23. Es ist okay // Jasper

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03:31
Jasper 

Ungläubig starre ich auf den leeren Stuhl vor mir, lediglich das Blut und das Erbrochene weisen darauf hin, dass dort bis vor wenigen Sekunden noch jemand gesessen hat. 
Hoffentlich holt Alexa Hilfe. 
Ich höre das Tor hinter mir aufgehen, es geht aber nicht wieder zu. Lediglich Travis Atmung lässt darauf schließen, dass er unglaublich wütend ist. 

"WO IST SIE HIN?!" 

Keiner von uns sagt etwas, keiner von uns weiß wo sie hin ist. Travis kommt in unserer Mitte zum stehen, hinterlässt Matsch auf den Bildern. Ich erkenne die Spritzer von Blut auf seinen Klamotten und muss schlucken, er hat sie erschossen. Er hat sie erschossen weil sie uns helfen wollten. Mit voller Wucht tritt Travis Alexas Stuhl quer durch den Raum und lässt hin scheppernd in einem Regal landen. Einmal in meinem Leben wünsche ich mir, dass meine Eltern früher zurück kommen als sie wollten. Travis verschwindet in die Richtung in die Alexa vor wenigen Minuten gehumpelt ist. Es klirrt, gefolgt von einem verzweifelten Rufen. 

Er läuft auf und ab an der Stelle an der Alexa eigentlich sitzt, verteilt das Blut auf dem Boden und fixiert uns dann immer wieder. 

"Ich bin mir nicht so sicher ob sie weg ist," teilt er uns nachdenklich mit. 
Bevor jemand etwas darauf erwidern kann holt er aus und schlägt Lucy mitten ins Gesicht. Jayson zuckt sofort nach vorne. 
"Sag mal geht's noch?!" 
Lucy verdreht die Augen, sie strengt sich an nicht ohnmächtig zu werden und verrenkt ihren Kopf dabei. Im nächsten Moment hat er sie an den Haaren zurück gezogen, da sie aber nicht wirklich bei sich ist, kann sie nicht reagieren. Er presst ihr den Lauf der Waffe an die Stirn. 
"Du hast drei Sekunden Alexa, dann erschieße ich sie," erklärt er schon fast fröhlich. 
Das Klicken der Sicherung ist zu hören während Travis singt, " eins, zwei, drei." 
Ich drehe den Kopf weg, kann mir das nicht ansehen und kneife die Augen zusammen. 
"Die letzte Chance ist jetzt vorbei." 
Es knallt. Keiner von uns regt sich und obwohl ich nicht will muss ich den Kopf heben und Lucy ansehen. Die hängt jedoch einfach wie ein Schluck Wasser auf ihrem Stuhl und versucht wach zu bleiben. Travis hat neben sie geschossen. Sein Gesichtsausdruck verändert sich, als ihm klar wird, dass er Alexa suchen muss um nicht aufzufliegen. Ich hoffe nur sie läuft so schnell sie kann. völlig verzweifelt zieht Travis die Kabelbinder enger und verschwindet dann ohne ein Wort mit einem Vorhängeschloss nach draußen. Scheinbar verschließt er die Schiebetür und dann macht er sich auf den Weg Alexa zu suchen. 

Zwischen uns macht sich eine beängstigende Stille breit, die durch Klimpern gebrochen wird. 
Alexa schnappt sich das Messer und scheidet uns jeweils los. 
"Es ist sinnlos alleine zu gehen, er wird uns nicht umbringen, das ist nicht sein Plan," erklärt sie während sie sich einen Arm von Lucy umwirft und sie dann im Brautstyle hochhebt. 
Seit wir Kinder sind spielen wir im Sommer hier und ich bin mir sicher, dass ich weiß wo sie hin möchte. Vorsichtig schiebe ich mit Jay zusammen den Schrank weg und löse dann die Bretter. Der Gang mieft und ich bin mir sicher, dass es ekelhaft stickig und staubig in ihm ist, aber eine bessere Chance zum Haus zu kommen haben wir nicht. Alexa springt zuerst herunter und ich höre das Plätschern als sie scheinbar in einer Pfütze aufkommt. Wir reichen ihr Lucy an bevor wir ihr folgen. Ich hebe Jay noch einmal hoch, damit er den Schrank einigermaßen zurecht schieben kann und dann folgen wir stumm in der Dunkelheit Alexa. Es ist bedrückend.
"Alex," setzte ich an, sie unterbricht mich jedoch sofort. 
"Wir reden wenn das hier vorbei ist." 

Ich bin erstaunt darüber, dass sie Lucy trotz ihrer Verletzungen trägt, aber davon könnte sie niemand abhalten. Sie wird sie keinem von uns geben und erst recht nicht mit dem Gedanken spielen sie zurück zu lassen. 
Wir kommen unter dem Haus an und der Gang wird schmaler, tatsächlich übergibt Alexa Lucy an Jay und krabbelt dann durch den Dreck. Ein bisschen später kommt sie wieder zurück. Ich kann zwar nur ihre Umrisse erahnen, doch ich würde sie gerne in den Arm nehmen. Der Gang endet direkt in der Küche, es ist ein Lüftungsschacht unter der Sitzbank des Esszimmertisches, Lucy werden wir niemals in diesem Zustand dort hinein bekommen. Der Tatsache scheint sich auch Alexa bewusst, denn ihre nächsten Worte kommen ihr nur schwer über die Lippen. 
"Lucy und Jay bleiben hier, wir versuchen zu telefonieren," sie bewegt sich und ich bin mir sicher, dass sie nach Lucy greift. 
"Wenn wir in dreißig Minuten nicht zurück sind Jay, dann kommst du erst wieder hier mit ihr raus, wenn Jaspers Eltern nach Hause kommen oder die Polizei," ihre Stimme ist fest und ernst. 
Sie versucht trotz allem noch uns alle zu beschützen. 
"Pass auf sie auf," weist sie ihn noch an und ich meine erkennen zu können wie er nickt, dann krabbelt sie wieder voraus. Ich folge ihr und versuche den Matsch an meinen Händen zu ignorieren. Als sie das Gitter wegschiebt und sich durch die Lücke nach draußen presst, fällt das Licht, welches das Linoleum auf vom Mond in den Gang wirft mir direkt ins Gesicht. Alexa bleibt unter dem Tisch sitzen und sieht sich um, dann kriecht sie langsam hervor. Vorsichtig schleicht sie bis zur Treppe, scheint aber nichts zu sehen also folge ich und nehme den Hörer des Telefons ab. 
Scheiße. 
Travis hat das Kabel gekappt. 
Ich zeige ihr das abgeschnittene schwarze Teil woraufhin sie mir ihr Handy zuwirft. Ohne es wirklich abzusprechen haben wir unsere Aufgaben hier verteilt. Sie hat nicht mehr viel Akku und vor allem kein Netz. Ich versuche es mit meiner ausgestreckten Hand in jede Richtung, es bleibt aber der Kreis, der auf kein Signal hindeutet. Plötzlich reißt Alexa an meinem Arm und zeigt nach oben, bevor sie sich unter den Tisch zurück zieht. 
Travis kommt, aber ich kann noch nicht gehen, ich weiß, dass es irgendwann hier wieder Netz gibt. 
Ich schüttle den Kopf und verändere die Position des Handys wieder, bevor der Kreis verschwindet und einem Strich platz macht. 
Na endlich. 

What happend tonightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt