4. Verbote // Jayson

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Jayson 
18:29

Alexa zieht eine zerflederte Packung aus ihrer Hosentasche und löst mit einem Klicken neben mir zwei der Pillen aus der Packung. Als wären es Bonbons spült sie sie mit Vodka herunter und atmet dann erfrischt laut aus. 
Sie ist so innerlich tot, dass es mich manchmal irgendwie noch erschreckt. Ihr ganzes Verhalten ist manchmal leer. Manchmal habe ich mich gefragt ob sie jemals anders gewesen ist, ich hab mich gefragt ob sie vielleicht mal so voller Leben war wie Lucy. Ob Jasper mal gesprächiger war als die paar Sätze die er immer von sich gibt. Und vielleicht ob Lucy mal nicht so blühend und anziehend gewesen ist. Aber mir wird nach kurzer Zeit immer bewusst, dass sie alle so sind seit ich sie kenne, also seit wir Kinder sind und das erschreckt mich manchmal.
Bevor Alexa sich auf den Weg macht Jasper zu suchen der vor über dreißig Minuten zum pinkeln nach draußen spaziert ist, gibt sie mir mit einem Blick zu verstehen, dass das gerade niemals passiert ist, dass sie niemals Schmerztabletten genommen hat. Irgendwie macht sich trotz der Musik im Hintergrund eine drückende Stille zwischen mir und Lucy breit, als wir schließlich alleine sind. 

Ich bin mal wieder fasziniert davon wie unschuldig sie wirkt, wenn sie alleine ist. Mit Alexa zusammen und ihrer harten Art wirkt Lucy auch um einiges anders. Wir stehen nicht einmal einen Schritt auseinander und dennoch sieht sie mich nicht an. Ich weiß, dass ihr mein brennender Blick bewusst ist und sie mich mit Absicht nicht ansieht. Seit ich die Ferien vor einem Jahr in meinem Heimatort sieben Stunden von hier entfernt verbracht habe, ist es anders zwischen uns beiden. Ich lasse meinen Blick über den cremefarbenen Pullover streifen, den sie mit einer lockeren schwarzen Hose kombiniert hat. 
Ihren Look hier mit uns, mit dem zu vergleichen, den sie sonst trägt wenn sie weg geht, dazwischen liegen Welten. Außerhalb dieser geschützten Gruppe sieht sie immer makellos aus. Ihre Haare sitzen, ihr Makeup ist perfekt und ihre Haltung ist immer erhaben. Der Prozentsatz des Alkohols in meinem Blutkreislauf überschreitet schon seit langem den Punkt, ab dem man mich nicht mehr mit Lucy alleine lassen sollte. Es ist der Punkt an dem ich unüberlegt die bescheuertsten Entscheidungen treffe.
Die Tatsache, dass Alexa mich umbringen würde macht die ganze Sache viel aufregender, knisternder. 
Lucy beißt sich auf die Lippen, weil ihr die Situation wohl so langsam noch unangenehmer wird. Meine Gedanken wandern in Richtungen in denen sie jetzt absolut nichts zu suchen haben, aber weil ich viel zu betrunken bin um mich dagegen zu wehren, tue ich es nicht. 

Schneller als mein Gehirn es verarbeiten kann habe ich Lucy zu mir umgedreht und sie sanft gegen die Wand hinter sich gepresst. Vor Schreck lässt sie die Dartpfeile fallen und keucht auf. Ich kann nicht verhindern, dass ich wie ein Trottel grinsen muss, doch ich liebe ihre Reaktion auf mich. Ich liebe es wie eine leichte Röte über ihre Wangen fährt und sie automatisch eine Gänsehaut bekommt. Sie sieht mich nicht an, sondern lässt ihren Blick geradeaus auf meine Brust gerichtet während sie krampfhaft kontrollierte Atemzüge nimmt. Ich lache rau auf und hebe ihr Kinn an, zwinge sie dazu mich anzusehen. Gleichzeitig macht sich auch auf meinem ganzen Körper eine Gänsehaut breit.  Dieses Mädchen hat so eine Auswirkung auf mich, dass ich mich selber nicht beehrschen kann.

Auch wenn wir schon seit so immens langer Zeit Freunde sind, fühlt es sich an als würden wir uns neu erfinden, wenn wir plötzlich alleine sind. Ich weiß, dass ich Jasper einmal gefragt habe, was seine und Alexas Beziehung so robust gemacht hat, dass sie jeden Sturm übersteht. Seine Erklärung war, dass sie nicht nur ein Pärchen sondern auch Freunde sind und ich glaube, das ist was die Beziehung der Beiden so gefestigt hat, sie so unzertrennlich trotz jedem Mist sein lässt. Weil Freunde zu sein eine Beziehung noch mehr festigt als einfach nur ein Pärchen zu sein.

"Nicht hier," murmelt sie und schließt die Augen als ich meine Hand an ihre Wange lege. 
Wenn ich es nicht genießen würde, würde ich ihr Recht geben und mich von ihr entfernen, damit Alexa das bloß nicht mitbekommt, aber meine Hemmschwelle liegt einfach viel zu niedrig. 
"Nur kurz," antworte ich ihr stattdessen und lege meine Lippen auf ihre. 
Mein Kuss ist sanft, nicht so fordernd wie sonst. Erst scheint Lucy zwiegespalten darüber zu sein, wie sie reagieren soll, doch dann vergräbt sie ihre Hände in meinen Haaren und zieht mich so nah wie möglich zu sich. 
Ich kann ihr Parfum riechen und bin wie immer fasziniert davon wie verdammt gut es riecht. Ich verliere mich in unserem Kuss und der Magie die uns kurzzeitig an einen anderen Ort sein lässt. Wenn wir uns küssen habe ich das Gefühl weit weg sein zu können, weit weg, davon, dass meine Eltern mich eher erwürgen würden, als zuzulassen, dass ich wegen Lucy hier bleibe. Ich kann vergessen, dass ich zurück in meine Heimat soll um die Firma meines Vaters zu übernehmen. Lucy ist meine Auszeit, meine Ruhe inmitten eines Sturmes der nur Chaos hinter sich übrig lässt. Sie lässt mich in einer dunklen Rauchwolke aufatmen und schenkt mir die Sonne an regnerischen wolkenreichen Tagen.

Lucy holt uns aber auf den harten Boden der Realität zurück. Die Realität in der Alexa irgendwas ziemlich in unserer Nähe ruft und wir uns ruckartig voneinander trennen. Meine Augen bleiben noch einen Bruchteil einer Sekunde auf Lucy liegen, dann mache ich noch einen Schritt rückwärts und ich sehe ihr dabei zu wie sie die Pfeile vom Boden aufhebt. Dann streicht sie sich einmal durch die wirren Haare und versucht ihr Gesicht zu verstecken.  

Mit einem verschmitzten Ausdruck im Gesicht schnappt Alexa sich die Shotgläser die auf dem Wohnzimmertisch stehen und trinkt gleich mehrere hintereinander. Scheinbar entgeht ihrem sonst so argwöhnischen Auge die unangenehme Situation in der wir uns befinden, denn sie widmet sich einfach wieder dem Dartspiel während selbst Jasper sie verwirrt mustert, weil er sich der Tatsache bewusst zu sein scheint was hier gerade gelaufen ist.

What happend tonightWo Geschichten leben. Entdecke jetzt