Nachdem alle gesättigt waren, stürzten sich die hungrigen Raubtiere auf die Marshmallows. Innerhalb weniger Minuten waren auch hier alle verputzt, und ich hatte meine Chance auf einen süßen Zuckerschock verpasst. Neo hatte bei Einbruch der Dunkelheit angefangen, Gruselgeschichten zu erzählen, weshalb sich die meisten Schüler neugierig um ihn gescharrt hatten und ihm aufgeregt zuhörten. Auch ich hatte anfangs gebannt an seinen Lippen gehangen, aber als seine dritte Gruselgeschichte losging, war es doch zu viel des Guten. Ich glaubte nicht an Geister, aber seine Geschichten waren so gut erzählt, dass mir langsam doch unwohl wurde und ich war mir sicher, dass jemand mich beobachtete.
»Das kleine Mädchen wanderte tagelang durch den Wald, niemand konnte ihre Schreie hören, obwohl es still war. Es war still, so still, dass nicht ein einziger Vogel zwitscherte, keine Maus flitzte durch das Unterholz, kein Käfer kletterte auf einer Borke herum. Sie war allein, ganz allein. Schließlich war sie so erschöpft, dass sie entkräftet vor der uralten Eiche zusammenbrach.« Alle starrten Neo an. Seine Stimme war leise, aber trotzdem gut verständlich, denn alle anderen Geräusche um uns herum waren nur das Knistern des Lagerfeuers und das Rauschen des Meeres.
»Ist sie gestorben?«, flüsterte Emma, kaum jemand anderes traute sich, lauter zu atmen.
»Ihre Knochen wurden drei Wochen später von Spürhunden gefunden. Aber jeder Mensch, der der Eiche zu Nahe kommt, spürt seither den Schmerz und die Schwäche, die das Mädchen vor ihrem Tod gespürt hat. Man sagt außerdem, dass sie wütend ist. Sehr wütend. Zu jedem Halbmond findet sie aus dem Wald heraus und sucht sich ein Mädchen, dass sie in den Wald führt und nie wieder entkommen lässt.« Ich rollte mit den Augen. Wer das glaubte, der war doch selbst Schuld. Außerdem-
»Heute ist Halbmond«, stellte Leon fest, woraufhin alle ehrfürchtig den Kopf gen Himmel hoben. Ach komm, Neo, das hast du doch bestimmt nur erzählt, damit alle extra viel Angst haben.
»Oh nein, irgendwer von uns wird heute verschleppt«, jammerte Mila, und alle anderen Mädchen stimmten in ihr Gejaule mit ein.»Ich will noch nicht sterben!«, wimmerte ein anderes Mädchen. Ein Blick auf Neo sagte mir, dass ein winziges und zufriedenes Grinsen um seine Mundwinkel zuckte, dass er nur schwer verborgen halten konnte. Dieser Arsch hatte wirklich Spaß daran, meine Schüler zu verängstigen?
»Was ist das denn im Wasser?«, sagte plötzlich ein Kollege von Neo und deutete auf die rauschenden Wellen. Wir alle folgten seinem Finger und starrten auf die schwarzen Umrisse, die sich von der Wasseroberfläche abhoben. Als die ersten bemerkten, dass sich die Gestalt langsam in unsere Richtung bewegte, begannen die Ersten, panisch zurückzuweichen.
»Huch, was ist denn das?« Neo erhob sich ebenfalls und schirmte die Hände vor den Augen, um etwas erkennen zu können. Ich versuchte herauszufinden, ob er uns etwas vormachte, aber wenn, dann war er ein verdammt guter Schauspieler.
»Es ist der Wasserzombie!«, schrie Tyler aufgebracht und hüpfte hinter seinen besten Freund, der eindeutig weniger begeistert von dem Wesen schien, was wirklich schleichend auf uns zuwankte.
»Ach, der frisst nur Gehirne, da braucht ihr euch keine Sorgen machen«, sagte Millie und ließ lachend die bösen Blicke der Schüler über sich ergehen. Auch ich musste Schmunzeln, denn dafür sollte es eine gute Erklärung geben. Es gab keine Zombies, keine Geister, keine sonstigen übernatürlichen Gruselwesen.
»Ich sag's nur ungern, aber vielleicht sollten wir lieber weglaufen«, sagte Neo und sah dann in die Runde. »Alle Mitarbeiter außer uns sind im Haus.«
»Machst du Witze? Ich will wissen, welches Kind als Erstes gefressen wird!« Millie stand auf und stemmte die Hände in die Hüften. »Ich zeig euch, dass es keine Monster gibt.«
»Millie, warte-«
»Mach dir keine Sorgen, Neo.« Millie stapfte fest entschlossen durch den Sand, direkt auf die dunkle Gestalt zu. Neo verschränkte die Arme vor der Brust und wartete gespannt ab, was nun passieren würde. Wenn Millie jetzt ins Wasser gezogen wird, dann würde weder ich noch Neo sie retten.
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Four Nights (ManxMan)
Romance❅❅❅❅❅ Ich hatte aufgegeben, auf Carters Rückruf zu warten. Er war sicherlich wieder beschäftigt mit wer weiß was und langsam war ich es leid, der Einzige zu sein, der sich für den anderen interessierte. Frustriert zog ich mir die Decke über meinen K...