Niemand
Fiona stand ratlos vor dem geöffneten Kleiderschrank in ihrem Zimmer. Was zog man zu so einem Klassentreffen an? Sie wollte weder overdressed, noch underdressed dort aufkreuzen. Sie konnte sich nicht vorstellen, was von den beiden Optionen schlimmer gewesen wäre.
In der Schulzeit trug sie lieber weite Kleidung, die ihre Körperform gut versteckte. Dabei gab es dafür, rückblickend betrachtet, nie einen Grund. Sie hatte eine tolle Figur, auch damals schon. Die richtigen Kurven an der richtigen Stelle. Trotzdem wollte sie ihren Körper nie zur Schau stellen. Sowieso war sie damals nicht das typische „Mädchen-Mädchen" gewesen. Sie hing lieber mit den Jungs ab, fuhr Skateboard und rauchte heimlich in den Pausen hinter dem Schulgebäude. Ihren Eltern passte die rebellische Phase ihrer Tochter so gar nicht. Ihrer Mutter, Lehrerin für Deutsch und Geschichte am Leibniz-Gymnasium und ihrem Vater, hoch angesehener Chefarzt in der Charité, war es sowieso schon ein Dorn im Auge gewesen, dass ihre Tochter nicht auf ein Gymnasium, sondern nur auf eine Gesamtschule ging. Das, und die Art und Weise wie Fiona sich verhielt und kleidete, sorgte im Hause Beck für viel Ärger.
Wer hätte gedacht, dass das Skater Girl von damals heute eine, mehr oder weniger erfolgreiche, Modedesignerin werden würde? Vermutlich nicht einmal sie selbst. Auch ihr Kleidungsstil hatte sich stark verändert. Wenn sie draußen unterwegs war, kleidete sie sich sehr feminin. Meist trug sie eng anliegende Röcke oder Kleider, es durfte aber auch gerne mal etwas casual chic sein. Skinny Jeans, eine schicke Bluse, ein Blazer und High Heels. Zuhause trug sie trotzdem noch ab und an ihre alten Bandshirts und zerrissene Jeans. Zuhause war der einzige Ort, an dem sie sein konnte, wie sie wirklich war. Wenn sie niemand sah, außer Lara.
Fiona zog ein königsblaues, schlichtes Etuikleid aus ihrem Schrank, drehte sich nach rechts, vor ihren 2 Meter hohen Spiegel, und hielt sich das Kleid vor die Brust. Die Farbe stand ihr. Es schmeichelte ihrem, doch recht kühlen, Hautton und passte perfekt zu ihren blond gesträhnten Haaren. Ohne groß weiter in ihrem Schrank zu wühlen, entschied sie sich für das Kleid in Kombination mit einem Paar goldener Creolen, der Kette ihrer Großmutter aus echtem Gold, die sie sowieso nie abnahm und schwarzen High Heels. Ihr Make-Up vom Morgen saß noch. Alles, was sie noch auftrug, war ein dezenter Lipgloss, der ihre voluminösen Lippen noch voller wirken lies.
„Bist du soweit?" fragte Lara, die hinter der Tür zu Fionas Zimmer hervor lugte.
„Ich denke schon, ja." antwortete diese und legte sich ihre lockige Mähne zurecht. Noch zwei kleine Spritzer ihres Lieblingsparfüms, dann drehte sie sich zu Lara um.
„Schau nicht so unsicher. Du siehst klasse aus!" machte ihre Mitbewohnerin deutlich. „Denkst du, die werden dich wieder erkennen?"
„Ich hoffe nicht." murmelte Fiona und legte sich ihre dunkle Lederhandtasche um die Schulter.
Das Taxi kam vor dem Gittertor der Clay-Schule zum stehen. Wie ferngesteuert stieg Fiona aus dem Wagen, während ihre Freundin dem Fahrer 30€ mit den Worten „Stimmt so." in die Hand drückte. Sie sah sich um. Das große, graue Gebäude hatte sich in den letzten, gut 15 Jahren nicht verändert. Die Müllcontainer standen noch immer an der selben Stelle, nur die Büsche drum herum wirkten gepflegter, weniger verwildert als damals.
„Wir sind Schule der Vielfalt." las Lara laut von dem großen Plakat vor, welches am eisernen Zaun befestigt war.
„So kann man es auch ausdrücken." lachte Fiona und dachte dabei an die vielen Araber, Türken, Kurden und Kubaner, mit denen sie sich damals die Schulflure teilte. Die wenigen Deutschen, die mit ihr auf diese Schule gingen, konnte sie an zwei Händen abzählen. Was auch okay war. Sie war in Neukölln aufgewachsen und es gewohnt, als Deutsche eher die Ausnahme als die Regel zu sein. Meistens waren die „Kanaks", wie sie sich selber nannten, sowieso Cooler als die spießigen Deutschen, die sie so kannte.
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Überwiegend Macho (Felix Lobrecht FF)
FanficFiona ist 32 Jahre alt, gelernte Modedesignerin und aufgewachsen zwischen Junkies und Plattenbausiedlungen. Sie selbst kommt aus gutbürgerlichen Verhältnissen. Anders, als ihre ehemaligen Klassenkameraden, von denen sie dachte, sie nie wieder sehen...