04:00
Alexa
Ich friere fest. Jasper hat ein Grinsen im Gesicht und zeigt auf das Telefon, doch ich kann mich nicht bewegen. Ich sehe Travis Schuh, der über ihm die Stufe berührt und will am liebsten schreien, aber es entweicht mir kein Ton. Vollkommen verzweifelt starre ich Jasper an, der Travis jetzt bemerkt und mir mit dem Kopf bedeutet wieder abzuhauen. Seine Lippen formen sich zu drei Worten die sich mir auf die Netzhaut brennen.
Ich liebe dich
Angesichts der letzten Stunden hätte ich ihm normalerweise den Vogel gezeigt aber ich nicke und antworte mit einem Stummen.
Ich weiß
Das ist schon immer Jaspers und meine Art gewesen uns zu sagen, dass wir uns lieben. Jedes mal zu sagen, dass man den Anderen auch liebt kommt mir so falsch vor, also sagen wir uns, dass wir wissen, dass der Andere uns liebt. Am Anfang, als wir angefangen haben miteinander auszugehen und ich mir sicher war, es würde kacke werden ist das so ein Insider zwischen uns geworden. Wir kannten uns zu dem Zeitpunkt ja schon seit Ewigkeiten und er hatte so ein dämliches Fragenkartenspiel besorgt. Ich wusste jede Antwort auf die Frage, die er mir laut dem Spiel hätte erklären müssen. Keiner hat den anderen je wirklich gefragt ob wir ein Pärchen sein wollen, es gaben keinen kitschigen Brief zum ankreuzen. Wir haben uns geküsst und am nächsten Tag sind wir Hand in Hand in der Schule aufgetaucht, das hat gereicht. Generell bin ich jedes Mal überrascht davon gewesen, dass Jasper sich mit mir abgibt, weil ich bei weitem nicht einfach bin.
Seine blauen Augen haben mir auf eine Art und Weise schon immer das Gehirn vernebelt und aufgrund der Tatsache, dass er so unendlich ruhig ist, ergänzen wir uns perfekt. Jasper hat es mir nie übel genommen wenn ich aufbrausend nach einer Auseinandersetzung mit meinem Vater und scheiße zu ihm war. Er hat auch verstanden wann er mich in Ruhe lassen muss. Wir sind kein typisches Pärchen, wir sind zudem auch noch beste Freunde.
Ich fixiere ihn mit meinem Blick und versuche ihm klar zu machen, dass er laufen soll, am besten so schnell er kann, aber er hört nicht auf mich. Ganz vorsichtig geht er in die Hocke und schiebt dann das Telefon zu mir herüber, ich schnappe es mir und stopfe es in meine Jeans. Das Geräusch macht Travis auf ihn aufmerksam, ihm nächsten Moment hat er ihn im Schwitzkasten, Jasper keucht panisch auf und versucht Travis Arm von seiner Luftröhre zu ziehen.
"Wo sind die Anderen?!"
Jaspers Kopf bekommt eine ungewöhnlich rote Farbe und ich muss mir die Hand vor den Mund schlagen um ihn nicht auf mich aufmerksam zu machen. Vorsichtig rutsche ich weiter nach hinten, zurück in den Schacht und schiebe das Gitter so leise wie möglich wieder vor, bis ich gerade eben noch so Travis und Jasper sehen kann.
Jasper gibt laute erstickte Töne von sich, aber Travis lässt nicht locker.
Obwohl ich sonst immer so unglaublich taff bin, ist mein Hirn nicht dazu in der Lage etwas zu finden womit ich ihn retten kann. Also sitze ich feige hinter dem Gitter, die Knie an die Brust gezogen und sehe zu wie Travis ihm die Luft abwürgt. Als er merkt, dass er aus Jasper keinen einzigen Ton heraus bekommt ändert sich etwas in seinem Gesichtsausdruck. Mit einem Mal schlägt er seinen Kopf gegen die Wand der Treppe an der auch das Telefon hängt. Ich schnappe lautlos nach Luft, presse die Hand fester auf meinen Mund und versuche das Zittern welches über meinen Körper kommt zu unterdrücken. Als Travis ein weiteres Mal Jaspers Kopf an den Haaren zurück zieht und ihn dann gegen die Wand krachen lässt, sehe ich weg. Ich höre das dumpfe Geräusch des Aufpralls von Jaspers Kopf noch ein paar Mal, bevor es endgültig klingt.
Ich zwinge mich selbst wieder hinzusehen, Jasper der unmenschlich verrenkt vor Travis auf dem Boden liegt. Die Wand, die eine unnatürlich rote Farbe angenommen hat und das widerwärtige Grinsen in Travis Gesicht. Stumm fließen mir Tränen das Gesicht herunter und als Travis nach Jaspers Arm greift um nach seinem Puls zu fühlen wird plötzlich alles ganz still. Nicht einmal das schnell pochende Herz in meiner Brust kann ich noch hören.
"Da waren es nur noch drei," flötet er belustigt und lässt Jaspers Arm einfach so auf seine Brust fallen.
Travis verschwindet, ich höre wie seine Schritte leiser werden, aber ich kann mich nicht bewegen. Ich schiebe das Gitter wieder beiseite und rutsche vorsichtig zurück in die Küche, auf deren Boden sich inzwischen eine rote Laiche gesammelt hat. Ich streiche durch seine Haare, sie sind feucht und das erste Mal in meinem Leben muss ich nicht bei dem Anblick von Blut kotzen. Ich ziehe ihn mit dem Kopf auf meinen Schoß, lasse zu, dass sich sein warmes Blut in meinen Stoff zieht. Vorsichtig lege ich meine Hand auf seine Brust, dort wo eigentlich der Herzschlag zu spüren ist, aber ich fühle nichts. Seine Brust ist still.
Ein beklemmendes Gefühl der Leere breitet sich in mir aus, ich bin mir unsicher was es ist, aber es nimmt mich voll und ganz ein. Wie benommen drücke ich ihm einen Kuss auf den Kopf und versuche dann meine blutigen Hände an meiner Hose abzuwischen, aber es wird nur schlimmer. Es sieht so aus als würde mein Wunde am Bein irrsinnig bluten, dabei sind es alles Tropfen von Jaspers Blut.
Als ich zurück im Schacht bin nehme ich mir einen Moment für mich. Ich denke an Jasper und unsere letzten schönen gemeinsamen Momente. Mit der Schulter wische ich mir die Tränen aus den Augen und krabble dann durch den Dreck zurück zu Jay und Lucy. Wenn wir das hier alles überstanden haben dann darf ich trauern, sage ich mir selber. Wenn Lucy in Sicherheit ist, kann ich schwach sein, füge ich noch hinzu.
Ich erkenne Jay und Lucy schwach in dem Licht seines Telefons was er wohl angeschaltet haben muss. Sie sitzen zusammen im Dreck, sein Arm ist um sie geschlungen und sie hat ihren Kopf auf seiner Schulter gebettet. Ich hole tief Luft. Wir schaffen das.
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What happend tonight
Misteri / Thriller"Hey Lucy, hör dir den Mist an. Jasper meint die Schulflure würden uns jetzt nicht mehr gehören," ruft sie hinter sich. Dann bleibt sie urplötzlich stehen, so dass ich beinahe in sie gelaufen wäre. Verschmitzt funkelt sie mich an. "Egal wo wir hin g...
