Langsam, wie aus einem tiefen Schlaf erwachend, öffnete ich die Augen. Ein sanfter, aber unaufhaltsamer Sonnenstrahl fiel auf mein Gesicht und ließ mich mit einem verblassten, schummrigen Gefühl erwachen.
Mein Kopf war noch benebelt, als ob ein schwerer Schleier über meinen Gedanken lag. Die Erinnerung an das, was geschehen war, kam mir nur bruchstückhaft in den Sinn – der Raum, Wilson, Adrian, der schmerzhafte Griff, die Spritze.
Verwirrt blinzelte ich, während ich versuchte, mich zu orientieren. Meine Umgebung war nicht die, die ich erwartet hatte. Wo war ich? Und wie viel Zeit war vergangen? War es erst der nächste Morgen... oder waren inzwischen Tage vergangen?
Vorsichtig strich ich über die Stelle, an der die Blutung noch vor Kurzem heftig gepocht hatte. Doch zu meiner Überraschung fühlte sich die Haut glatt und unversehrt an, als wäre nichts geschehen. Es war, als hätte die Wunde nie existiert. Das passierte nicht innerhalb weniger Stunden – es musste bereits deutlich mehr Zeit vergangen sein.
Ich versuchte, mich aufzusetzen, auch wenn mein Körper sich schwer und träge anfühlte. Der Raum, in dem ich lag, war klein, aber geschmackvoll eingerichtet. Weiche, cremefarbene Laken unter mir kontrastierten mit den warmen Holztönen der Möbel.
Der Boden war mit tatami-ähnlichen Matten ausgelegt, die an traditionellen japanischen Stil erinnerten. An den Wänden hingen kunstvolle Rollbilder mit zarten Kalligrafien und Landschaftsmotiven, und in einer Ecke des Zimmers stand eine schlichte Vase mit einer einzelnen, kunstvoll arrangierten Blume.
Das Licht war gedämpft, und die Sonnenstrahlen, die mich geweckt hatten, fielen durch eine halb geöffnete Schiebetür mit Papierbespannung. Dieser Raum war mir so fremd wie die Tatsache, dass mich jemand gegen meinen Willen hierher gebracht hatte. Ich war definitiv nicht in meinem Hotelzimmer in London, geschweige denn bei Farmacia.
Trotzdem entdeckte ich meine Sachen, die ich auf meine Reise mitgenommen und im Hotel zurückgelassen hatte, verstreut auf dem Boden.
Ich blickte an mir herab und erstarrte. Das, was ich trug, war nicht mehr das Outfit, das ich zuletzt im Opal angehabt hatte. Weg war das enge, schwarze Cocktailkleid mit den glitzernden Pailletten und die hohen Absätze. Stattdessen hatte ich jetzt einen Pyjama an – meinen eigenen, den ich auf diese Reise mitgenommen hatte.
Es war der weiche Baumwollpyjama mit den blassen, karierten Mustern. Jemand hatte ihn gefunden. Jemand hatte meine Sachen durchwühlt, ihn herausgezogen und mir angezogen.
Ein Schauer lief mir über den Rücken, und ich hielt es nicht länger aus. Ich sprang von dem niedrigen Bett auf und stürzte mich auf den Haufen meiner Sachen, die achtlos auf dem Boden verstreut lagen.
Ungeduldig durchwühlte ich das Chaos. Kleider, Kosmetikartikel, Bücher – alles flog in alle Richtungen, während ich suchte. Es waren nicht viel, nur ein paar persönliche Dinge, doch ich musste sicher sein, dass nichts fehlte.
Nach einigen endlosen Minuten hielt ich inne, mein Atem ging stoßweise, und ich starrte auf die verstreuten Überreste meiner Habseligkeiten. Alles schien da zu sein. Mein Reisepass, meine Brieftasche, sogar mein Geld und mein Laptop.
Doch etwas Entscheidendes fehlte. Meine Waffen. Alle.
Die kleine, diskrete Klinge, die ich in einer Spezialtasche unter meinem Kleid getragen hatte, war verschwunden. Genau wie die Pistole, die ich im Hotel in meinem Gepäck versteckt hatte. Es war, als hätte jemand gezielt nach ihnen gesucht – und sie mitgenommen.
Mein Herz begann schneller zu schlagen, diesmal nicht aus Angst, sondern aus blanker Wut. Ich ballte die Hände zu Fäusten und spürte, wie sich meine Nägel in meine Handflächen gruben. Ohne meine Waffen war ich entwaffnet, schutzlos. Alles, worauf ich mich jetzt verlassen konnte, war mein eigener Körper, meine Kräfte.
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Cruor
Genç KurguCruor - ein Mittel, das Leben rettet. Ein Mittel, das einen Preis fordert, den diejenigen zahlen müssen, die Cruor in sich tragen. Aber es ist ein Preis, den diejenigen nicht zahlen wollen! ------------------------- Helena, zieht nach dem Verlust ih...
