Der Adler und das Kleeblatt

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Weil Louis nichts zu Harrys Vermutung gesagt hatte, setzte dieser sich auf und strich ihm mit den Fingern vorsichtig über die Wange: „Schläfst du schon, oder warum bist du so still?" fragte er leise und besorgt. „Oder hast du Schmerzen?" setzte er noch besorgt nach, doch Louis schüttelte den Kopf: „Nein, es geht mir gut....naja wie gut es einem eben gehen kann, der soviel Pech gehabt hat, wie ich. Nein, ich habe mir ein wenig Sorgen um die anderen gemacht. Was, wenn Jonathan sich auf die Suche nach seinem Steuereintreiber macht und dabei das Lager entdeckt?" Unter Harrys Berührung schloss Louis die Augen und schmiegte sich noch ein wenig mehr in die Hand des Anderen. „Mache dir da mal keine Gedanken. Bisher hat noch Niemand, der mit Jonathan in Verbindung stand, das Lager entdeckt. Gwydion sorgt schon dafür, dass wir unsichtbar bleiben." Da war sie wieder. Die Anspielung darauf, dass der alte Mann etwas konnte, was den normalen Menschen nicht möglich war. Wie konnte Gwydion es schaffen, dass das Versteck in der Eiche für Jonathan und seine Männer nicht zu finden war? Sonderlich gut getarnt war der Baum nicht, sonst hätte Liam ihn nicht gesehen. Ob Liam eigentlich schon wieder aufgewacht war? Wie es ihm wohl ging? „Du kennst Gwydion ja schon seitdem du ein Kind bist, nicht wahr?" fragte Louis vorsichtig, während Harry sich an ihn schmiegte und ihm durch die Haare streichelte. „Ja, er hat mich schließlich aufgezogen." antwortete er und sein Atem streifte Louis Lippen, so nah waren sie einander wieder. Er versuchte seine Gedanken beisammen zu halten, um die Fragen, die ihm noch so im Kopf herumschwirrten, stellen zu können. „Ist Gwydion ein Magier, Harry?" Der warme Luftstrom stoppte. Offenbar hatte Harry den Atem angehalten. Hatte ihn die Frage so überrascht, oder hatte Louis gerade versehentlich das Geheimnis des Mannes gelüftet? „Er kann Vieles und ab und zu vollbringt er Dinge, die man sich nicht erklären kann." - „Was für Dinge?" hauchte Louis und sein Herz klopfte, weil er so neugierig war. Die Frage, ob der alte Mann wirklich ein Zauberer war, beschäftigte ihn seit dem ersten Tag und vielleicht würde er die Antwort nun gleich erfahren. Der Lockenkopf seufzte und zog Louis noch ein wenig enger in seine Arme, wo es angenehm warm war und er sich geborgen und sicher fühlte. „Er kann Wunden heilen, kennt sich mit Kräutern aus und manchmal habe ich das Gefühl, dass er nicht älter wird. Natürlich ist er bereits ein alter Mann, doch ich denke manchmal, dass er viel mehr Leben gelebt und viel mehr Zeit auf dieser Erde verbracht hat, als so manch anderer Mensch." Wieder streichelte Harry mit den Fingern über Louis Gesicht und sagte dann leise und abschließend: „Doch das sollte dich nicht kümmern. Wichtig ist, dass wir den Armen helfen und es irgendwann schaffen, den rechtmäßigen König zu finden. Das ist alles was zählt und selbst, wenn Gwydion ein Magier sein sollte, dann kommt das uns allen nur zugute." Weiche Lippen drückten sich auf Louis' und er schloss kurz die Augen. Nachdem sie sich voneinander gelöst hatte, schmiegte Harry sich an ihn und keiner sprach mehr ein Wort.

Harry schlief rasch ein, schließlich hatte er in der letzten Nacht auf dem Moor nicht besonders viel geschlafen. Louis jedoch blieb wach. Die Müdigkeit, die er vorhin beim Essen verspürt hatte, war verflogen und er lag einfach nur da, lauschte Harrys Atem und starrte in die Dunkelheit ringsherum. Er dachte an den alten Mann und obwohl Harry seinen Verdacht nicht bestätigt hatte, war Louis nun davon überzeugt, dass Gwydion ein Magier war. Wie sonst sollte er es anstellen, dass die alte Eiche nicht entdeckt wurde? Vielleicht gehörte er nicht zu der Art von Zauberern, die man aus alten Geschichten kannte, die Dinge verwandeln und fliegen konnten, doch sicherlich verfügte er über Fähigkeiten, die den Merry Men schon nützlich gewesen waren. Vielleicht hatte er die Eiche mit Bannen belegt, sodass man sie nicht sehen konnte. Wie gerne würde Louis nach ihrer Rückkehr dem alten Mann einfach selbst einige Fragen stellen, doch er wusste genau, dass er keine Antwort bekommen würde. Schließlich war er noch nicht lange ein Teil der Gruppe und wenn nicht einmal Harry genau wusste, was Gwydion eigentlich war, so bezweifelte Louis, dass er es ausgerechnet ihm sagen würde.

Ein Hahnenschrei gefolgt vom lauten Knarzen der Holztür weckte Louis am nächsten Morgen. Er hatte Stroh in den Haaren und seine Nase kitzelte vom Staub der durch das Öffnen der Tür aufgewirbelt worden war. Harry fuhr hoch, noch bevor sich die Tür ganz geöffnet hatte und seine Hand schnellte zu dem Langbogen, der neben ihnen im Stroh lag. Er entspannte sich aber sofort, als er erkannte, dass der junge Mann, der sie gestern hergebracht hatte in der Tür stand. Hinter ihm war der Morgennebel zu sehen, der noch in wabernden Wolken über den Boden zog. „Guten Morgen, meine Herren." sagte er freundlich und lächelte. Sie nickten ihm zu und rieben sich die Augen, warfen sich dann die Umhänge um die Schultern und erhoben sich steifbeinig aus dem Stroh. Durch ihr Gewicht hatte sich der ordentlich aufgeschobene Haufen in der Nacht über den gesamten Fußboden verteilt und sie schoben alles wieder zurück. Es war besser wenn so wenig Material wie möglich auf dem feuchten Boden lag, denn wenn das Stroh Feuchtigkeit anzog, verdarb es schnell und das wollten sie den Bauern nicht antun. „Warte, du hast noch Stroh in den Haaren." Louis stellte sich auf die Zehenspitzen und zupfte Harry schnell einige helle Gräser aus dem dunklen Schopf. Der Lockenkopf lächelte ihn an und schien einen Augenblick etwas sagen zu wollen, besann sich dann aber anders, ergriff Louis linke Hand und zog ihn aus dem Schuppen hinaus in den Morgen.

Der verlorene KönigGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt