Die Nacht war atemberaubend.
Selbst nach der langen Zeit, die ich zuvor schon in Velaris verbracht hatte, hatte ich mich nie an diesen Anblick gewöhnt.
Ich stand auf dem Balkon im Haus der Winde, der höchste Platz über Velaris, wenn man keine Flügel hatte, und sah in den Himmel.
Es gab keine Worte, um die Schönheit der Nacht zu beschreiben. Sie war weder schwarz noch dunkelblau, die Sterne leuchteten nicht, sie strahlten nahezu.
Ich bereute es, dass ich nie gelernt hatte zu zeichnen, um diesen Anblick einzufangen.
Und so stand ich einfach da und starrte in den weiten Himmel.
Ein Rascheln ertönte hinter mir und ich spürte, wie die Schatten um mich herum dunkler wurden. Schweigend trat Azriel neben mich, betrachtete die hellen Sterne.
Lange standen wir auf dem Balkon, ohne ein Wort zu sagen, in unsere eigenen Gedanken versunken.
Dann brach der Schattensänger das Schweigen.
,,Wirst du jetzt hierbleiben?", fragte er mit dunkler Stimme.
Ich zögerte, ihm eine Antwort zu geben. Zwar liebte ich die Stadt und die Menschen darin, aber ich fühlte mich nicht willkommen. Als ich heute in einem Restaurant war, verstummten die Gespräche um mich. Mein Lächeln wurde erwidert, aber bloß gezwungener Maßen. Niemand grüßte mich freiwillig, jeder mied meine Gegenwart.
Ich war niemand, der sich jemandem aufdrängte, stand lieber in der Ecke als im Mittelpunkt. Aber es tat weh, so abgelehnt zu werden. Ich wusste nicht, ob es war, weil ich Fremde in die Stadt gebracht hatte oder weil sie Angst vor meiner Macht hatten.
Azriel sah mich mit ernstem Blick an, musterte mich und nickte langsam.
,,Also wirst du wieder gehen." Es war diesmal keine Frage, sondern eine Feststellung.
Ein Windstoß brachte die Kühle der Berge zu uns und ich zitterte. Schweigend breitete Azriel seine Flügel aus und legte sie sanft um mich, schütze mich vor der schneidenden Kälte.
,,Es tut mir leid...", murmelte ich leise, gerührt von der liebevollen Gest.
Er erwiderte nichts, zog seine Flügel aber enger um mich.
,,Wo wirst du hingehen?" Seine Frage war kaum mehr als eine leichte Schwingung, nur wahrnehmbar durch seine Nähe zu mir.
Ratlos zuckte ich mit den Schultern. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Zwar hatte ich während meiner Zeit am Frühlingshof immer herbeigesehnt, weggehen zu dürfen, aber wohin genau hatte ich mir nie ausgemalt.
,,Sag mir, wenn du es weißt." Azriel zog seine Flügel wieder an sich, faltete sie ordentlich hinter seinem Rücken zusammen.
Knapp verneigte er sich vor mir, schenkte mir ein leises Lächeln. ,,Dann komme ich dich besuchen."
Mit einem kräftigen Sprung schwang er sich in die Luft und flog in die Stadt, sein Blick starr geradeaus gerichtet. Ich sah ihm nach, bis er in den Wolken verschwand, bis er nichts als ein Schatten in der Nacht war.
Dann erst verließ ich den Balkon, machte mich auf den Weg in meine Gemächer.
Diesmal musste ich das Licht nicht krümmen, die Dunkelheit verschluckte mich mit meinem schwarzen Haar und meiner nun dunklen Kleidung beinahe vollkommen.
Als ich leise Stimmen hörte, blieb ich abrupt stehen.
Jemand kam auf mich zu, aber im Moment war ich nicht in der Stimmung für ein abendliches Gespräch. Also stellte ich mich nah an die Wand und wob die Nacht enger um mich, leitete das wenige Licht im Raum auf eine andere Stelle. Je mehr ich meine Gabe benutzte, desto leichter fiel es mir, sie zu kontrollieren. Sie schien mit mir zu wachsen. Ich spürte, wie ich wieder kräftiger wurde, wie ich mich erneut auf sie verlassen konnte. Die Stimmen wurden lauter und endlich sah ich auch, wem sie gehörten.
Die Hexe lief mit Yrene und Hasar die Gänge entlang, bewacht durch eine zierliche Person mit kurzem schwarzen Haar und silbernen Augen.
,,Und du weißt, wie wir zurück kommen?", fragte Manon Amren skeptisch, ihre Krallen ausgefahren. Amren hob bloß eine Braue, als wäre diese Frage keine Antwort wert.
,,Vielleicht können wir sie unterstützen, damit ihr mehr Macht zur Verfügung steht.", schlug Yrene vor, aber Hasar schnaubte bloß.
,,Ich gebe keiner Fremden etwas von meiner Stärke ab, damit sie ihren eigenen Fehler wieder gutmachen kann."
Sie redeten über mich. Ich war die Fremde. Vermutlich wussten sie nicht einmal meinen Namen.
,,Das Mädchen hat genug Macht, um euch alle wieder zurück zu bringen.", sagte Amren mit schneidender Stimme. ,,Ich werde ihr helfen, sie zu finden. Und ihr werdet schweigend dabei zu sehen. Setzt ihr sie unter Druck, schicke ich euch höchstpersönlich in das Gefängnis, in dem ich einst war." Ihre Augen blitzen gefährlich. Auch wenn die anderen nicht wussten, was das Gefängnis genau war, ließ Amren keinen Zweifel daran, dass sie, einmal darin gefangen, nie wieder hinauskämen.
Aber Manon lächelte bloß träge und fuhr sanft mit einer Kralle über Amrens Unterarm.
,,Das will ich sehen."
Wie ein Raubtier auf dem Sprung zeigte Amren grinsend ihre Zähne.
,,Morgen bei Sonnenaufgang auf dem Trainingsplatz. Und wehe, du setzt meine Stadt in Brand."
Yrene und Hasar tauschten einen ungläubigen Blick, ich lächelte leicht.
Als die kleine Gruppe sich unter der Aufsicht von Amren weiterbewegte, verschwand ich schnellen Schrittes in meine Gemächer.
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Mareile
FanfictionHallo! Wenn ihr Das Reich der sieben Höfe auch so sehr mögt wie ich, dann seid ihr hier richtig. Ich werde ein Crossover zwischen Dem Reich der sieben Höfen und Throne of Glass schreiben. Lest meinen Fan Fiction, hasst sie, liebt sie, verliert euch...
