19. Wahrheit // Jasper

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Jasper 
01:47

Wir haben uns alle angelogen. Während wir nach außen hin so getan haben als könnte niemals etwas einen Keil zwischen uns treiben haben wir ihn im Hintergrund selbst riesig werden lassen. 

Plötzlich sehe ich meine Freunde mit anderen Augen. Alexa war für mich immer so unendlich stark, Lucy einfach nur rein und Jayson unerschütterlich in seinem Dasein. 

Lucy mag rein sein, aber auch sie hat wie jeder von uns Gefühle die sie dazu bringen nicht rational nachzudenken. 
Alexa ist nicht stark, sie ist einfach nur abgestumpft und monoton. 
Jayson ist auch nicht unerschütterlich, sogar er hat Zweifel an sich selber. 

Ich dachte immer ich würde meine Freunde besser kennen, als alles andere, aber scheinbar ist das nicht der Fall. 

Alexa tut so als wäre es nicht weiter wild, dass sie sich mit Schmerztabletten volldröhnt. Ihr Vater schlägt sie. Schon seit sie klein ist, ist Alexa immer mal wieder mit für Kinder untypische Verletzungen aufgetaucht, aber es wurde immer mit Unfällen abgetan. Die Stadt ist klein und bevor jemand ihrem Vater vorwerfen würde, dass er sie schlägt müsste er sie umbringen. Alle sehen weg und ich würde lügen wenn ich sagen würde, dass ich nicht dazu gehöre. 
Alexa sagt immer sie kümmert sich selbst darum, aber ich weiß wie schlimm er manchmal mit ihr umgeht. 
Wir haben aufgehört zu zählen wie oft sie mit einem blauen Auge aufgetaucht ist und auch die gebrochenen Knochen sind irgendwann Normalität geworden. 
Er trinkt eine Menge und wenn er dann nach Hause kommt sieht Alexa für ihn einfach viel zu sehr aus wie seine Ex-Frau, Alexas Mutter die sich mit ihrer jüngeren Schwester aus dem Staub gemacht hat. Irgendwann hat Alexa angefangen sich mit Schmerzmitteln zuzudröhnen und uns versprochen damit aufzuhören, nachdem wir es heraus gefunden haben. 

Ich erinnere mich daran wie sie zitternd auf dem kalten Boden in ihrer Küche lag, Schaum aus ihrem Mund kam und die Augen unmenschlich in den Kopf verdreht waren. 
Ich hatte Angst, pure Angst. 
Hätte ich keinen Arzt gerufen der Alexa den Magen ausgepumpt hat, wäre sie jetzt tot. Danach habe ich ihr das Versprechen abgenommen es sein zu lassen den Mist zu essen wie Bonbons. Irgendwie habe ich gedacht, das hätte sie. Auf eine Art und Weise erschreckt es mich nicht einmal, dass sie sie trotzdem noch nimmt. Ich lasse es sacken, gebe Travis nicht die Genugtuung zu sehen wie wir uns streiten. Dann zieht ein ohrenbetäubendes Piepen durch den Raum. 
Ich kneife die Augen zusammen und versuche so gut es geht meine Ohren zu bedecken, mit angezogenen Schultern kneife ich die Augen zusammen. Als es aufhört sehe ich wie Travis stirnrunzelnd über einem Tablett hängt. 

"Wer von euch hat die Beiden eingeladen?" 
Er klingt erbost während er den Bildschirm dreht und wir den roten Truck von Timo sehen können. 

Ich schicke stumm Dankesgebote an Gott, dafür, dass er uns die Zwei geschickt hat um diesen Wahnsinn hier zu beenden. Travis schnappt sich sein Klebeband und bringt uns allesamt somit zum schweigen. 

Timo und Bene steigen aus dem Auto aus und lösen das Licht der vorderen Tür aus, als sie klingeln. Travis muss Zugang auf unsere Überwachungskameras haben, denn ansonsten würden wir nicht sehen können was dort passiert. Bene klopft, dann unterhalten die Beiden sich. Timo trägt eine Tasche mit sich, sie so aussieht als wäre Alkohol drin. Sie tragen Anzüge, also gehe ich davon aus sie waren vorerst auf der Abschlussfeier. 

Timo ist Alexas Cousin und die beiden verstehen sich gut, er ist der beste Freund von Bene, bei dem Alexa scheinbar ihre Tabletten kauft und manchmal hängen die zwei mit uns rum. Bene ist ein großer schlaksiger Junge mit einem fragwürdigen Sinn für Humor was Alexa immer auf einen Chemieunfall in der Apotheke schiebt. Ich mag sie, sie sind als Freunde ganz in Ordnung . Travis taucht auf dem Bildschirm auf und schüttelt ihnen die Hand, sie sehen sichtlich verwirrt aus. Ich bete, dass sie den Braten riechen, kann aber leider nicht hören worüber sie reden. 

Ich hebe meinen Blick kurz um zu sehen ob Alexa, Jay und Lucy auch so gespannt auf den Bildschirm starren wie ich, aber Alexa hat ihren Kopf so weit nach vorne gebeugt, dass es unmenschlich wirkt. Jayson wirkt genauso angespannt wie ich. Timo geht zurück zum Wagen und versucht scheinbar zu telefonieren, das wird aber nicht klappen. Als Travis dann die Haustür aufschließt und mit den Beiden im Inneren meines Wohnhauses verschwindet, habe ich die Hoffnung aufgegeben. 

Alexa gibt undefinierbare Geräusche von sich und würgt auf bevor sie ihren Kopf hebt und ihr Klebeband zur Hälfte gelöst absteht. Sie zieht den Rest mit Ihrer Schulter ab und atmet dann erleichtert aus. 

"Wir müssen aufhören uns zu streiten," stellt sie klar. 
Sie fixiert jeden von uns einmal mit ihrem Blick nur um uns nochmal deutlich zu zeigen, dass sie es ernst meint. Ich nicke ihr zu, sie hat recht. 
"Egal wie schlimm es ist was ihr getan habt, gebt ihm nicht die Genugtuung, dass wir uns deshalb in der Luft zerfetzen wollen."

Lucy grummelt etwas unverständliches und nickt immer wieder zum Tablet, Alexa holt tief Luft, dann schreit sie so laut sie kann. 

Leider reagiert keiner auf ihr Rufen und im nächsten Moment fährt der Truck schon wieder rückwärts aus der Einfahrt heraus. 

What happend tonightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt