Kapitel 3.5

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Als die Sonne am Horizont ihre Strahlen auf die gefrorene Erde erstreckte und ihre wärmenden Hände auf den Grund legte, schien die Welt aus ihrem Tiefschlaf zu erwachen. Die große Truhe, die ich dicht an das Bogenfenster geschoben hatte, nachdem mich die schlaflosen Stunden schon gar verrückt gemacht hatten, diente nun als Sitzecke um den Naturspiel zuzusehen. Das Heimweh schien mich innerlich zerfressen zu haben und machte mir das Herz schwer. Ich spürte das starke Gewicht in meiner Brust. Es war schwer stark zu bleiben, nicht in der Trauer unterzugehen. Trauer über das verlorene. Immer war die innere Stärke dagewesen, hatte mir Mut gegeben. Doch hatte auch sie mich jetzt verlassen.

Immer mehr stellte sich mir die Frage, ob ich mich hier aufgab. Vielleicht lernen musste, jemand anderes zu sein um dies hier zu überstehen. Würde ich ausreichen?

Menschen liebten mich. Die alte Ana. Meine Charakterzüge die mich ausmachten und nun wie ein Winterschlaf sich zur Ruhe gesetzt hatten. Würden sie mich wiedererkennen, wenn ich nach Hause kommen würde?

Vielleicht würde der liebevolle Blick, dem unsicheren weichen. Hatte das Schicksal mein Leben und meine Liebsten nun gänzlich auf eine Karte gesetzt und auseinandergerissen?

Was passierte, wenn ich verlor?

Es war ein zu hoher Einsatz, den ich nicht setzen wollte. Und doch lag er nun unverhohlen im Pott. Die Tränen ließen sich bei den Gedanken daran nicht mehr hindern. Von den Sonnenstrahlen gesehen, wandelten sie sich in funkelnde Diamanten auf meiner Wange.

Wann nur würde dieser Alptraum hier enden?

Nie könnte das mein zu Hause werden. Nie würde ich mich heimisch oder aufgehoben fühlen. Den ganzen gestrigen Tag hatte ich damit zugebracht, Menschen aus dem Weg zu gehen. Ich wollte mich nicht weiter dieser Fars aussetzen. Mir irgendwelche sinnlosen Dinge ausdenken und mich in einem Gestrick aus Lügen wiederfinden. Der trotzige Teenager war emporgekommen und suchte seine Ruhe. Wenn auch nur etwas oder irgendjemand ihn dabei stören sollte, würde er sich bereit machen, in ein verbales Gefecht zu gehen. Meine Nerven ertrugen es gerade nicht, sich mit irgendwelchen sonderbaren Gestalten zu befassen. Genug hatte ich mit mir zu tun. Vielleicht war heute der Tag der Tage, an dem ich verrückt werden würde und nun gänzlich den Verstand verlor. Vielleicht stand das unmittelbar bevor und ließ sich nicht mehr aufhalten. Wer weiß, ob es mir dann nicht damit besser gehen würde. Ein vernebelter Verstand konnte die schmerzenden Wunden lindern und vergessen lassen. Doch wollte ich vergessen?

Wollte ich wirklich meine Erinnerungen, die mich schufen und die mein Herz mit Liebe füllten, wirklich verlieren?

Vermutlich dachte die Mehrheit hier sowieso schon, dass sie es mit einem labilen Menschen zu tun hatten, dessen Wahnvorstellungen, Vernunft und Wissen mit sich nahmen.

Immer noch versuchte ich akribisch die Gedächtnislücke zu füllen.  Das fehlende Puzzelteil wieder zusammenzufügen. Doch nur die schwarze Leere, legte sich wie die Blindheit auf den Augen nieder. Da war nichts, nichts was mir half, den Sinn dieses ganzen zu verstehen. Ich wusste, dass ich zuletzt hier gewesen war. Entspannung finden wollte an den Klippen und der alten Ruine Irlands. Doch was war geschehen, dass der schützende Ort, der mir so viel Geborgenheit gegeben hatte, ein Schauplatz für meinen Tod geworden war. War ich denn tot?

Lebte vielleicht der Geist dieser Frau nun in meinem Körper?

Ging es ihr vielleicht genauso wie mir?

Gefangen in einer Zeit, in der man nicht hingehörte?

Wieder war die Hilflosigkeit zum greifen nahe. Niemand war hier, den ich fragen konnte. Niemand würde mir helfen können, dieses Schicksal rückgängig zu machen. Immer realer wurde diese Gewissheit, doch die damit drohende Angst stumpfte nicht ab.

Geister der SeeleWo Geschichten leben. Entdecke jetzt