10 - Im Zeichen der Schuld

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Jeden Abend, nachdem Shays Großmutter, die im Übrigen das Sorgerecht für ihre Enkelin erhalten hat, eingeschlafen ist, schleichen sich die Brünette und ich gemeinsam in die Finsternis der Nacht.

Tatsächlich hilft mir die Braunäugige dabei, in andere Häuser einzubrechen und Wertgegenstände zu entwenden. Im Gegenzug begleite ich sie zu ihren Therapiesitzungen bei Doktor Morrison, damit sie lernt, die grausamen Taten ihres Vaters zu verarbeiten.

Shay und ich sind ein gutes Team – das wurde mir in den vergangenen Wochen oft genug vor Augen geführt.

Ein Seufzen entflieht meinen Lippen, als ich einen Blick auf meine alte Armbanduhr wage.

Shay hätte schon vor fünf Minuten bei mir sein sollen. Wo bleibt sie bloß?

Damit wir die Häuser schneller nach Wertgegenständen durchsuchen können, teilen wir uns auf. Nach exakt sieben Minuten treffen wir uns dann wieder an unserem Ausgangspunkt und verlassen gemeinsam unseren Tatort.

Im Laufe der Zeit hat sich zu meiner großen Überraschung herausgestellt, dass Shay ein Naturtalent ist, was das Klauen angeht. Ob ich mich über diese Tatsache freuen oder doch lieber sorgen sollte, weiß ich nicht so genau.

„Komm schon, Shay", murmele ich leise, während ich ungeduldig die goldenen Zeiger meiner Armbanduhr verfolge. Es ist das erste Mal, dass die Brünette nicht pünktlich ein Haus verlässt.

Ob sie wohl erwischt wurde?

Unverzüglich breitet sich eine unangenehme Gänsehaut auf meinem Körper aus. Ich würde es mir niemals verzeihen, wenn Shay bei einem unserer Einbrüche gefasst werden sollte.

Mit rasendem Herzen umrunde ich die riesige Villa und leuchte mit meiner Taschenlampe durch die Fenster. Sowohl von Shay als auch von den Bewohnern des Hauses fehlt jede Spur.

Ich spiele schon mit dem Gedanken, zurück in den Wohnkomplex zu stürmen, als ich plötzlich eine Bewegung im Augenwinkel wahrnehme.

„K-Ky-Kylan." Ohne mich umzudrehen, weiß ich ganz genau, wem diese zitternde Stimme gehört.

„Shay!"

Erleichtert und besorgt zugleich laufe ich auf die Brünette zu und ziehe sie hastig in meine Arme. Erst jetzt bemerke ich, wie verspannt sie ist und dass leise Schluchzer ihre Lippen verlassen.

„Was ist passiert?", möchte ich alarmiert wissen.

Shay weinen zu sehen, bricht mir das Herz.

„Kann ich dir irgendwie helfen?"

Als würden meine Worte bloß alles schlimmer machen, schüttelt meine Gegenüber wild mit dem Kopf. Immer mehr Tränen kullern über ihre Wangen und verfangen sich in ihren Lippen, sodass sie irgendwann hektisch nach Luft schnappen muss.

„Beruhige dich", murmele ich. „Alles ist gut."

Anstatt mir zu antworten, greift Shay schließlich nach meiner Hand und zerrt mich von dem Grundstück der riesigen Villa. Schweigend und besorgt zugleich folge ich ihr in eine dunkle Gasse.

„Du machst mir ehrlich gesagt Angst, Shay. Was ist passiert?", offenbare ich ihr meine Gedanken. Je länger mich meine Gegenüber anschweigt, umso unruhiger werde ich.

Das brünette Mädchen würde niemals grundlos weinen – dafür kenne ich sie mittlerweile zu gut. Es muss also etwas Grausames vorgefallen sein.

„I-Ich-" Mehr als ein Wort bringt die Braunäugige nicht über die Lippen, ehe ihre Stimme abbricht und von kläglichen Schluchzern davongetragen wird. Da ich mir aktuell nicht anders zu helfen weiß, schließe ich sie erneut in meine Arme und streichele ihr tröstend über den Kopf.

Der Dieb der HerzenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt