„Ich kann mich nicht erinnern dich jemals in einem Anzug gesehen zu haben", begrüßte ich Till, der außerordentlich gut aussah in seiner schwarzen Stoffhose und dem Jackett, das saß, als wäre es maßgeschneidert. Mit so einem Jungen würde jedes Mädchen gerne zum Abschlussball gehen. Nur leider gab es heute einen anderen Anlass für das Tragen eines Anzuges.
„Ich habe bis gestern auch keinen besessen", informierte mich Till und breitete seine Arme aus, damit ich seinen neuen Anzug in voller Gänze bewundern konnte.
„Du hättest dir doch nicht extra einen kaufen müssen."
„Mach dir mal keinen Kopf darüber. Hat eh meine Mutter bezahlt."
Ich richtete seine Krawatte, die etwas in Schieflage geraten war. Es war komisch hier so schick angezogen zu stehen. Meine Eltern konnten es eh nicht mehr sehen.
„Wie geht es dir?", fragte Till, der meine Anspannung mit Sicherheit spüren konnte.
Ich drehte nervös den Blumenstrauß in meiner Hand.
„Nicht gut", antwortete ich ehrlich. „Ich habe Angst. Ich will keine Kästen vor mir zu stehen haben, in denen die Körper meine Eltern liegen."
„Verständlich."
„Ich hasse Beerdigungen", murmelte ich und war mir darüber im Klaren, dass ich mit dieser Meinung wohl nicht allein auf dieser Welt war.
Till machte einen Schritt auf mich zu und zog mich in eine Umarmung. Mutmachend strich er mir über den Rücken.
„Du musst da nicht hingehen. Wir können auch einfach einen Spaziergang machen."
Das Wetter lud tatsächlich zu einem Spaziergang ein. Für Ende März war es erstaunlich warm und sonnig. Ich trug ein knielanges Kleid und eine dünne Strumpfhose und trotzdem war mir nicht kalt.
„Nein, ich habe das Gefühl, dass ich es meinen Eltern schuldig bin."
Till nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und sah zu mir hinab. Es war ein außergewöhnlich intimer Moment zwischen uns, doch es fühlte sich nicht komisch an. Ganz im Gegenteil.
„Ginger, du bist niemanden etwas schuldig", sprach er ernst. „Niemand zwingt dich dazu, in die Kapelle zu gehen."
Ich nickte.
„Ich weiß. Aber meine Großeltern werden da sein und wenn sie das schaffen, kann ich das auch."
Ich konnte spüren, wie Till sich um mich Sorgen machte. Das tat er viel zu oft.
„Sicher, dass du es schaffst?"
„Ja."
„Okay, dann hake dich bei mir unter. Du musst das ja nicht alleine durchstehen."
Ich tat wie er mir befahl. Ich wüsste nicht, was ich getan hätte, wenn er nicht mitgekommen wäre. Er war meine Stütze und das war nie anders gewesen.
Wir liefen durch den Friedhof zu der kleinen Kapelle. Die Luft war frisch und nach dem grauen, verregneten Winter war es gut endlich mal wieder die Sonnenstrahlen auf der Haut zu spüren. Die ersten Blumen schossen aus der Erde und verliehen der Welt ein bisschen Farbe.
Ich sah die Trauergemeinde schon von weitem. Es war eine schwarze Masse, die durch farbige Blumensträuße aufgemischt wurde.
Ich umklammerte Tills Hand fester. Ich würde alle Blicke auf mich ziehen, denn ich war nicht nur die Tochter der Toten, sondern auch das Mädchen, das die Leichen gefunden hatte. Ich war eine tragische Gestalt, die von allen bemitleidet wurde.
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Ginger
RomanceEine beste Freundin hat man für immer. Doch wenn man einen besten Freund hat, wird irgendwann Liebe daraus. Dieses Gerücht hält sich hartnäckig, doch Till und Ella treten den Gegenbeweis an. Ella braucht ihren besten Freund besonders, als das Schi...
