Appetit

1K 36 2
                                    

Appetit

Ey Dicker, ist das Patrick da mit Fiona?" Mike trat zu Felix, der beobachtete, wie die beiden sich unterhielten. Er sah, wie Fiona lachte. So heftig, dass sie den Kopf in den Nacken schmiss. Dabei setzten sich die typischen Grübchen auf ihren Wangen ab.

„Yo." antwortete Felix und nahm einen Schluck aus seinem Becher.

„Der beißt sich jetzt wahrscheinlich auch in den Arsch dafür, sie damals nicht weggeflankt zu haben." lachte Mike. „Oder? Die ist schon hot jetzt."

„Alter, du bist verheiratet." entgegnete Felix vorwurfsvoll. „Lass das ma' lieber nich' Lisa hören."

„Ich mein' ja nur. Appetit kann man sich holen, gegessen wird Zuhause. Kennst doch den Spruch."

„Mhm."

„So wie du die beiden beobachtest, könnte man fast meinen, dass du dir bei der Kleenen nicht nur Appetit holen wolltest." Mike stupste Felix mit seinem Ellenbogen gegen den Arm. „Hat sie dich abserviert?"

„Was laberst du da?" fragte Felix genervt. „Ich hab' mich einfach nur mit ihr unterhalten."

„Scheinst ein langweiliger Gesprächspartner gewesen zu sein, wenn sie dich hier einfach stehen gelassen hat."

„Ach, kennst sie doch. Hat wieder rum gezickt, genau wie damals." erklärte er. „Pferdemädchen halt."

„Yo, hätte ich gewusst wie scharf die mal wird, hätte sie auch gerne mal ne Runde auf mir reiten dürfen." lachte Mike und Felix verdrehte die Augen.

„Allet klar, das war mein Stichwort. Ick verzieh mich jetzt."

„Wie? Du willst schon gehen?" Mike schien enttäuscht.

„Hab Morgen einen langen Tag vor mir." sprach Felix. "Macht ihr euch noch einen schönen Abend und grüß Lisa später von mir." Er schlug Mike zum Abschied ein paar Mal auf die Schulter, dann verließ er den Raum.

„Oder, weißt du noch, als wir bekifft auf dieser riesigen Schaukel auf dem Spielplatz beim Naturtheater lagen? Wir haben zwei Stunden darüber diskutiert, ob die Wolke, die über uns flog, aussah wie ein Wal oder wie ein heulender Wolf." lachte Fiona.

„Ich frage mich bis heute, wie du darin einen Wal erkennen konntest." entgegnete Patrick, ebenfalls lachend.

„Weil es einer war! Definitiv."

„Na gut. Bevor wir diese Diskussion nochmal führen, knicke ich ein und gebe dir Recht." erklärte Patrick grinsend.

„Besser spät als nie." entgegnete Fiona.

Die beiden sahen einander an. Es waren so viele Jahre vergangen und doch, wenn Fiona ihm in die Augen sah, fühlten sich ihre Beine wieder an wie Wackelpudding. Als würde sie jeden Moment den Halt verlieren. Als wäre sie wieder 14.

„Was war das da vorhin eigentlich mit dem Lobrecht?" fragte er sie.

„Was meinst du?"

„Ist der Hass auf ihn über die Jahre verflogen?" grinste er.

„Achso." nickte Fiona. „Nee. Ich kann den immer noch nicht leiden. Er hat mich einfach angequatscht und ich bin ihn nicht mehr los geworden."

„Verstehe. Dann war ich quasi dein Retter in der Not?" Patricks Lächeln wurde breiter.

„So ungefähr, ja." entgegnete Fiona.

„Sag mal..." Patrick trat einen Schritt näher auf Fiona zu. „Hättest du Lust, mit mir von hier zu verschwinden? Ist doch ein bisschen laut hier und ich würde es bevorzugen, wenn wir uns in Ruhe unterhalten könnten. Du weißt schon, um der alten Zeiten willen."

Fionas Herz raste. So wie er sie grade ansah, hatte er sie zuvor noch nie angesehen. Was ein bisschen Make-Up, eine Blondierung und ein hautenges Kleid so ausmachen konnten.

„Klar. Ich müsste aber erst noch Lara fragen, ob das in Ordnung ist. Wir sind zusammen hier und ja... wäre blöd von mir, dann einfach abzuhauen."

„Natürlich, mach ruhig." erwiderte er.

Fiona nickte und sah sich um. Sie erkannte Laras rotes Kleid in der Menge und lief schnellen Schrittes auf sie zu.

„Lara?" rief sie der Musik entgegen.

„Oh hi! Hast du dich entschieden, doch zu tanzen?" fragte diese euphorisch.

Fiona schüttelte den Kopf. „Wäre es okay für dich, wenn ich hier abhaue? Patrick und ich würden uns gerne noch ein bisschen alleine unterhalten."

„Aha." grinste ihre Freundin. „Na klar, Süße. Geh ruhig. Hab Spaß."

„Danke!" rief Fiona und Lara zwinkerte ihr vielsagend zu.

„Wir können los." nickte Fiona Patrick zu, als sie wieder bei ihm angekommen war.

Die Musik um sie herum wurde leiser, je weiter sie sich im Flur von dem Raum entfernten. Um ihre Nervosität zu unterdrücken, konzentrierte Fiona sich auf das Klappern ihrer Absätze auf dem Boden. Als Patrick ihr die große Eingangstür aufhielt und die beiden hinaus traten, umhüllte sie die kühle Sommerluft. Es war bereits dunkel geworden und alles, was man hören konnte, war der Bass der Musik im Inneren.

„Wo wollen wir denn hin?" fragte Fiona, als sie das Tor zur Schule hinter sich schloß.

„Ich habe mir vor einigen Jahren ein paar Straßen weiter ein Haus gekauft. Wir können zu mir, wenn du möchtest."

„Du wohnst in Rudow?" Fiona war überrascht. Sie erinnerte sich, dass Patrick es damals gar nicht erwarten konnte, hier endlich weg zu ziehen und nun hatte er sich tatsächlich ein Haus hier gekauft.

Er nickte. „Hab's nach meinem Studium gekauft. Ich weiß nicht, irgendwie... hab ich's vermisst. Anfangs hatte ich mir geschworen, nie wieder hier her zu kommen. Berlin allgemein, meine ich. Aber mit den Jahren kam die Melancholie und mit ihr das Vermissen."

Fiona nickte. „Dann lass uns zu dir gehen."

„Wo hast du studiert?" fragte sie ihn, nachdem sie ein Stück gegangen waren.

„Hamburg." antwortete Patrick.

„Wow. Komplettes Kontrastprogramm also?"

„Schon, ja. Ich musste hier einfach mal weg. Konnte das alles nicht mehr sehen." erklärte er.

„Verstehe ich."

„Und du? Du hast doch studiert, oder?"

Fiona nickte. „Modedesign, am Mehringdamm."

„In Kreuzberg? Du bist hier also nie raus gekommen?" Patrick schien verwundert.

„Nee, aber das ist okay. Hatte mich absichtlich dazu entschlossen, in Berlin zu studieren. Meine Eltern und meine Schwester waren ja auch noch hier. Alleine in eine fremde Stadt, das hätte ich mich nicht getraut." erklärte sie.

„Immer schön in der Komfortzone bleiben, so kenne ich dich." lachte Patrick.

„Ich fühle mich wohl in meiner Komfortzone." machte sie klar. „Und du dich ja scheinbar auch, sonst wärst du nicht wieder zurück gekommen."

„Touché." antwortete er.

Sie liefen eine Weile am Rudower Fließ entlang, bis Patrick vor einem der Neubauten stehen blieb.
„Das ist es."

Das graue Haus mit weißer Haustür und der Nummer 20 lag direkt gegenüber einer riesigen Eiche und umringt von mehreren Einfamilienhäusern, die erst in den letzten Jahren dort erbaut wurden.

„Spießig." kommentierte Fiona ihre Aussicht. „Erinnert mich ein bisschen an—"

„Dein Elternhaus?" unterbrach Patrick sie und Fiona nickte.

„Genau."

„Dann fühlst du dich ja hoffentlich direkt wie Zuhause." lachte er.

„Na, ich hoffe nicht." erwiderte sie und folgte Patrick zur Haustür.

Überwiegend Macho (Felix Lobrecht FF)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt