Liebster Harold,
wir hoffen, dass du Dich gut eingelebt hast. Wir schneiden alle Artikel aus dem Boulevardblatt aus, die das "Grand Hotel" erwähnen. Wenn du wieder bei uns bist, können wir sie Dir zeigen und Du uns erklären, was davon wahr und was falsch ist. Bestimmt hast Du schon einige berühmte Persönlichkeiten sehen können.
Zuhause ist alles beim Alten. Deine Schwester ist heute ins dritte Trimester gekommen, ihr Bauch scheint jeden Tag zu wachsen. Wenn du wieder da bist, wirst du sie vermutlich kaum noch umarmen können. Bete mit uns, dass Susans Schwangerschaft weiterhin einen so guten Verlauf hat.
Leider ist momentan nicht alles so gut bei uns. Die Krankenhausrechnungen deines Vaters steigen stetig, ich habe wieder damit angefangen als Haushaltshilfe zu arbeiten. Kennst Du noch die Taylors? Sie wohnen eine Straße weiter und heute habe ich zum ersten Mal bei ihnen gearbeitet, nette Menschen. Und sie haben eine Tochter, Claire. Sie ist gerade achtzehn geworden, ein hübsches Ding.
Falls du auf der Arbeit kein nettes Mädchen kennenlernst, kannst Du sicher auch einmal mit ihr spazieren gehen - oder was auch immer die jungen Leute heute noch machen, um sich kennenzulernen.
Ich möchte Dich nicht zu sehr ablenken, würde mich aber über eine Antwort freuen. Vielleicht findest Du Zeit, um mich auf den neusten Stand zu bringen.
In Liebe
Mom
Harold schob den Brief seiner Mutter wieder in den Umschlag zurück, den er mit den Fingern aufgerissen hatte. Beim Gedanken an zuhause schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. Susan, seine kleine Schwester, hatte vergangenes Jahr geheiratet und war in freudiger Erwartung. Umso tatkräftiger beabsichtigte nun auch seine Mutter ihn unter die Haube zu bringen – scheinbar egal mit wem. Solange man weiblich war und keinen schlechten Ruf hatte, kam man in die engere Auswahl.
Je mehr er aber an Zuhause dachte, desto mehr begann er aber auch schon im Kopf auszurechnen, wieviel mehr er von seinem Lohn dorthin schicken konnte. Sein Vater bezog seit Kriegsende eine Invaliden-Rente, da er ein Bein verloren hatte und nicht mehr wie vorher arbeiten konnte. Nebenbei konnte er früher noch kleineren Tätigkeiten nachgehen, doch seitdem sich sein Gesundheitszustand verschlechterte, fehlte auch dieses Geld, das sowieso schon kaum gereicht hatte.
Er öffnete die Kommode mit seinen persönlichen Gegenständen und schob den Brief zwischen ein Laken und ein Hemd von ihm. In diesem Moment blinkte ihm der Ring entgegen, der hier ebenfalls ruhte.
Damit könnte man wahrscheinlich fast ein Auto kaufen, ging es ihm durch den Kopf, und er stand wie eingefroren vor der geöffneten Schublade. Es schien eine Art Fügung zu sein, wie der Ring sich hier an die Oberfläche seines Hab und Guts gekämpft hatte und ihn beinahe auszulachen schien.
Sie haben bestimmt mehr Ringe als sie tragen können, schlich es sich ihm weiter in seine Gedanken, die nun versuchten, sein Gewissen außer Gefecht zu setzen. Harold war keineswegs tugendlos, hatte nicht einmal als Kind etwas gestohlen oder Unrechtes getan.
Doch in diesem Moment lag vor ihm die Lösung aller Probleme seiner Familie. Mit einem kleinen Verbrechen könnte er seiner Mutter die enorme Last nehmen, nicht zu wissen, wie ihr morgiger Tag aussehen würde. Nicht zu wissen, ob sie genug zum Essen haben würden.
Mit einem dumpfen Knall knallte er die Schublade zu. Seine Hand immer noch am Griff.
Nein.
So war er nicht. So wollte er nicht sein. Die Adern an seinen Händen traten deutlich hervor unter der Anspannung, mit der er diesen Knauf hielt. Einfach nein, zwang er sich zu denken und machte einen Schritt nach hinten, stieß mit den Waden an das Holz seines Bettkastens.
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Das Grand Hotel
Historische RomaneIm glanzvollen Jahr 1954 betritt Harold Shelby mit ehrgeizigen Träumen das legendäre 'Grand Hotel'. Ein Ort, an dem Hollywood-Größen ein und aus gehen, und jede Anstellung als ein Ritterschlag gilt. Doch zwischen den luxuriösen Kulissen lauert ein...