt, aber ich werde nicht aufhören zu laufen. 
Ich laufe für Jasper und dafür wie er uns immer zusammen gehalten hat. 
Ich laufe für Alexa, weil sie mir beigebracht hat so stark zu sein. 
Und ich laufe für Jayson, weil er mich liebt. 

Erst als ich die ersten Vögel zwitschern höre, kommt das einzige Haus zwischen der Farm und der Stadt in mein Sichtfeld. 

Am liebsten würde ich vor Freude weinen, aber ich kann nicht. Mit letzter Kraft und schmerzenden Gliedern zwinge ich mich dazu nicht auf den letzten Metern aufzugeben. Als ich vor der Tür stehe kann ich es kaum glauben, ich hebe die Hand um zu klopfen, da friere ich kurzzeitig fest. Ich blicke mich selber in der Spiegelung des Fensters der Tür an und kann nicht glauben was ich sehe. Das Blut meiner Freunde hat sich in meine Klamotten gezogen und überall an meinen Armen und meinem Gesicht klebt es getrocknet. In Gedanken vermischt sich das Gruppenfoto von uns, stark und unantastbar mit dem Bild von mir selber und reglosen Körpern meiner Freunde. 

Ich bin die Einzige die noch lebt. 

What happend tonightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt