Die Schattenseiten einer Begabung

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Ich weiß, dass ich Glück habe. Es ist seltsam, das zu schreiben. Was soll das werden, eine Rechtfertigung? Und ist das hier ein Witz oder warum die Pointe?
Das hier ist ernst gemeint. Es geht darum, warum es nicht immer gut ist, Glück zu haben und wie ich das auf die harte Tour lernen musste.

Ich hatte eigentlich immer gute Noten, das muss ja so gewesen sein, auch wenn es mir in meinen Erinnerungen aus der Grundschule nicht so vorkommt. Ich erinnere mich hauptsächlich an Referate, darin war ich immer schlechter. Ich dachte gute Noten wären selbstverständlich, wahrscheinlich bis ich aufs Gymnasium kam, anders als mein Geschwister und meine beste Freundin. Aber auch auf dem Gymnasium hatte ich fast immer gute Noten, manchmal kamen aber auch schlechtere vor. Ich dachte trotzdem das wäre einfach so. Habe immer nach Leuten gesucht, die so waren wie ich. Ich musste lange nicht lernen, weil ich einfach alles verstanden habe, was aber nicht immer von Vorteil war. Bessere Noten bedeuteten auch mehr Druck.

Ich weiß, dass das hier jammern auf hohem Niveau ist, dass ich mich hier gerade unbeliebt mache, aber ich will euch zeigen, was mit diesen Leuten passiert, die immer alles zu können scheinen — ich war eine davon.

Am Anfang, da war es natürlich schön und leicht. Alles hat geklappt. Aber perfekt war es trotzdem nie. Ich erinnere mich daran, wie oft mich jemand in der fünften Klasse als Streber bezeichnete. Ich erinnere mich daran, wie enttäuscht ich war, wenn ich keine Eins hatte. Wie sehr ich bei meiner ersten Vier weinte. Bei der zweiten wieder. Gab es eine dritte in diesem Jahr, ich weiß es nicht mehr. Aber es wurde besser.
Die nächsten zwei Jahre war ich Klassenbeste. Ich war auf einem Höhenflug, aber meine Psyche stürzte ab. Ich musste keinen Finger rühren – noch nicht.

Aber nicht alles bleibt immer intuitiv. Und als es das nicht mehr war, stürzte ich ab. Über die erste Sechs lachte ich. Sie war keine Gefahr und das wusste ich. Aber ich weiß, wie mein Vater sagte, er sei nicht enttäuscht, nur überrascht. Ich hasste es. Alles, was ich sagte, stieß überall auf Unverständnis. Ich hatte mich nie anstrengen müssen und wusste nicht, wie das geht. Man sagte mir nur ich müsse es tun. Es war, als hätte ich Flügel gehabt und sie seien mir genommen worden. Ich konnte fliegen, aber dann landete ich und schaffte den Absprung nicht.

Ich war nie schlecht, zumindest nicht insgesamt, höchstens in einzelnen Fächern. Es war nie gefährlich, aber ich zerbrach daran, dass ich meinen hohen Standard nicht halten konnte und war währenddessen allein. Allen anderen schien zu gelingen, was ihnen immer gelungen war. Nur ich stürzte ab in einem rasenden Sinkflug. Zu gut, zu schlecht und niemand wollte verstehen, dass ich nicht anders konnte.

Und dann musste ich die Arbeit schreiben, die sich nicht von selbst schrieb, wie viel ich auch dachte und verstand. Ich hatte Angst. Es musste doch perfekt sein und wenn ich das nicht konnte, warum dann überhaupt etwas tun? Mein Gehirn streikte und beinahe hätte ich damit alles zerstört.

Und wieder und wieder die gleichen Fragen. Warum tust du das? Was ist passiert? Du kannst das doch. Nein. Einmal schrieb mir eine Lehrkraft, ich solle anfangen, Arbeitsaufträge zu schicken oder ihr sagen, was los sei, sonst würde sie meine Eltern anrufen. Ich schickte die Arbeitsaufträge. Niemand durfte erfahren, was der Grund war.

Die Wahrheit war, ich konnte nicht anders, kann es immer noch nicht. ich war zu müde, hatte keine Kraft, wusste nicht, wie. Ich war enttäuscht. Sogar für mein Matheabitur, auf das es ankam, bei dem ich nicht darauf hoffen konnte, gut zu sein, lernte ich nicht auch nur fünf Minuten lang. Nur für die beiden mündlichen Abiturprüfungen. Ich hatte so unverschämt viel Glück. Ich gehöre in die Schule. Aber dadurch, dass ich damals alles konnte, blieb ich immer hinter meinen Möglichkeiten zurück, weil ich nicht lernte, mich anzustrengen. Ein Fluch und ein Segen zugleich. Und da der große Schlag nie kam, änderte ich auch nichts. Ich zerbrach nur an meinem eigenen Druck, unfähig, anders zu handeln.

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Ein älterer Text, den ich jetzt auch einmal beendet und veröffentlicht habe. Danke an _lesesxchti_ fürs Erinnern. Schaut gerne bei ihr vorbei, sie hat am Freitag auch ein paar Dinge veröffentlicht.
Und bleibt dran, ich werde heute wohl noch ein paar Dinge veröffentlichen, aber Wattpad scheint ein Problem mit Benachrichtigungen zu haben.
Kat ^-^

AloneWo Geschichten leben. Entdecke jetzt