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Ian ist in seinem Stuhl zurückgelehnt, sieht mit einem nachdenklichen Gesichtsausdruck an mir vorbei. Seine haselnussbraunen Augen sind dunkel, beinahe gräulich, als die Erinnerungen an Harry scheinen zu ihm zurück zu kommen. So viele Fragen tauchen in meinem Kopf auf, während ich warte bis er spricht, doch ich schiebe sie beiseite.

"Ich habe Harry kennengelernt, als ich in der neunten und er in der zehnten Klasse war, zusammen mit seinen anderen Freunden," beginnt Ian. "Er hat nicht oft mit mir geredet, keiner von ihnen tat das. Ich kannte ihn nur durch meine Mutter, die seinen Vater in der High School gekannt hat. Er fing an mit dem Gesetz in Schwierigkeiten zu geraten als er Elftklässler war, und er saß fast jedes Wochenende bei meiner Mutter im Büro, nachdem er wegen Alkoholmissbrauch und Ruhestörung verhaftet worden war. Ihm war das egal. Er wusste, dass sein Vater ihn rausholen würde, wie immer.

"Er und Max waren immer zusammen, aber Max wurde auf Parties nie wegen irgendwas verhaftet. Entweder hat er auf diesen Parties nie etwas gemacht, oder Harry hat die Schuld immer auf sich genommen. Das habe ich nie verstanden. Ich wusste, dass Max all das machte was Harry auf den Parties tat- ich bin sogar selbst auf ein paar gewesen- aber es war immer Harry der in dem Büro von meiner Mutter saß. Es war beinahe so, als würde es ihm Spaß machen, als wäre es irgendeine Art Spiel."

Ich lege mein Kinn in meine Handfläche, versuche alles aufzunehmen, was Ian mir erzählt.

"Ich erinnere mich deutlich an ein bestimmtes Mal, wo er auf die Station gebracht wurde," sagt Ian, lehnt sich nach vorne und ruht mit seinen Ellbogen auf dem Tisch. "Er hatte ein blaues Auge und einen Bluterguss auf seiner Wange, doch er saß mit einem breiten Grinsen in seinem Stuhl. Ich fragte ihn, ob er in eine Schlägerei geraten war, und er sah zu mir herüber, sah auf und ab. Ich dachte er würde mir nicht antworten, aber er lächelte langsam und sagte nur, 'Ja. Und ich habe sie gewonnen.' Ich wusste nicht ganz was ich antworten sollte, aber meine Mutter lief herein und ich habe in dieser Nacht nicht mehr mit ihm geredet. Ich schätze, was mich an diesem ganzen Vorfall getroffen hat, war sein unverfälschtes...Selbstbewusstsein in allem was er tat. Nichts was er tat schien falsch zu sein, da er immer so tat als wäre alles so richtig. Solche Menschen findet man nicht oft."

Die Kellnerin kommt mit unserem Essen, stellt mir meinen Teller hin und sagt, dass sie gleich mit unseren Getränken kommt. Ich danke ihr und sehe wieder zu Ian, als ich anfange zu essen.

"Wenn ich ehrlich bin," sagt Ian, entfaltet seine Serviette und legt sie auf seinen Schoß, "Gab es nicht viele Leute, die Harry nicht mochten. Er war ein geselliger Mensch. Er wusste wie er andere zum Lachen brachte, wie er sie um seine Finger wickelte. Er hatte einen bestimmten Charm an sich. Es ist wirklich kein Wunder das er so beliebt war." Ian greift nach der Butter und dem Syrup, als die Kellnerin Gläser mit Wasser auf den Tisch stellt, lächelt bevor sie geht.

"Was ist mit dir?" frage ich Ian, nehme einen Schluck von meinem Wasser. "Was war deine Meinung über ihn?"

Ian zuckt mit den Schultern. "Als ich jünger war habe ich irgendwie zu ihm aufgeschaut," sagt er. "Er war dieser Junge mit vielen Freunden und Popularität, den jeder liebte. Als er jedoch aufwuchs- besonders letztes Jahr- konnte ich spüren, dass irgendwas nicht stimmte, sich die Dinge änderten. Ich glaube jeder konnte das spüren, aber niemand sprach es an."

"Was meinst du damit?"

"Es war fast wie eine Art von Macht oder Anspannung in der Luft. Es begann ungefähr im Januar, und bestand bis zu seinem Tod fort."

"Anspannung zwischen wem?"

"Harry und...jedem, wirklich. Er war ein Jahr davon entfernt seinen Abschluss zu machen, und dann aufs College zu gehen und von dort an für die Firma seines Vaters zu arbeiten. Jeder wusste das. Ich glaube, vielleicht..." Ian hält inne, nimmt einen Schluck Wasser. Er stellt sein Glas wieder auf den Tisch, fährt seinen Daumen und Zeigefinger über seine Unterlippe. "Ich glaube, dass ihm die Erwartung von seiner vielversprechenden Zukunft möglicherweise zu Kopf gestiegen ist.

Phantom » German TranslationWo Geschichten leben. Entdecke jetzt