Anpassen

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„Übrigens, hast du die Mail bekommen, die ich dir geschickt habe? Über die Entwürfe, die ich ganz nice fand?" fragte Felix.

„Mhm." machte Fiona, bevor sie den letzten Bissen runterschluckte. „Habe ich bekommen, ja. Hatte aber noch keine Zeit, genauer reinzusehen. War da also was bei, was dir zugesagt hat?"

„Naja, im Grunde ist es ja deine Kollektion, da hab ick nich' viel zu melden. Ich habe Stücke rausgesucht, von denen ich denke, dass sie sowieso zu deinen Favoriten gehören." erklärte er.

„Ach ja?" fragte sie überrascht. „Okay, jetzt bin ich gespannt." Schnell stand sie auf und holte ihr Handy zum Tisch, welches noch auf der Küchenablage lag.

Patrick: Lust zu telefonieren? 😘

Fiona las die Nachricht auf ihrem Sperrbildschirm und sah prüfend zu Felix hoch, der sie mit seinen blauen Augen erwartungsvoll anblickte.

„Und?" fragte er.

„Moment." murmelte sie.

Fiona: Tut mir Leid, habe noch Besuch. Werde es heute nicht mehr schaffen. Ich melde mich Morgen.

Ohne groß darüber nachzudenken, drückte sie auf senden. Dann öffnete sie die Mail, die Felix ihr gestern geschickt hatte und schaute sich überrascht die ausgewählten Werke an.

„Krass." nuschelte sie.

„Was?" fragte Felix.

„Das sind größtenteils alles Entwürfe von früher. Meinste nicht, die sind zu old school?"

„Nö, wieso denn? Ich find die fresh." antwortete er. „Außerdem sind die alle Unisex. Darauf setzen wir gerne."

„Okay." sprach sie überrascht. „Ja cool, dann lass uns das durchziehen."

Patrick: Besuch? Von wem?
Fiona las die Nachricht, die rein kam und rollte unauffällig mit den Augen.

„Allet klar, wir ziehen das durch." grinste Felix.

Ohne auf Patricks Nachricht zu antworten, nahm sie ihr Handy und legte es wieder zurück auf die Küchenablage.

„Ich find das cool." sprach er aus dem Kontext gerissen.

„Was findest du cool?"

Felix schluckte noch den letzten Bissen seines Sushiröllchens herunter, bevor er antwortete. „Das du dich dazu entschlossen hast, das zu kreieren, was du wirklich fühlst. Dein Job muss dir Spaß machen, grade wenn du kreativ bist, sonst wird das nüschts."

„Ich weiß." seufzte sie. „Glaub mir, am Liebsten würde ich nur so Streetstyle entwerfen."

„Und warum tust du es nicht?" fragte er.

„Weil das nicht so einfach ist. Wie ich dir schon erklärt habe, die Leute haben andere Erwartungen an mich."

„Na und? Fuck' em." erzürnte sich Felix. „Ich hab' auch nie gemacht, was andere von mir erwartet haben. Am Anfang meiner Karriere haben mir alle gesagt, ich muss in's Fernsehen, weil ich anders nicht gesehen werde. Ich hatte aber keinen Bock auf die Scheiße, also hab' ich's nicht gemacht. Fertig. Selbst als ich noch nicht wusste, wie ich sonst dahin kommen soll, wo ich hin wollte. Ich hatte ne Vision und ich wusste, was ich will und was ich nicht will und es hat geklappt."

„Das klingt so einfach, wenn du es sagst." murmelte Fiona.

„War's aber nicht." entgegnete er. „Weißt du, in wie vielen Dreckskäffern ich auftreten musste? Was für komische Auftritte ich hatte, auf denen ich nur gebombt bin, bevor es dann endlich mal lief? All das, Weil ich nicht den vermeintlich einfachen Weg gegangen bin. Ich schwör's dir, hätte ich das alles nicht gemacht, wäre ich heute nicht mal halb so erfolgreich und weißt du warum?"

„Warum?"

„Weil ich immer gescheitert bin, wenn ich versucht habe, mich anzupassen."

„Mhm." machte Fiona.

„Und genau das tust du. Dich anpassen. Diese teuren Kleider, die 12 cm Absätze, die blondierten Haare, die perfekt geschminkten Lippen, das bist doch nicht du." seufzte er. Es schien, als hätte ihm das schon eine ganze Weile auf der Seele gebrannt und er hatte nur auf den richtigen Augenblick gewartet.

„Eigentlich kennst du mich kaum. Woher willst du wissen, wer ich bin?" fragte Fiona.

„Habe ich denn unrecht?" antwortete Felix mit einer Gegenfrage, die sie leicht aus der Bahn warf.

„Nein." gestand sie. Sich und ihm.

„Siehst du. Genau deswegen habe ich dir angeboten, dein Zeug über 12k zu verkaufen. Du wirst nie glücklich mit dem sein, was du tust, wenn du das, was du tust, immer nur für andere machst."

Die beiden sahen sich an. In Felix' Augen spiegelte sich so viel Enthusiasmus und Hoffnung, wie Fiona es schon lange nicht mehr selber gespürt hatte.

„So, und jetzt zieh dich um. Ich will dich hier in spätestens zwei Minuten in Jogginghose und Bandshirt sehen, verstanden?" grinste er.

„Echt jetzt?" fragte Fiona überrascht.

„Ja! Kannst mir nich' erzählen, dass dit jemütlich is, was du da trägst. Mach dich mal locker."

„Ehm, okay." ein wenig verunsichert stand sie vom Tisch auf. Im Türrahmen blieb sie kurz stehen, drehte sich noch einmal zu Felix um und sah ihn prüfend an.

„Geh jetzt! Oder muss ich dich selber ausziehen?" beschwerte er sich.

„Ich geh ja schon!" rief sie, während sie durch den Flur huschte.

Es war ein komisches Gefühl, diese Art von Klamotten zu tragen, wenn sie nicht alleine oder nur mit Lara zuhause war. Patrick fand die Kleider an ihr immer wunderschön. Wenn es nach ihm ginge, sollte sie am Besten nur so herumlaufen.

„Geht doch." begrüßte sie Felix zurück im Wohnbereich. Er grinste breit. „Besser, oder nicht?"

„Ja, besser." lächelte Fiona.

„Jetzt fühl ick mich auch nicht mehr so underdressed." lachte er und sah an sich herunter.

„Brauchst du nicht. Du siehst gut aus." merkte sie an und musterte ihn.

„Du auch." grinste Felix. Die beiden tauschten ein paar intensive Blicke aus, bis er sich räusperte und seinen Blick senkte. „So, rauchen?"

Fiona nickte. „Hey, ich habe eine Idee." erklärte sie. „Warte kurz."

Schnell lief sie in ihr Zimmer, um nur einen Moment später mit einem kleinen Tütchen zurück zu kommen.

„Hat mir Lara heute gegeben. Was sagst du? Der guten, alten Zeiten zu Liebe?" fragte sie und wedelte damit vor Felix' Gesicht herum. Er grinste.

„Eigentlich mach ich das nich' mehr."

„Ich auch nicht." entgegnete Fiona. „Könnte also lustig werden."

„Na gut, aber ich drehe. Es sei denn, deine Drehkunst hat sich in den letzten 12 Jahren deutlich verbessert." sprach er.

„Hat sie nicht." lachte sie.

„Jut, dann gib mal her." lachte Felix ebenfalls und Fiona drückte ihm das Tütchen mit Gras in die Hand.

Überwiegend Macho (Felix Lobrecht FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt