1 - Im Schatten der Dunkelheit

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In meinem Leben gibt es genau einen Menschen, für den ich alles tun würde.

Für diese Person würde ich ohne zu zögern sterben. Ich würde für sie eine Kugel abfangen. Würde mir für sie ein Messer ins Herz stechen lassen. Selbst bei lebendigem Leibe würde ich für sie verbrennen.

Dieser Mensch mit den blonden Engelslocken und den himmelblauen Augen ist mir wichtiger als mein eigenes Leben.

Wer dieser Mensch ist?

Weya Jones - meine kleine Schwester.

Weya ist vor zwei Tagen acht Jahre alt geworden, womit sie ihre Lebenserwartung bereits um ein Jahr übertroffen hat. Der Krebs, der ihren Körper von innen zerfrisst, wird von Sekunde zu Sekunde stärker. Wenn sie nicht bald eine weitere Chemotherapie bekommt, erliegt sie in nur wenigen Wochen dem Tod.

Ich weiß, dass ich diese Gedanken nicht haben sollte, doch ich wünschte, nicht Weya, sondern ein anderer Mensch würde an Leukämie leiden. Meine Schwester hat diesen Schmerz nicht verdient.

„Wo gehst du hin, Kylan?", fragt mich Weya schläfrig, als ich meine Beine über die Bettkante schwinge. Wie jeden Abend habe ich dem kleinen Engel eine Gute-Nacht-Geschichte vorgelesen und dann darauf gewartet, bis sie in meinen Armen einschläft. Anscheinend war die Blondine aber noch nicht im Tiefschlaf, denn sonst hätte sie meinen Fluchtversuch nicht bemerkt.

„Ich muss nochmal kurz nach draußen", antworte ich nach einer Weile. „Du kannst schon mal weiterschlafen, Prinzessin. Ich bin bald wieder da." Um meine Schwester zu beruhigen, hauche ich ihr einen sanften Kuss auf die Stirn und schenke ihr danach ein Lächeln.

Kurz scheint es, als würde Weya mit dieser Aussage zufrieden sein, doch dann hakt sie mit gerunzelter Stirn nach: „Möchte Mama wieder, dass du rausgehst?" Kaum hat sie ihre Frage laut ausgesprochen, bilden sich Tränen der Angst in ihren wunderschönen Kulleraugen. „Geh bitte nicht, Kylan!"

Es zerreißt mir das Herz, meine Schwester so ängstlich zu sehen.

So sehr ich auch bei ihr im Bett bleiben möchte, ich kann nicht. Wir brauchen dringend Geld, damit Weya endlich ihre Chemotherapie bekommt.

„Es dauert nicht lange, Prinzessin. Versprochen!"

Ich drücke die Blauäugige noch einmal kurz an mich, ehe ich aus dem Bett krabbele, ihr Kinderzimmer verlasse und in den Flur schleiche. Obwohl Mum von meinen nächtlichen Ausflügen weiß, möchte ich sie nicht wecken. Sie hat ohnehin schon alle Hände voll zu tun, weshalb ihr der Schlaf guttut.

Mit den Gedanken bei meiner Mutter schlüpfe ich in meine Sneaker und ziehe mir die schwarze Kapuze meines Hoodies tiefer in die Stirn.

Jetzt wird es ernst!

Ich war schon lange nicht mehr draußen und wünschte, dass das auch so bleiben würde, nur leider habe ich keine andere Wahl.

Für Weya tue ich alles!

Als ich in dem Schatten der Dunkelheit untertauche, schneidet sich die kühle Nachtluft beißend in meine Haut und wirbelt wie ein Tornado durch die Gedanken in meinem Kopf.

Da ist dieser Zwiespalt in mir, der mich an meinem Vorhaben zweifeln lässt. Ich weiß nämlich ganz genau, dass das, was ich tue, falsch ist, doch manchmal führt leider nur der falsche Weg zum Ziel.

Oder?

Bevor ich im letzten Moment doch noch einen Rückzieher machen kann, straffe ich meine Schultern und eile schließlich mit zügigen Schritten durch die Finsternis.

Die Erinnerungen an Weyas traurigen Blick und die verschwommene Erkenntnis, dass es eventuell schon zu spät sein könnte, begleiten mich auf dem Weg in das Viertel der Reichen.

Der Dieb der HerzenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt