2. mon amour

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Neos Stimme hallte in meinem Kopf nach, und es machte mich wahnsinnig. Ich hatte bis zum Abendessen über nichts anderes mehr nachdenken können, und obwohl wir uns nicht mehr gesehen haben, nachdem wir am Camp angekommen waren, hatte ich immer wieder sein Bild vor meinem inneren Auge. Wie er lächelnd neben mir spaziert war, als könnte seine Laune nichts auf der Welt trüben.

»Appetit verloren?«, fragte mich Millie, bevor sie sich über den Tisch lehnte und auf meinem Teller die Tomaten mopste, die ich von einer Seite zur anderen geschoben habe.

»Kann sein«, murmelte ich und fuhr mir über die Stirn. Ich war wirklich erledigt, obwohl ich normalerweise weitaus mehr an einem normalen Tag laufe. Vielleicht war es die frische Meeresluft, die mich so müde machte.

»Oder welche Laus ist dir wieder über die Leber gelaufen? War irgendetwas mit Carter?« Millie hatte ihren Appetit nicht verloren, denn sie zog meinen Teller zu sich und schaufelte sich auch den Rest in den Mund.

»Nein, Zuhause war alles in Ordnung«, log ich, obwohl Millie wusste, dass schon lange nichts mehr in Ordnung war. Carter hatte sich nicht einmal anständig von mir verabschiedet, als ich am Morgen aufgebrochen war. Einen Kuss auf die Wange hatte ich bekommen, aber der war auch sehr widerwillig. Kein "Viel Spaß" oder "Melde dich, wenn du heile angekommen bist." Anders als bei Millie und ihrem Freund, der vor einer Stunde im Camp angerufen hatte und sich krank vor Sorge fragte, warum seine Freundin nicht ans Telefon ging. Kein Netz war Segen und Fluch zugleich.

»Willst du ihn nicht mal anrufen? Vielleicht geht es dir dann besser.« Millies Wangen waren so vollgestopft, dass ich Mühe hatte, sie zu verstehen. Immerhin achtete sie darauf, genug zu essen.

»Vielleicht später«, winkte ich ab, um der Konversation aus dem Weg zu gehen. Die Blonde runzelte die Stirn, dann zuckte sie mit den Schultern und stopfte sich auch die Reste von meinem Teller in den Mund, bevor sie sich pappsatt zurücklehnte und den Bauch streichelte.

»Das schmeckt so köstlich. Und den Kindern scheint es auch zu schmecken, schau mal, selbst Eve isst.« Sie deutete auf ein Mädchen, dass uns vor der Klassenfahrt deutlich Sorgen bereitet hatte. Eve reagierte auf fast alles allergisch, aber scheinbar hatten sich die Leute hier wirklich gut darum gekümmert, dass auch sie versorgt wurde.

Dann entdeckte ich Neo, der halb in der Tür zum Speisesaal hing und mit einem anderen Campmitarbeiter redete. Selbst von weitem konnte ich seine positive Ausstrahlung spüren und meine Gedanken schweiften sofort wieder von Carter ab. Ob er auch mich bemerken würde? Vielleicht, wenn ich ganz beiläufig hinüber-

»Er ist schon echt süß, oder? Ich meine, gucken darf man ja wohl.« Millie schien meinem Blick gefolgt zu sein, denn sie hatte sich ebenfalls zu Neo umgedreht und winkte ihm plötzlich zu, um seine Aufmerksamkeit auf uns zu lenken. Und scheinbar sofort sprang er darauf an und lächelte uns herzlich zu. Meine Wangen färbten sich augenblicklich rot und ich wandte den Blick auf den Tisch, um weitere Peinlichkeiten zu vermeiden.

Schnell zog ich meine Tasse mit Kaffee zu mir, um mich damit abzulenken, aber als sich der freie Platz neben mir füllte, hob ich meinen Kopf wieder, um direkt in Neos strahlendes Lächeln zu sehen. Ich zuckte erschrocken zusammen, woraufhin Millie vergnügt kicherte.

»Hey ihr Beiden«, zwitscherte der Jüngere Kerl fröhlich und ich rutschte ein paar Zentimeter zur Seite, damit Neo genug Platz neben mir fand. Sein Arm, der sich danach über die Lehne der Bank und somit auch hinter meinem Rücken entlang schlängelte, verriet mir, dass ihn das herzlich wenig störte, ob genug Platz für zwei Personen auf der Bank war.

»Hi Neo«, grinste Millie verräterisch und ich seufzte innerlich. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

»Na, wie schmeckt euch das Abendessen? Tom kocht echt klasse, schade, dass ich ihn nicht mit zu den Familienfeiern nehmen kann«, lachte Neo und nahm sich einfach meine Gabel, um über den Tisch zu angeln und damit in meinen ehemaligen Teller zu stochern, um genau wie Millie Resteverwertung durchzuführen. Mein Mund klappte fast auf, als ich realisierte, wie wenig er sich darum kümmert, dass die Dinge jemand anderem gehören.

Four Nights (ManxMan)Wo Geschichten leben. Entdecke jetzt