Die Hinrichtung

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Das Plateau erbebte und Louis öffnete die Augen wieder. Er hatte gar nicht gemerkt, dass er sie geschlossen hatte. Neben sich spürte er einen Schatten und wandte den Kopf ein bisschen zur Seite. König Jonathan, gekleidet in prächtigen Gewändern, mit Schwert am Gürtel, stand nun neben ihm und blickte erhobenen Hauptes auf die Menschen hinab, die vor dem Plateau standen. Alle blickten ihn ehrfürchtig und ängstlich an. Niemand sprach ein Wort und so musste der König die Stimme nicht sonderlich laut erheben, als er das Wort an sein Volk richtete:

„Mir wurde zugetragen, dass in meinem Reich noch immer an der Hoffnung festgehalten wird, es gäbe irgendwo in den Wäldern einen Jungen, der meinen Platz einnehmen kann." sagte er und das Volk raunte leise. „Das ist eine Legende! Nichts als eine Legende. Ich bin Herrscher über dieses Land und Niemand wird mir meine Macht streitig machen. Jeder, der weiter an meiner Macht zweifelt, wird meine harte Hand zu spüren bekommen und hingerichtet werden. Dieser Junge, hat einen meiner Männer getötet und wird heute dafür bezahlen! Lasst es euch eine Warnung sein! Es gibt keinen heimlichen Thronfolger, der in den Wäldern wartet. Niemand, der mich je vom Thron stoßen kann!" Jonathan nickte dem Henker zu, der hinter Louis stand und ihn an den Schultern packte. Er stellte ihn auf einen Stuhl und legte ihm die Schlinge um den Hals. Die Handgriffe wirkten erschreckend routiniert. Louis biss die Zähne zusammen und versuchte die Tränen der Verzweiflung und Enttäuschung zurückzuhalten, doch sie waren stärker und rannen ihm über die Wangen, ohne dass ein Laut seine Lippen verließ. Das Seil war hart, steif und kratzte unangenehm auf der Haut, als der Henker den Knoten enger zog. Auf dem Plateau und der Rasenfläche war es still. Niemand sagte etwas und alle sahen Louis an, dessen Herz in seiner Brust nun so schnell schlug, als wollte es in den letzten Momenten seines Lebens nochmal alles geben. „Ich habe Boten aussenden lassen. Sie haben im ganzen Land von der heutige Hinrichtung berichtet. Wenn es den angeblichen, rechtmäßigen Thronerben gäbe, und er sich so um seine Mitmenschen sorgte, wie ihr euch das immer so gerne gegenseitig erzählt, dann wäre er heute hier, um diesen Jungen zu befreien!" rief Jonathan und lachte dabei hämisch. Es schien, als wollte er seine Ansprache in die Länge ziehen um Harry, sollte er wirklich in der Nähe sein, die Möglichkeit zu geben, sich zu offenbaren. Aber es passierte nicht. Hektisch suchte Louis die Menschenmenge ab und hoffte, vielleicht Bewegung darin zu erkennen. Jemanden zu sehen, der sich zwischen ihnen hindurch nach Vorne schob. Aber alles standen still, wie Salzsäulen. „Dieser Junge hat meinen Steuereintreiber getötet und sich dessen Einnahmen zu Eigen gemacht! Dafür wird er heute mit dem Leben bezahlen. Und wie ihr seht, niemand aufgetaucht, um ihn zu befreien." sagte der König und gab dem Henker ein Zeichen. Er trat einen Schritt auf Louis zu und machte Anstalten, ihm den Stuhl unter den Füßen wegzuziehen. Louis zitterte vor Angst am ganzen Körper und wenn er gekonnt hätte, hätte er geschrien, doch ihm schien die Luft wegzubleiben und seine Stimme versagte. Die Aussicht, gleich Schmerzen erleiden und sterben zu müssen war so schrecklich, dass er nicht mehr klar denken konnte. Er spürte die Nähe des Henkers hinter sich und kniff die Augen zusammen, machte sich auf den Fall gefasst.

Ein Sirren war zu hören, die Menge schnappte gemeinsam nach Luft und Louis wartete auf den Schmerz, doch es kam nichts. Stattdessen fiel ein schwerer Körper neben ihm auf den Holzboden des Plateaus und ließ alles erzittern. Erschrocken riss Louis die Augen auf und sah nach unten. Der Henker lag rücklings mit einem Pfeil in der Kehle da – er war tot. Sofort schoss Louis Blick zu Jonathan, der nicht minder konfus auf seinen Henker hinuntersah. „Ihr werdet mit dem Leben bezahlen, dass Ihr das Volk so ausgebeutet und Euch die Macht mit Gewalt genommen habt!" rief eine Stimme aus der Menge und endlich sah Louis Bewegung unter den Zuschauern. Eine Gestalt mit Kapuze, gefolgt von einer weiteren, bahnte sich den Weg zum Plateau. Im Laufen zog der rechtmäßige König ein Schwert aus dem Gürtel und es traf klirrend gegen das Jonathans. „Ich wusste, dass du so dumm sein wirst und dich offenbarst." konnte Louis Jonathan zischen hören, der sein Schwert mit beiden Händen festhielt und kraftvoll gegen Harry kämpfte. Doch der war überaus flink und widersetzte sich dem König gut. Außer Louis war Niemand auf dem Plateau, der hätte eingreifen können und so kämpften sich die Beiden Männer um ihn herum. Schwerter klirrten, begleitet vom Ächzen, wenn einer der Beiden kraftvoll ausholten. Louis erhaschte einen kurzen Blick auf Harrys Gesicht und es war, als hätte er einen anderen Harry vor sich. Das hier war nicht mehr der Junge, der im Wald groß geworden war und der Wild jagte und Reisende überfiel. Nein, hier kämpfte eine König auf Leben und Tod um seinen rechtmäßigen Platz. Harry trug keinen Pfeil und Bogen bei sich, fiel Louis auf und er suchte die Menschenmenge ab, bis er in zwei dunkelbraune Augen blickte, die ihn ansahen. Zayn schien Louis befreien zu wollen, denn er machte Anstalten, ebenfalls auf das Plateau zu steigen, doch Harry und Jonathan kämpften so ausladend miteinander, dass er Gefahr laufen würde verletzt zu werden, wenn er sich nur näherte. „Du wirst Niemandem hier in diesem Land mehr etwas antun." keuchte Harry und hieb auf Jonathans Schwert ein. „Das glaube ich nicht." antwortete der König und trat mit voller Wucht gegen den Stuhl auf dem Louis stand.

Der verlorene KönigGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt