2. Vertrauen und Liebe // Lucy

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Lucy
14:24

Alexa hat sich seit einer halben Stunde nicht bewegt. Wie so oft können wir beobachten wie sie die Auswirkung der Schmerztabletten gemischt mit dem hochprozentigen Alkohol genießt. Irgendwann wird sie sich mit dem scheiß Zeug noch umbringen, aber das will sie nicht von uns hören.

Mein Blick huscht kurz zu Jasper der seinen Blick auch kurz auf seiner Freundin verharren lässt.Ich bin mir eigentlich mehr als nur sicher, dass ihm bewusst ist, dass sie immer noch ständig diese blöden Tabletten in sich reinstopft, er es aber geflissentlich ignoriert.

Das einzige Lebenszeichen welches von Alexa ausgeht ist ihr sich leicht auf und ab bewegendes Knie welches sie sachte im Takt der Musik wippen lässt. Zumindest hat sie ein wenig etwas entspanntes an sich

Meine Gedanken fliegen zurück zu dem übel aussehenden lila Fleck der scheinbar erst seit heute ihr Gesicht verziert, weil sie gestern noch ohne aufgetreten ist. Ich hasse ihren Vater dafür was er ihr antut, aber noch mehr hasse ich wie sie selber damit umgeht. Sie pumpt sich mit den Tabletten zu als würden sie irgendwann ihre Seele betäuben. Das eine mal als ihr Vater noch mehr übertrieben hat als er es eh tut und man ihr als Reaktion darauf den Magen auspumpen musste, war für uns alle ziemlich hart.

Jayson reißt mich aus meinem starren leeren Blick auf Alexa indem er leicht seine Hand auf meinen Ellbogen legt. Ich erschaudere unter der plötzlichen Berührung und schenke ihm ein ehrliches Lächeln. Alexa und ihr Vater sind kein Thema was heute hierhergehört.

Ich nehme einen tiefen Schluck aus meinem Glas und verziehe kurz mein Gesicht als der bittere Nachgeschmack des Alkohols sich bemerkbar macht. Mal wieder kann ich mich nur Fragen wie Alexa und Jayson es schaffen das ekelhafte Zeug pur ihre Kehlen herunter fließen zu lassen. Es ist ja nicht einmal so, dass die Zwei nur ein wenig davon trinken, sondern Flaschenweise.

Die Stille zwischen uns ist angenehm. Wie immer genießen wir die leise Musik im Hintergrund und hängen unseren Gedanken nach. Ich ziehe mein Handy aus meiner Hosentasche als es die Altbekannte Melodie anstimmt und seufze als ich den Namen meiner Mutter auf dem Display lese.

Bevor ich losgelaufen war, hatte ich ihr bereits gesagt wohin ich gehe. Doch wie so oft hat sie es wieder vergessen, wie eigentlich alles

Ich verdrehe die Augen zeige den Jungs das Display und stehe dann auf um im Inneren des Hauses zu telefonieren, weil es der einzige Ort ist an dem man wirklich telefonieren kann.

"Lucy, wann kommst du nach Hause?"

Im Hintergrund höre ich den Drucker und wie sie auf Tasten tippt.

"Morgen Mama, Jay, Jas, Alex und ich feiern unseren Abschluss," erkläre ich ihr zum fünfundzwanzigsten Mal.

Kurz höre ich nur wie sie atmet und weiter tippt bevor meine Worte wohl bei ihr ankommen.

"Du hättest ruhig Jenny oder mir Bescheid geben können, dass wir alleine essen können," nörgelt sie und ich kann mir nur zu gut vorstellen, wie sie die Stirn runzelt.

Ihr zu erklären, dass ich es mindestens drei Dutzend mal in der letzten Woche erwähnt habe spare ich mir, genauso wie die fiese Bemerkung gegenüber meiner Stiefschwester. Jennifer ist es mir nicht wert.

Ich murmle ein 'Sorry' und sehe mich dann einfach bei Jasper um. Mit meinem Rücken lehne ich mich an das verzierte Geländer aus Holz, welches die Treppe nach oben umgibt, welche wiederum den Wohnbereich von der offenen Küche auf meiner Seite trennt.

Ich mag die alte Holzeinrichtung hier und die Tatsache, dass nur hier neben dem Wandtelefon genug Netz zum Telefonieren reicht. Ohne das Wlan wären unsere Telefone, außer hier an dieser Stelle, tot. Oder eher bis auf Knistern wären wir nicht zu hören.

Mir wird es zu doof, meiner Mutter beim Tippen zuzuhören, also lege ich einfach auf. Ich will gerade mein Telefon wieder in meine Hosentasche stecken, da leuchtet mir eine Nachricht entgegen.

Mit angehaltenem Atem öffne ich sie und kann nicht verhindern, dass ich schmunzle.

Herzlichen Glückwunsch zum Abschluss - jetzt können wir uns offiziell sehen.

Ein paar Mal blinzle ich gegen Tränen an, bevor ich sofort die Nummer blockiere und den Chat wegschiebe. Ich hasse, welche Wirkung er auf mich hat und noch mehr hasse ich, dass ich ihn abweisen muss. Alexa würde ihn sofort in der Luft zerfetzen, wenn ich ihr das zeigen würde.

Noch ein Thema was heute nicht hierhergehört.

Als ich wieder auf die Terrasse trete ist Alexa aus ihrer Position aufgestanden. Sie sitzt gerade in ihrem Stuhl und legt immer mal wieder im Wechsel mit Jayson Spielkarten auf den Tisch. Zwischendurch flucht einer von Beiden, bevor er einen Schluck aus einer Flasche Alkohol nimmt.

Als sie fertig sind, ist in der Flasche nur ein kleiner Rest den sie kurzerhand unter sich aufteilen bevor Jayson sich mit den Fingern anzüglich durch die braunen Locken kämmt.

Ich schaue weg, vernehme dennoch Alex Blick auf mir der so viel heißt wie 'Ekelhaft'.

Seit Jayson angefangen hat so gut auszusehen, ist meine Meinung über ihn die eines hormongesteuerten Mädchens. Zum Glück ist er auch nicht von mir abgeneigt und so ist es schon des Öfteren zu kleinen, oder größeren, Momenten gekommen in denen wir einfach unsere Körper haben sprechen lassen. Alexa würde mich häuten, wenn sie davon wüsste, weil sie genauso wie ich weiß, wie Jayson tickt. Und weil sie laut ihrer Standpauke an mich ihren Standpunkt dazu mir das Herz zusammen zu kleben nachdem er es gebrochen hat, ziemlich klar gemacht hat.

Mir ist es tatsächlich ein Rätsel wie sie nicht im Ansatz auf Jayson reagiert, weil er gelinde gesagt eine echte Augenweide ist. Aber Alexa ist irgendwie viel zu abgestumpft dafür.

"Alles okay?"

Jasper sieht mich fragend an und verdreht die Augen als Alexa im selben Moment Jayson zum vierten Mal etwas erklären will.

"Du weißt ja wie meine Mutter ist," antworte ich nur, weil das reicht.

Jasper nickt und belässt es dabei, aber er ist noch nie ein Typ großer Worte gewesen. Manchmal denke ich Alexa und er sind nur zusammen, weil sie sich so aneinander gewöhnt haben. Dann sehe ich aber wie er sie ansieht, selbst jetzt wo sie mit diesem Fleck im Gesicht mit Jayson diskutiert sieht er sie voller Liebe an. Auch wenn Alexa es niemals zugeben würde, liebt sie Jas mindestens so sehr wie er sie. Was die Beiden haben ist etwas ganz ausergewöhnlich besonderes.

Augenverdrehend unterbreche ich die Diskussion über das Schmelzen der Polarkappen und klatsche begeistert in die Hände.

"Ich gehe jetzt schwimmen," verkünde ich.

Alexa und Jayson sehen mich kurz skeptisch an, bevor sie mit einem Blick ihre Diskussion vertagen und sich dann anschließen. Jasper sagt nichts dazu, sondern zieht sich einfach das Shirt über den Kopf und deutet dann auf seine schwarze kurze Hose.

"Ich für meinen Teil bin vorbereitet," erklärt er frech.

In Alexas Augen blitzt etwas auf als sie den Kopf schief legt und ihn anfunkelt.

"Wenn das bloß immer so wäre," gibt sie theatralisch von sich und bringt uns alle damit zum Lachen, bevor wir nach drinnen verschwinden.

What happend tonightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt